Samstag, 9. November 2013

Das Leben der anderen

"Weißt du, Claudia," sagt sie urplötzlich und macht eine unnötig dramatische Pause, indem sie an ihrem veganen Caramell Frappucchino Light ohne Sahne und ohne Karamell und ohne Geschmack nippt "ist ja alles ganz toll, Twitter, Bloggen, dieser ganze Kram. Klingt nach fun. Aber weißt du, ich habe ein Leben, ich habe für so etwas keine Zeit."

Sie nimmt einen weiteren Schluck, während sie mich über den Becherrand wie ein angepisstes Raubtier fixiert, das zwar eigentlich gar keinen Hunger hat, mich aber dennoch furchtbar gerne abschlachten würde. Des funs wegen. Währenddessen überlege ich, wie tief ich ihr wohl ihren scheiss veganen ich-rette-die-Welt-indem-solche-Getränke-kaufe-Frappucchino in den Rachen rammen kann, damit da nie mehr eine solche gequirlte Scheisse  raus kommt.

Ein Leben! äfft meine Hitlerstimme sie im Kopf nach. EIN LEBEN! Fick dich doch.

Diese Auseinandersetzung ist fast so alt wie das Leben. Die vermeintliche Auseinandersetzung zwischen „On- und Offlinern“, dieser nicht-mehr-Kleinkrieg, sondern dieses geradezu apokalyptische Kulturgemetzel. "Wir" (wer immer das ist) auf der einen Seite, "Die" (wer immer das ist) auf der anderen. 

Ich stelle mir beide Seiten immer sehr überzogen vor. 

"Wir" in Räumen ohne Tageslicht, die einzige Lichtquelle ist das Flackern unseres Bildschirms, umgeben von Chipstüten und koffeinhaltigen Getränken der verschiedensten Couleur. Langsam verfettend und primär vegetierend, nur sekundär lebend, während wir den ganzen, lieben Tag nichts anderes machen als Katzenfotos zu liken, uns mit Mett und Nutella abzureiben, Boris Becker auf Twitter zu bashen, aber vor allem Blogs zu lesen und selbst welche zu schreiben, die andere langsam verfettende und vor sich hin vegetierende Menschen dann wieder lesen. 

Ein Kreislauf des Verfettens und Vegetierens.

Das Haus verlassen wir nur nach Sonnenuntergang, weil wir das Sonnenlicht nicht mehr ertragen und zu Staub verfallen würden. Wir huschen wie Schatten zum nächsten Supermarkt, am Besten Netto - Kaiser's & Co. können wir uns nicht leisten, denn wir sind ja alle arbeitslos, sonst hätten wir ja auch keine Zeit für unseren "Lebensstil" -, um uns dann dort mit neuen Kohlenhydraten und Fetten und Koffeinen und vor allem Katzenfutter einzudecken.
Auf dem Nachhauseweg gehen wir vielleicht noch schnell zu McDonald's oder dem Dönerladen - Fleisch ist wichtig, das wissen selbst wir, wegen Eisen und B12, und die Ratten in der Wohnung sind inzwischen ja leider zu schnell für uns, weil wir so fett sind. 

Wenn wir wieder zuhause angekommen sind, haben wir 23 Tweets abgeschickt - 37, wenn an der Kasse ein Rentner vor uns war -, haben sechs Mal irgendwas durch Instagramfilter gejagt (quasi als Beweis, dass wir das Haus auch tatsächlich verlassen haben) und vier Mal Facebook aufgerufen, um zu liken, wenn mal wieder irgendjemand, den wir nicht persönlich kennen, von dem wir aber super sicher sind, dass wir ihm auf der re:publica mal zugenickt haben, was negatives über Facebook schrieb.
Facebook!, murmeln wir dann halblaut und sehr verächtlich, während wir eine Fertiglasagne in die Mikrowelle schieben, weil es bei McDonald's so voll war, dass wir den Gedanken kaum ertragen konnten, uns länger als 3,27 Minuten dort aufhalten zu müssen.
Ohnehin ist Schlangestehen schon das Maximum an sozialer Interaktion, was wir im Durchschnitt so ertragen können. Menschen da draußen sind anstrengend, sie reden, meistens laut, manche spucken dabei, manche riechen dabei und man kann sie außerhalb des Netzes nur mit roher Gewalt muten oder blocken und wenn man das dann macht, landet man nur wieder bei Punkt 12 oder sonst einer gehirnvergewaltigenden Sendung. Ne, dann lieber zuhause bleiben, Schwiegertochter gesucht gucken und dabei twittern, wie scheisse RTL doch ist. 

