Montag, 13. Januar 2014

Gemütlichkeit

2012. Oder 2011. Ich glaube, das war noch eine Zeit, in der das Internet geil war.

In der man sich noch keine, bzw. nicht so viele Gedanken um Daten gemacht. In der man das Wort Social Media mit ein wenig Verliebtheit gesagt, fast geflüstert, hat.
Man likte so gemütlich vor sich hin - auch wenn man schon damals Facebook natürlich scheisse fand. Man twitterte über seine Verwandtschaft und sein mehr oder weniger vorhandenes Sexleben. Man instagramte sein Mittagessen und seine Katze. Man bloggte, xingte, pin(n)te, tumblerte, behancte und, und, und - und der User sah, dass es gut war.

Mehr als gut - eine Wonne!

Inzwischen haben wir 2014 und irgendwie ist jetzt alles ein bisschen weniger geil. Nicht die Menschen selbst, die hinter ihren Rechnern sitzen und liken, twittern, instagramen, pinnen und bloggen, sondern der Umgang mit dem Netz selbst.

Abgesehen davon, dass kaum einer sein Verhalten im Netz seit Mr. Snowden & Co. wirklich verändert hat, sondern nun einfach nur mit einem etwas mulmigeren Gefühl als sonst durch's #Neuland flaniert, ist es so, dass The United States of Social Media ihre Gemütlichkeit, ihre Unbeschwertheit, verloren hat. Zumindest für mich.

Abgesehen davon, dass ich mich unlängst in einem Zustand wieder fand, in dem ich von Seiten, die einfach nur Zeit fraßen, geradezu umzingelt war - Seiten, die man konsumiert, Seiten, die man selbst füttern muss, ständig füttern, weil sie nie satt werden, weil das Netz nie satt ist. Und selbst, wenn man sich eines schönen Tages aufrafft, bei einigen dieser Seiten den magischen Exit-Button zu drücken, sich abzumelden und sie in die ewigen Jagdgründe zu schicken, bleiben immer noch genügend Zeitfresserchen übrig -, ist es das Produzieren und Teilen von Inhalten selbst, was nun  neuerdings vermehrt mit dem Hervorwürgen kleiner Haarbällchen einherging.

Wenn ich sehe, dass der eine Internetanbieter - einfach nur, weil er Bock dazu hat - eine Drosselung ankündigt, die wohl meistgenutzte Suchmaschine ihre monopolgleiche Stellung zum Schaden kleiner Seiten und Blogger ausnutzt, und natürlich, dass mir Facebook mehr und mehr vorzuschreiben versucht, was mich interessiert bzw. was mir angezeigt wird - dann fängt es irgendwann an, keinen Spaß mehr zu machen. Dann verwandelt sich die blühende, muntere Spielwiese Internet in  ein nervtötendes Etwas, das einem im Namen des Hl. Kommerzius den letzten Spaß aus dem Cursor saugt.

Und all jene, die bisher dafür lebten, zu produzieren, die nach der willkommenen Aufmerksamkeit lechzten, die ihnen die durch die sozialen Plattformen gegeben waren, sitzen nun da wie ein Kind vor dem Süßigkeitenregal zu dem sie plötzlich keinen Zugang mehr haben.

Denn machen wir uns nichts vor. Im Netz geht es um Aufmerksamkeit. Wir zeigen unsere Fotos und Illustrationen, unsere Texte und Arbeiten, unseren Humor und unsere Tweets - um Aufmerksamkeit zu generieren, um zu sagen 'Hier bin ich, das bin ich und das ist meine Meinung'.
Manche tun es, um Geld zu verdienen, manche, weil es billiger als ein Therapeut ist, aber selbst jene, die sich in Foren komplett entblöden und im Kommentarbereich von Spiegel Online mit Hingabe und öffentlich ihre Existenzberechtigung in Frage stellen, geht es nur darum, gehört zu werden.

Man schreibt und zeichnet und twittert nicht für sich selbst - Für Menschen, die Dinge nur "für sich selbst" machen, wurden Tagebücher, Word Dokumente, Tapeten und Keller erfunden.

Das Netz ist ein Hort des Applaussuchenden, für die Einsamen auf der Suche nach Gleichgesinnten, es geht um Interaktion, um Kommunikation, um Teilnehmen und -haben - und sei es nur durch Lesen und Konsumieren.

Und genau deswegen ist das Netz eigentlich ein schöner Ort. Ein Ort, an dem jeder Platz hat, einen Platz findet.

Aber wie bei einer Beziehung, ist bei mir die Zeit des Flirtens und der rosaroten Brille vorbei ist und stattdessen hat eine Zeit begonnen, in der man Kompromisse eingehen muss. In der es anfängt, Arbeit zu werden und ich mich schließlich frage, ob eine Trennung nicht vielleicht besser wäre..

Doch wie bei einer realen Trennung, ist es die Angst vor dem Unbekannten, die einen davon abhält, den Schlussstrich zu ziehen. Weil man schon so lange in dieser Beziehung ist, dass man sich gar nicht vorstellen kann und mag, wie es ist, ohne zu leben. Allein. Komplett ohne Google, ohne Facebook, ohne die anderen ekligen Sachen, die dem Netz ihre Unschuld, ihre Behaglichkeit, ihre Gemütlichkeit, nehmen.

Man ist bequem geworden mit den Jahren und der Gedanke an fremde Suchmaschinen, an selbstgehostete Seiten, die man nicht wie bei Blogger im Setzbaukasten geliefert bekommt, an Briefe und verschlüsselte Emails statt WhatsApp und Mail Messenger, ist ungefähr so erfreulich wie der an eine allergenfreie Diät.

Ich weiß nicht, wie sich das Internet und das ganze Social Media Gedöns weiter entwickeln wird, aber ich mag die Richtung nicht, in die wir gehen, und ich weiß, dass ich nicht in einer Beziehung leben möchte, die nur aus Kompromissen und vor allem aus Abhängigkeiten besteht.

Und deswegen, liebes Internet, solltest du wissen, dass wir vielleicht zu einem Ehetherapeuten gehen sollten, wenn du nicht möchtest, dass ich mich von dir trenne. 

Denn so kann es mit uns beiden nicht weitergehen.

In diesem Sinne.

P.S.: Ich habe diesen Post Ende letzter Woche geschrieben und musste heute feststellen, dass Herr Lobo mehr als ähnliche Gedanken hatte und in der Frankfurter Allgemeinen die Kränkung der Netzgemeinde auf den Punkt beschrieben.