Mittwoch, 18. Dezember 2013

Nicht allein.

Ich mag das Internet. Das ist nichts neues. Manchmal mag ich das Internet weniger, das liegt aber primär an einzelnen Menschen, die das Internet mit einem Pumakäfig verwechseln und überall dort verbal hinscheissen, wo sie eine Entertaste finden. Aber generell mag ich das Internet. Sehr.

Gerade, beim Lesen, wurde mir mal wieder bewusst, wieso.

Ich habe Lena dieses Jahr im März auf einer Party in Köln kennengelernt. Zuvor wohnten wir 13 Monate in derselben Stadt ohne uns einmal zu treffen. Wir kannten uns zwar schon vorher, nickten uns immer mal wieder quer über die Timeline zu. Ein verständnisvolles Nicken, ein zustimmendes Nicken, ein aufseufzendes Nicken. Aber wir saßen uns nie gegenüber, tranken nie einen Kaffee, schauten uns nie in die Augen.

Lena ist größer als ich, was bedeutet, dass sie gefühlte 2,10m misst. Ihre Haare sind rot, ihre Augen leuchten, ihr Lachen steckt an. Sie ist tough. Schlagfertig. Rotzig. Geradeaus. Manchmal wirkt sie misanthropisch. Wir reden nicht lange, aber schnell ist klar, Lena ist wie ich. Harte, rotzige Schale nach außen, ruhiger, introvertierter Kern nach innen. 

Unsereins - und mir widerstrebt es von unsereins zu sprechen, da ich damit voraussetze, dass Lena mir zustimmt - ist anders als die anderen. Manche Menschen verstehen nicht, wie wir ich ticke. Schwierig ist manchmal ein Wort, dass dann fällt. Distanziert. Antisozial. Seltsam. Verschroben. Neurotisch. 

"Gib dir doch ein bisschen mehr Mühe!" sagt der Mann dann manchmal oft zu mir, wenn ich in einer Ecke in einem Sessel sitze, den Schal bis zur Nasenspitze hochgeschoben, in meinen Händen ein Buch, während gefühlt fünftausend genetisch oder juristisch mit ihm verwandte Personen um uns herumwuseln. Ich werfe einen Blick in die Runde und will mich unter einem Bett verstecken. Oder einer Höhle.
Nachher, wenn wir gehen, werde ich diese Menschen umarmen müssen. Weil ich sonst wieder gefragt werde, warum ich mich nicht normal verabschiedet habe. Normal. Ich habe kein Problem damit, nicht normal zu sein. Ich habe nur ein Problem damit, wenn andere wollen, dass ich so tue, als wäre ich normal.

Dann komme ich mir einsam vor. Missverstanden. Es ist nicht schön, wenn man das Gefühl hat unter Beobachtung zu stehen. Ich unterhalte mich nicht nicht, weil ich diese Menschen nicht mag, sondern weil es für mich anstrengend ist. Weil mein Kopf rattert, alle Glieder angespannt sind und mir die Mundwinkel vom Lächeln schmerzen.

Dieses Jahr werde ich Weihnachten mit 19 anderen Menschen verbringen. Und einem Hund. 

Einer dieser 19 Menschen ist mein Sohn, den muss ich lieb haben, das steht irgendwo geschrieben, aber Gott sei Dank spricht er noch nicht, mit einem der anderen habe ich Sex und damit vergebe ich ihm, dass er dauernd raus will, dauernd was machen will, dauernd reden will, dauernd irgendwas will.

Ich werde nicht in einer Ecke sitzen und mich in die fantastischen Untiefen meines iPhones stürzen dürfen. Ich werde zu diesen Menschen gehen, die alle sehr lieb sind und nett, und ich werde lächeln und werde fragen, wie es ihnen geht, werde sagen wie es mir geht, werde erzählen, wie es mit meinem Sohn läuft, ja, er kann schon gehen, ja, er ist sehr früh dran, aber ansonsten dumm wie ein lobotomiertes Pantoffeltierchen. Dann werden sie lachen und ich werde lachen und dann gibt es Essen und ich werde so tun, als wenn ich das lecker finden würde, während ich unter dem Tisch google, wie lange der Kaufland noch aufhat, damit ich mir Milka kaufen kann, und dann werden wir die Kinder ins Bett bringen und die Erwachsenen werden beim Kamin sitzen und es wird Alkohol geben, viel Alkohol, und ich werde gefragt werden, was ich trinken möchte, rot oder weiß, und ich werde sagen, ich mag keinen Wein, ich mag generell keinen Alkohol, und der Schwiegervater wird fragen, was denn mit mir nicht stimmt, und da ist es wieder, dieses Gefühl anders zu sein. 
Um zehn werde ich den ersten Anlauf nehmen ins Bett gehen zu wollen, aber ich werde noch bis mindestens elf hier sitzen bleiben, weil sonst der Mann später fragt, warum ich mich so ausgrenze und dass er es schade findet, dass ich immer so distanziert sei, man hätte mir ja schließlich nichts getan. 

Und ich werde atmen, einfach nur atmen, und mir sagen, dass ich nicht allein bin. Dass ich zwar anders, aber nicht allein bin. 

Denn da draußen, weit weg von hier, sind sie. Die Lenas und die Frau Meikes dieser Welt. Menschen, die anders sind. Auf betörende Art anders. Manchmal missverstanden, manchmal laut, aber oft auch sehr leise. Sie sitzen an ihren Rechnern, blicken durch ihre Kameralinsen, lauschen den Gedanken in ihren Köpfen, schreiben manche davon auf und klicken dann irgendwann auf Enter, damit ich ihre Gedanken lesen kann.

Und dann weiß ich, dass, hunderte Kilometer von mir entfernt, ein Mensch sitzt, der genauso tickt wie ich und dass ich vielleicht nicht normal bin, aber vor allem nicht allein.

Danke dafür.