Samstag, 4. Januar 2014

Der Endgegner

Etwa zwei Stunden laufen wir neben einander am Rhein entlang. Zwei Stunden, in denen fast ausschließlich ich rede. Nein, nicht rede. Motze. Mich beschwere. Stöhne. In geradezu epischer Bandbreite, so dass selbst Homer irgendwann die Klagerei zuviel geworden wäre und er entnervt den Lamyfüller, oder womit er sonst so in seiner Hütte in Griechenland vor sich hin schrub, in die Ecke gedonnert hätte.

Zwei Stunden hört sie sich tapfer jedes Wort, jedes Stöhnen, jedes Gemecker an. Sie schweigt. Nickt. Hin und wieder versucht sie etwas zu sagen, wohlwissend, dass mein Aber und Das geht nicht, weil schneller aus mir herausschießen würden, als der Mageninhalt aus einem Cholerakranken.

Als sie nach diesen zwei Stunden auf ihr Fahrrad steigt und ich ihren Rücken dabei beobachte, wie er immer kleiner und kleiner wird, wird mir schlagartig klar, dass ich mir, wäre ich in den letzten zwei Stunden mit mir selbst am Rhein entlang spaziert, schon längst eine reingeschlagen hätte.

Ich hätte vielleicht zehn Minuten zugehört, vielleicht auch dreißig, aber wenn ich zum zwölfzigsten Thema gekommen wäre, das belegt, warum mein Leben so scheisse ist, wäre ich stehengeblieben, hätte mich gepackt und mir mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen. 

Erst rechts, dann links. Schön rhythmisch. Batsch. Batsch.

Und wenn mir die Tränen in die Augen gestiegen wären, weil ich sicher recht fest zugeschlagen hätte, hätte ich kein Mitleid mit mir gehabt, sondern mich angebrüllt: "Dann ändere doch was, du dusslige Kuh! Halt endlich die Fresse und mach was."

Ich bin selbst sehr ungeduldig, wenn andere Menschen leiden. Natürlich ist es völlig in Ordnung, hin und wieder mal ein wenig zu leiden. Du hast deinen Freund verloren. Deinen Job. Deinen Hund. Deine Beine. Alles gute Gründe, um zu leiden. 
Und genau dann braucht man Freunde, die sich das Geleide anhören, die wissen, dass man keine guten Ratschläge braucht, sondern nur jemanden, der zuhört, der nickt, der einem den Arm tätschelt. Es sei denn, man hat gerade den verloren, dann ist's natürlich blöd. 
Man braucht jemanden, bei dem man sich nur auskotzen kann, der den ganzen Gedankenmüll nimmt, ihn fein säuberlich in Tüten packt und wegschmeisst. 

Wahre Freunde wissen, wann sie die Fresse halten müssen. Und wahre Freunde wissen, wann sie dir dieselbe polieren müssen.

Weil irgendwann gut ist mit dem Rumgeleide. Weil der Ex durch das Genöle auch nicht wiederkommt. Weil neue Arbeitgeber keine Motzer mögen. Weil Beine nicht nachwachsen, wenn man nur lang genug die Stümpfe anschreit. 

Mir war an diesem Nachmittag bewusst geworden, was für eine zutiefst unzufriedene Person ich in den letzten zwei Jahren geworden war. Dass ich in einen Zustand geraten war, in dem alles, jeder Aspekt meines Lebens, mich zutiefst unglücklich machte. (Außer meinem Sohn, aber ich hatte schon von jeher eine Schwäche für Lebewesen, die über ihre eigenen Püpse in hysterisches Lachen ausbrechen können.)

Wieder zuhause schrieb ich sie auf. Jeden Aspekt, der mir mißfiel. Berufliche Situation, finanzielle, Freunde, Familie, die Wohnung, das eigene Aussehen und und und und. Nach dem Gebrauch von sehr vielen Textmarkern entfaltete sich vor mir eine mordorhaftige Landschaft des Unglücklichseins, die mein scheinbar düstereres Leben bis ins letzte Detail ausleuchtete und mir nackt und wütend meine eigene Depression entgegenschleuderte. 
Zu meiner Überraschung, nein, zu meiner grenzenlosen Irritation, musste ich jedoch bei genauerer Betrachtung feststellen, dass ca. 90% Dinge waren, die meiner alleinigen Kontrolle unterlagen, die nur von meiner reinen Willensstärke abhängig waren. 

Das Unglücklichsein war so schleichend in mein Leben gekommen, hatte sich still und heimlich, nach und nach, aller Bereiche meines Lebens bemächtigt, dass ich irgendwann ohnmächtig, beinahe katatonisch, nur noch des Motzens, als letzten Ausdrucks meines Widerwillens, mächtig, dasitzen konnte. 

Es nun fein säuberlich aufgeschrieben vor mir zu sehen und zu erkennen, dass die einzige Person, die an (fast) all diesen Dingen etwas ändern konnte, ich sein würde, gab mir plötzlich Kraft. Die anderen würden sich nicht ändern. Sie waren kaum in der Lage sich für sich selbst zu ändern, sie würden es daher erst recht nicht für jemand anderen schaffen.

Ich hatte in den letzten 24 Monaten Tag für Tag entschieden, welchen Menschen ich Zutritt zu meinem Leben gestattete. Wem ich Platz einräumte. Wem ich erlaubte, mir die Luft zum Atmen zu nehmen. Ich hatte entschieden, fernzusehen, statt zu schreiben. Ich hatte entschieden, keinen Sport zu machen und, statt zu kochen, abends schnell einen Döner zu holen. Ich hatte entschieden, dass die negative Meinung und das asoziale Verhalten einzelner Menschen mich Stück für Stück auseinandernahm, bis am Ende scheinbar nichts von mir übrig war.

Tag für Tag hatte ich die Macht über mein Leben verloren. Die Kraft strömte aus mir heraus wie das Blut aus einer aufgeschlitzten Vene. Ich war enthront, entmachtet, nicht mehr Herr meines Lebens, sondern saß stattdessen, stumpf und orientierungslos, im Verlies meiner eigenen Burg.

Bis zu diesem Nachmittag. 

Bis mir bewusst wurde, wie unfassbar unzufrieden ich war und vor allem, wie scheisse ich mich selbst finden würde, würde ich mit mir befreundet sein. 

Also zog ich mein purpurfarbenes Mäntelchen an, das dreckig in der Ecke meines Verlieses lag, trat die Eisentür auf, schlug den Wärter nieder, der erstaunliche Ähnlichkeit mit mir selbst hatte, und rannte nach oben zu meinem Thron, der verwaist und verstaubt meiner Rückkehr harrte.


Ich weiß, ich muss mit eiserner Faust regieren, mir mein Reich, mein Leben, mit unbändigem Willen und - wenn möglich - ohne Medikamente zurückerobern.

Aber vor allem weiß ich, dass ich nur einen einzigen Gegner habe. 

Mich selbst. 

Und wie gefährlich kann letztendlich ein Gegner sein, der für ein Glas Nutella seine eigene Großmutter an den ukrainischen Straßenstrich verkaufen würde?!