Samstag, 23. November 2013

Och nö.

Als hätte mich irgendwas fieses in den Arsch gebissen, stolperte ich panisch und nur mit mäßiger Eleganz in den Flur und betrachtete von dort, in vermeintlich sicherer Entfernung, das Stück Plastik, das weiterhin seelenruhig, fast schon trotzig, im Badezimmer am Waschbecken lag und so tat, als wäre nichts.
Ich verharrte regungslos in einer eher albernen Pose, so wie ein Opossum, das sich plötzlich Aug in Aug mit einem Raubtier wiederfindet und nun mit der Entscheidung, ob es weglaufen oder sich totstellen soll, restlos überfordert ist.
Zu meiner eigenen Irritation passierte jedoch nichts. Also wirklich rein gar nichts. In der gesamten Wohnung herrschte eine geradezu beängstigende Stille. Nirgendwo ein Laut, ein Mucks, selbst mein Rechner schien vor Schreck das hubschrauberimitierende Lüften zu unterlassen. In Filmen war dies in der Regel der Moment, kurz bevor die Apokalypse begann, bevor der Höllenschlund sich öffnete, um Buffy oder sonst einen zu vernachlässigenden Nebendarsteller zu verschlingen. Ich erwartete sekündlich das Einsetzen einer Mundharmonika oder sonstige musischen Einlagen aus der Feder Ennio Morricones.
Aber es passierte auch weiterhin nichts. Kein Höllenschlund, kein Raubtier, keine Apokalypse, und daher tapste ich nach gefühlten zehn Minuten wie ein narkotisierter Panda zurück ins Badezimmer, den Blick vom Auslöser meines emotionalen Durcheinanders nicht abwendend. Zu meinem grenzenlosen Entsetzen musste ich dort angekommen jedoch feststellen, dass das Ergebnis immer noch dasselbe war.
Schwanger.
Wie höhnisch neun simple Buchstaben doch aussehen können, dachte ich, mich bemühend nicht quer über die Fliesen zu vomieren.
Da mir – Sie werden es vielleicht mitbekommen haben – das Resultat weiterhin absolut nicht passte, kam ich zu dem einfachen Schluss, dass es falsch sein musste.
Einfach aus dem Grund, weil es nicht richtig sein durfte.
Der erste Test vor einigen Tagen war von einer beeindruckenden Uneindeutigkeit gewesen – so wie man sich Resultate in der Regel wünscht, wenn man sich die Realität mit Vorliebe so verdreht, wie sie einem am Besten passt. Der zweite Streifen war so blassrosa gewesen, dass, wenn man nur lange genug darauf starrte, ihn gänzlich zum Verschwinden bringen konnte.
Ärgerlicherweise überzeugte das den Mann, dem es an der nötigen Fantasie und Verdrängungstaktik mangelte, nur mäßig. Daher wurde ich genötigt einen zweiten zu kaufen. Eine ohne Streifen. Einen, der klipp und klar in lateinischen Lettern Schwanger oder Nicht schwanger anzeigte. In diesem Fall dummerweise ersteres.
Aber! So schoss es mir durchs Köpfchen, konnte das Ergebnis doch gar nicht richtig sein, denn es handelte sich bei diesem Ding doch um eine Art von Minicomputer und wenn solche Dinge mit einer Sache nicht klar kamen, dann war das ganz eindeutig Flüssigkeit.
Pipi und Technikkrams sind keine Freunde, das weiß jeder, dem sein iPhone schon mal ins Klo gefallen ist, die stehen sich wie Nazis und Bolschewisten gegenüber, feindselig, unversöhnlich, und am Ende muss der eine den anderen vernichten. Das war ja weitläufig bekannt. Und ich musste sowas wissen, ich hatte studiert.
Ich beschloss daher, dass der Test kaputtgegangen sein musste, als ich ihn dem vernichtenden Nass aussetzte.