Das sind "wir".

Und die anderen. Die kennen wir natürlich nur aus dem Fernsehen. Aus Rote Rosen, In aller Freundschaft, GZSZ, Frauentausch und Filmen mit Veronika Ferres. Die haben immer Wohnungen oder gar Häuser, bei denen sie sich die Mühe machen einmal am Tag das Rollo hoch- und wieder runter zu machen. Sie essen super gesunde Sachen, irgendwas mit Ballaststoffen und Trockenobst, damit sie immer pünktlich um 7.35h Verdauung haben, tragen Jogginghosen nur zum Joggen (!!) und gehen von acht bis achtzehn Uhr arbeiten, anschließend zum Pilates, Power-Yoga oder Tae Bo, dann duschen sie, jeden Tag!, und gehen nach Hause, wo sie einen Salat mit Staub essen. Abends lesen Sie. Papier. FAZ oder Gabriel Garcia Marquez. Hauptsache etwas, was sie kaum aussprechen können, was aber unterstreicht, wie wahnsinnig klug sie sind.  Mehrmals die Woche treffen sie sich mit ihren Freunden. In einer Cocktailbar oder zum Essen oder zum Kaffee oder zum Brunchen. 

"Wir" würden am Wochenende ja auch brunchen gehen, aber da läuft Shaun das Schaf

Und außerdem haben wir keine Freunde.

Treffen sie sich nicht mit ihren Freunden, telefonieren sie mit ihnen. Manche haben auch Smartphones, aber die Frage ob man ein Smartphone, das ausschließlich für die Einkaufsliste, die Weckerfunktion und zum Telefonieren genutzt wird, noch weiterhin so genannt werden kann, konnte selbst von Ranga Yogeshwar bisher nicht eindeutig geklärt werden.

Irgendwann finden diese Menschen dann einen Partner, so ganz ohne Parship, Finya & Co., was ja schon fast ein bisschen eklig und unnormal ist, weil sie ja raus gehen, unter Menschen, unter ihresgleichen. Der isst dann auch immer ganz viele Ballaststoffe und dann machen Sie einen Plan, wer wann ins Bad kann, damit sich das nicht überschneidet, weil es wäre ja doof, wenn sie nicht mehr leugnen könnten, dass der andere auch kackt, weil dann ist der Zauber weg und sie können nicht jeden Tag Sex haben; nachher dann eh nur einmal die Woche und bitte mit vorher Bescheid sagen.

Dann kriegt man Kinder und einen Volvo und zieht von der Wohnung in ein Haus. Man muss sich um die Kinder kümmern, muss das Haus putzen, den Garten jäten, den Volvo polieren und ab und zu die Frau. 
Vielleicht holt man sich noch einen Hund, einen kleinen Münsterländer oder Weimaraner, irgendwas, was gut auf das Ölgemälde über dem Kamin im Wohnzimmer passt. 
Man geht natürlich weiterhin noch arbeiten, natürlich!, trifft sich weiterhin mit seinen Freunden, natürlich!, und nennt das Ganze dann Leben und sitzt dann in einem Café über einem Getränk mit einem furchtbar albernen Namen zu einem furchtbar lächerlichen Preis und findet sich schon ziemlich geil. Weil man das ja alles hat und deswegen keine Zeit für fun.

Und ich, als ein Teil von wir, ich habe natürlich auch ein Leben. 

Nur ein anderes.

Aber vor allem habe ich den ganzen Tag Chips, Flips und jede Menge fun!! 

[Diesen Text las ich am 8. November auf der #Mimimimi-Herbstlesung in Bonn, die dank der Organisatoren, der anderen Autoren und des Publikums sehr bezaubernd war. Sie wäre nur noch zu übertreffen gewesen, hätte sie nicht in Bonn stattgefunden.]