Mittwoch, 11. Dezember 2013

MHD

Wenn ich mir etwas zu Weihnachten wünschen dürfte, dann wäre es ein Mindesthaltbarkeitsdatum.

Ein Mindesthaltbarkeitsdatum für Menschen.

Man findet diese Dinger schließlich überall. Auf der Milch, den Eiern, der Leberwurst, dem Joghurt, ja selbst an Orten, an denen sie völlig überflüssig und schlichtweg unnötig sind, wie zum Beispiel einem Nutellaglas. Als ob es jemals in der Weltgeschichte einen dokumentierten Fall gegeben hätte, in dem ein Mensch plötzlich, unerwartet und verärgert feststellen musste, dass sein angebrochenes Nutellaglas abgelaufen war, bevor er es leergegessen hat!

Aber da, wo es eigentlich am Nötigsten wäre, da fehlt es. Bei Menschen.

Ich kann gar nicht aufzählen, wie oft ich schon an dem Punkt in meinem Leben gewesen bin, wo ich nicht mehr sicher war, ob diese Person, die eine spezielle, die einem doch immer so wichtig gewesen ist, die Energie, die Zeit, die Mühe, den Ärger, immer noch wert war. Ob dieses sich über den anderen ärgern irgendwann mal wieder vorübergehen oder nun für immer anhalten würde, und wann das genau angefangen hat, dass man sich nur noch über den anderen ärgert und schmollend durch die Gegend läuft und eben nicht mehr lachend, wenn man an ebendiesen denkt. Diese plötzliche Unsicherheit, ob diese Beziehung, diese Freundschaft, ihren Zenit, nein, ihr Mindesthaltbarkeitsdatum nicht schon längst überschritten hat.

Also gucken wir den anderen einfach dumm und fragend an, wissen es nicht und hadern mit uns. Versuchen es weiter. Sehen über Fehler hinweg, über das Nicht-mehr-miteinander-funktionieren, gehen erneut aufeinander zu, versöhnen uns, streiten, schmollen, dieses Mal länger, das Mal danach noch längererer, und das alles nur, weil damals, ja, damals, war es doch so schön und es kann, es muss einfach wieder so werden, man muss nur wollen, muss sich nur genug Mühe geben!

Aber weil man ja nicht weiß, dass man das Mindesthaltbarkeitsdatum schon längst überschritten hat, dass Menschen sich im Grunde wie Milchprodukte verhalten, nie in der selben Konsistenz verharren, sondern sich ständig wandeln, in Butter, Käse und irgendwann ranzig werden oder vor sich hin schimmeln, und man das aber gar nicht ahnt und gar nicht mitbekommen hat, dass der beste Freund gar keine Vollmilch mehr ist, sondern inzwischen ganz anders riecht und schmeckt und redet und überhaupt einen ganz stark an Bresso erinnert und man mag ja eigentlich gar keinen Bresso, aber der Freundschaft zuliebe, dieser tollen Freundschaft zuliebe, die ja schließlich schon seit Jahrzehnten existiert und allein deswegen bis in alle Ewigkeit existieren muss, sieht man darüber hinweg, ignoriert es, ignoriert die Veränderung, bis irgendwann der Bresso zum Himmel stinkt und man bei seinem Anblick spürt, wie kleine Kotzebröckchen die Speiseröhre hinaufschießen.

Wenn eine Freundschaft diesen Punkt erreicht, überschritten hat, wird es hässlich.

All das positive, was man früher einmal für diese Person empfunden hat, all das, was so lange und langsam vor sich hin schimmelte, all das stinkt nun mit einer so grässlichen Impertinenz, dass man sich des Ganzen gar nicht mehr galant entledigen kann.

Ist also letzten Endes weniger die Tatsache das Problem, dass Menschen sind ändern, und deswegen Freundschaften zerbrechen, sondern, dass wir es nicht wahrhaben wollen?

Eigentlich wissen wir doch, dass alles endlich ist. Alles. Nahrungsmittel, Kleidung, das Leben selbst. Doch wir tun gerne noch so, als wenn der Mensch an sich immer derselbe bleibe würde, die Beziehung, die man mit ihm in genau dieser Sekunde hat, auf ewig genau diese bleiben wird.

Wir wollen einfach ignorieren, dass sich Menschen verändern.

Weil sie Dinge erleben, weil sie krank werden, weil jemand krank wird, den sie lieben, weil jemand stirbt, den sie lieben, weil sie arbeitslos werden, weil sie einen geilen Job finden und viel Geld verdienen, weil sie einen Partner finden, weil sie keinen Partner finden, weil sie Kinder kriegen, weil sie keine kriegen, obwohl sie doch unbedingt welche wollen, weil, weil, weil.

Weil das Leben nicht Stagnation ist. Weil der Mensch nicht stagniert. Weil zwei Menschen nicht auf ewig im selben Tempo voranschreiten, weil sie andere Wege wählen, Haken schlagen, stehenbleiben oder sich gar hinlegen und einfach weigern weiter zu gehen.

Und irgendwann ist dann der Moment, in dem ein Mensch, der solange neben dir hergelaufen ist, mit dem du deine Träume, deine Sorgen, geteilt hast, der mehr von dir weiß, als jeder andere, einfach nicht mehr da ist.

Weil er dich überholt hat.

Weil er irgendwo rechts abgebogen ist.

Vielleicht würde uns allen der Abschied mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum, mit dem damit verbundenen Wissen, dass diese Freundschaft nun mal jetzt zu Ende ist, helfen, besser damit klar zu kommen. Helfen den Punkt nicht zu verpassen, an dem man eine Freundschaft im Guten beendet, bevor sie hässlich wird und stinkt.