Da – wieder einmal! – der Mann sicherlich meine Interpretation der Realität bestenfalls als fragwürdig einstufen würde, beschloss ich die Uriniererei in eine Arztpraxis zu verlegen, wo man mir sicher flugs versichern würde, dass in meinem Uterus nichts alienhaftes wuchs, was da nicht hingehörte.
Weil sich mein Ärztin dummerweise aber rund 400km entfernt in Berlin befand und mir die Sprechstundenhilfe am Telefon reichlich emphatisch versicherte, dass es sich nicht um diese Art von Notfall handelte, für den sie zu mir nach Hamburg kommen würde und ich aufhören solle, sie anzuschreien, sah ich mich gezwungen im Internet nach einem Wildfremden zu suchen, der ebenfalls dem Berufsfeld der Vaginalogie frönte.
Die Suche nach dem richtigen Frauenarzt ist in den östrogengetränkten Kreisen dieser Welt ein fast endlos anmutendes Thema voller Leid, stets zu kalter Untersuchungsinstrumenten aus Metall und hinrichtungswürdigen Sprechstundenamöben, die genau dann die Tür aufreißen, wenn man breitbeinig wie die Hure Babylons in den Steigbügeln hängt.
Ich fand recht schnell einen vermeintlich passenden und während ich meine Freundin Jana anrief, um ihr zu sagen, dass ich nicht schwanger sei und um mir das bestätigen zu lassen, später zu einem Arzt gehen würde und sie mir bitte bis dahin das schwitzige Händchen halten müsse, hörte ich den Schlüssel im Schloss. Der Mann steckte sein ekelerregend gut gelauntes Köpfchen durch die Tür und lächelte. Ich lächelte affektiert zurück, nuschelte noch ein konspiratives „Er ist hier.“ ins Handy und legte auf. „Wie war dein Sport?“ flötete ich, während ich das Handy zum Schwangerschaftstest in die Tasche stopfte und mich in meine Jacke schmiss. „Gut. Wohin willst du?“Jana. Ich sagte doch, dass ich mich heute mit ihr treffen wollte.“ „Hm. Erinnere mich nicht, dass du mir das gesagt hast.“ „Ganz sicher. Musst du vergessen haben. Tschüss.“ Ich drückte ihm einen Kuss auf die Wange und verschwand, noch ehe er etwas sagen konnte, durch die Tür, Richtung Schanze, wo Jana im Café schon mit einem breiten Grinsen auf mich wartete.
„Du bist schwanger!“ jauchzte sie. „Nein,“ fauchte ich, verärgerte darüber, dass sie es laut aussprach, ganz so als könnte es dadurch wahr werden „bin ich nicht.“ Ich setzte mich, während sie vor Freude fast zu platzen schien: „Hast du dir schon überlegt, was du lieber hättest, ein Mädchen oder einen Jungen?“ Ich verdrehte die Augen: „Ich. Bin. Nicht. Schwanger. Aber ein Mädchen.“
Sie müssen wissen, ich habe nichts gegen Kinder. Nicht per se. Sie sind wunderbar. So lange sie einen Mindestabstand von fünf Metern zu mir halten und ich sie nicht anfassen, füttern, saubermachen oder an ihnen riechen muss.
Ich empfinde es schlichtweg als unfair, dass sie die einzige Bevölkerungsgruppe auf der Welt sind, die sich komplett irrational und geradezu wahnsinnig verhalten darf und trotzdem immer noch als süß empfunden wird.
Man kann mit ihnen kein gescheites Gespräch führen und ihre Vorstellung oder gar praktische Umsetzung von Grammatik ist geradezu eine Zumutung. Hinzukommt, dass rund 80% ihrer Körperöffnungen undicht sind und sind sie irgendwann endlich mal halbwegs stubenrein, entpuppen sie sich als das reine Böse unter der Sonne, dem man sein restliches Leben das Konzept von sozialem Miteinander und Ethik einbläuen muss. Ein Konzept, dass ich selbst bestenfalls rudimentär verinnerlicht habe – und ein kurzer Blick in die täglichen Nachrichten lässt erahnen, dass ich da nicht die einzige bin.
Das und die Tatsache, dass Kinder nichts anderes als Miniatur-Ausgaben jener Spezies sind, von der ohnehin schon viel zu viele Mitglieder auf diesem doch recht schmucken Planeten umherwandern, führt dazu, dass ich nun einmal nie selbst Kinder haben wollte.
Ich sah mich eher als der Typ Mensch, der sich im hohen Alter mit wirrem Haar, irrem Blick und siebzehn Katzen in einem 1-Zimmer-Appartement in Marzahn wiederfinden würde.
Sie kennen den Typ aus RTL2.
Kacken und Kotzen tun Katzen ebenfalls ohne Ende, aber ist bei ihnen zumindest gesichert, dass sie eines Nachts nicht unerwartet an deinem Bett stehen, mit Hockeymaske und Kettensäge, um mit dir ein überemotionales Gespräch über deine vermeintlich fragwürdigen Erziehungsmethoden zu führen.
Dieses und noch einiges andere ging mir durch den Kopf, als ich eine Stunde später im Wartezimmer saß und wie ein Soziopath summend das Leder der Sessel streichelte. Ich versuchte mich mit der Frage abzulenken, was Ärzte dazu verleitet ihr Wartezimmer mit Stühlen zu bestücken, die orthopädisch fast an Körperverletzung grenzten, vor allem wenn die Kundschaft primär aus Frauen besteht, die sich ab einem gewissen Zeitpunkt nur noch mit der grazilen Schwermut eines angeschossenen Seeelefanten bewegen können.
Ehe ich zu einer Antwort gelangen konnte, wurde ich hereingerufen und fand mich einem Mann ungewissen Alters gegenüber, irgendwas zwischen 53 und 97, mit weißem, recht vollem und fluffigem Haar, das den Anschein einer sorgfältigen Pflege erweckte und bei näherer Inspektion sicherlich nach Kokos oder Mango duften würde. Seine Hände waren von blauen Äderchen überzogen und ließen eine, den Haaren vergleichbare Pflege, vermissen, denn sie waren rau und kalt, was bei Frauenärzten generell eher eine unglückliche Fügung darstellt.
Nach dem gesellschaftlich notwendigen Händeschütteln und dem darauf emotionslosen und nur mit mäßigem Interesse vorgetragenen „Was führt Sie zu mir?“, erläuterte ich kurz und knapp mein Dilemma, nicht ohne mehr als deutlich zu machen, welches Ergebnis ich von ihm erwartete.
„Na,“ sagte er und erhob sich aus seinem Stuhl „dann schauen wir mal nach.“ Er öffnete die Tür zum Nebenzimmer und ich folgte ihm, in der lustigen Annahme, gleich einen weißen Plastikbecher ins Händchen gedrückt zu bekommen. Schlagartig wurde mir jedoch bewusst, was der Mann mit „Na, dann schauen wir mal nach meinte.“
Panisch, wie Inspektor Dreyfus aus den Pink Panther Filmen blinzelnd, folgte ich ihm, fand mich kurze Zeit später in der üblichen Stellung wieder und begann augenblicklich im Geiste Texte zu rezitieren, die ich vor Jahren auswendig gelernt hatte:
Now is the winter of our discontent
„Das wird jetzt ein wenig kalt..“
Made glorious summer by this sun of York
„Soooo, dann schauen wir mal..“
And all the clouds that hung upon our house
„Das da ist ihre Gebärmutter..“
In the deep bossom of the ocean buried
„Und da haben wir die Fruchthöhle..“
Now, are our hou- fruchtwas?
„Hier. Sehen Sie? Recht eindeutig.“ Er fuhr mit seinem Finger über den Ultraschall und befummelte auf dem Bildschirm etwas, was für mich wie eine ausgekotzte Erbse oder ein Kaugummi aussah. „Vielleicht ist es ein Tumor.“ meinte ich trotzig, da ich nach acht Staffeln Dr. House und zehn Staffeln Grey’s Anatomy durchaus in der Lage war, so etwas zu diagnostizieren. „Glaube ich eher nicht. Sie können sich wieder anziehen. Wir machen zur Sicherheit noch eine Urinprobe.“
Verstört zog ich mich an und fand mich kurz danach pinkelnderweise alleine wieder. Ich konnte es kaum glauben, aber es war unleugbar. Ich konnte die Wahrheit nun nicht länger verdrängen. Ich hatte eine Tumor.
Wie würde meine Familie mit all dem umgehen? Wie ich selbst? Und überhaupt, wie sollte ich- „Haben Sie gehört, was ich gesagt habe?“ Zu meiner Irritation war ich wieder im Sprechzimmer. Dr. fluffiges Haar saß mit übereinander gefalteten Händen mir gegenüber. Er hatte wirklich sehr schönes Haar. Ob ich in dem Alter auch noch so gesundes Haar haben werde? Vielleicht sollte ich ihn fragen, welche Pflegespülung er kauft. „Hmm.. was?“ fragte ich stattdessen. „Ob Sie verstanden haben, was ich gesagt habe?“ Ich kniff die Augen zusammen „Ehm. Ja. Ich meine, nein. Was?“ Er zog die makellos gezupften Augenbrauen kritisch nach oben und für einen Moment war es wie damals im Geschichtsunterricht als mein Lehrer merkte, dass ich währenddessen einen Cheeseburger aß.
„Also,“ sagte er, inzwischen sichtlich genervt „das Testergebnis ist eindeutig positiv.“ „Was meinen Sie mit eindeutig?“ „100%.“ „Und wenn Sie 100% sagen, meinen Sie.. was? 95, 70, 50?“ „Hören Sie, ich verstehe, wenn das für Sie unerwartet kommt, aber Sie sind schwanger. Eindeutig und 100%ig. Daran gibt es nichts zu rütteln. Ich verschreibe Ihnen jetzt erst einmal Folsäuretabletten und schlage vor, dass Sie sich in Berlin von Ihrer Frauenärztin ausführlich informieren lassen.“
Ehe ich mich versah, war das Gespräch beendet, ich wandelte wie betrunken raus, runter zur Apotheke, ließ dort einen stundenlangen Vortrag über all das, was ich nun durfte und sollte und musste, aber vor allem, was ich nun alles nicht mehr durfte, über mich ergehen, oh Gott, soviel, was ich nicht mehr durfte, ich bekam Tabletten, damit das Kind nicht mit offenem Rücken oder Flossen oder einem Penis auf der Stirn oder sonst irgendwas komischem zur Welt kam, ich hatte den Überblick verloren, schwankte mit Informationsbroschüren, für die sicherlich der halbe Amazonas abgeholzt worden war, zur Bahn, zurück zur Wohnung des Mannes; auf halben Wege fiel mir wieder ein „Käse, der Mann wollte doch noch Käse!“, also bog ich schnell noch beim REWE ab, stand vor dem Käseregal, vor soviel Käse, soviel, und hatte die Frau in der Apotheke nicht gesagt, ich dürfe nun keinen Rohmilchkäse mehr essen, ich schaute auf den Babybel in meiner Hand, Rohmilchkäse, Rohmilchkäse, was war das überhaupt und wo stand das und was passierte, wenn ich welchen aß und überhaupt hatte ich doch keine Ahnung, was ich hier tat. Mein Herz schlug immer schneller und ich schloss die Augen. „Ein Baby!“ dachte ich „So ein Mist, ich kriege ein Baby.“

Und plötzlich konnte ich nicht anders. Ich musste lächeln.

[Et voilà. Text No. Zwo von der Lesung am 08. November in Bonn]