Montag, 7. Oktober 2013

Theorie

Ich denke, wir sind uns darüber einig, dass das Internet ein verflucht großer Ort ist. Ein dermaßen großer Ort, dass eigentlich für alle Platz ist. Dass jeder sein Plätzchen, seinen Rückzugsort, seine persönliche Ecke finden kann, in der er sich ausleben, austoben und wohlfühlen kann.

Menschen, die bloggen. Menschen, die ihr Essen instagramen. Menschen, die furchtbar kreativ sind. Menschen, die furchtbar langweilig sind. Menschen, die selbstgehäkelte Topflappen verkaufen. Menschen, die ihre Fußnägel als Knabbereien verkaufen. Menschen, die noch ganz andere Sachen verkaufen. 

Für jeden ist etwas dabei. Jeder sucht und wird hier fündig. Und das ist im Endeffekt das Schöne - dass das Internet ein Ort ist, in dem jeder willkommen ist, jeder zuhause sein kann. Jeder das findet, was er sucht oder meint zu brauchen.

Also in der Theorie.

Zu meiner Irritation, aber vor allem zu meiner Verärgerung, musste ich heute mal wieder feststellen, dass der Mensch sich in der Praxis überall gleich verhält. Sowohl im "Real Life", als auch im Netz. 

Egal, ob er als Zwölfjähriger auf dem Schulhof steht und mit dem Finger auf die kleine Fette mit der Zahnspange und den krausen Haaren zeigt oder als Mittzwanzigdreißigegalwiealter auf Facebook, Twitter & Co. mit dem digitalen Zeigefinger auf andere zeigt, während er sich mit der anderen Hand vor dem - dafür extra am Schreibtisch angebrachten - Spiegel einen runterholt.

Denn darum geht es beim lustigen Fingerzeigspiel doch letzten Endes: Die eigene Geilheit anhand der vermeintlich peinlichen und überflüssigen Existenz des anderen zu demonstrieren. 

Plötzlich ist es egal, dass man die asozialen Jahre der Pubertät schon längst hinter sich gelassen hat und sich ansonsten gerne als aufgeklärter, gebildeter Erwachsener gibt. 
Plötzlich ist es egal, dass man ein Kind zuhause hat, dem man tagtäglich Toleranz und andere scheinbar alberne Ideen predigt, die man dann selbst gerne allzu schnell vergisst, sobald sich irgendwo ein Likebutton wie eine billige Hafennutte zum fi.. klicken anbietet. 
Es ist egal, dass man sonst den politisch Korrekten gibt, weil das generell ja recht nützlich ist, wenn man sich empören als einziges Hobby pflegt.

All das ist egal, wenn man jemanden gefunden hat, über den man sich lustig machen kann. Auf den man mit dem Finger zeigen kann. Den man als Beispiel zeigen und vor allem vorführen kann. Als Beispiel dafür, wie blöd andere und unfassbar geil man doch selbst ist.

Stein des heutigen, verärgerten Anstoßes war ein Blog einer jungen Dame, die, nun sagen wir, sie ist keine zweite Anousch Mueller und wird vermutlich keinen preisgekrönten Roman schreiben. Sie ist  Mutter eines Sohnes, der einen klischeebeladenen englischen Vornamen trägt und hat einen Freund mit einem nicht minder klischeebeladenen türkischen Vornamen. 
Betrachtet man ihre Fotos drängt sich einem der Gedanke auf, dass sie Kosmetikgedöns, Solarien und die Farbe Rosa an sich wohl sehr töfte findet. Ihre Blogeinträge drehen sich primär um ihre Einkäufe bei dm, H&M und Primark, sowie ihre Haarfarbe.
Leicht huscht einem ein Schmunzeln beim Durchsehen ihres Blogs über das Gesicht. Leicht wird dieses Schmunzeln ein arrogantes, geringschätziges Lächeln. Über welch nichtige Themen diese Person doch schreibt. Welches fleischgewordene Klischee sie doch ist! Und weiß sie nicht, dass Orange immer noch nicht als gesellschaftlich akzeptierte Hautfarbe gilt?
Schnell ist der Zeigefinger geformt, noch schneller ist das Ganze bei Facebook verlinkt, am Besten noch mit einem Zitat, das anschaulich belegt, dass die junge Dame vermutlich nicht Canetti, sondern die InTouch auf dem Nachttisch liegen hat.

Ich selbst bin bekanntlich nicht Jesus. Bei einigen Blog-Fotos kommen mir sehr böse Gedanken. Aber dabei bleibt es. Ich nehme diese Person zur Kenntnis, genauso wie mein Kopfschütteln darüber, aber vor allem nehme ich zur Kenntnis, dass sie viele Leser hat. Menschen, die es interessiert, was sie macht, denkt und welche Wimperntusche sie kauft. 

Und das ist wie gesagt nur eines: Schön. Es ist schön, dass sie einen Ort hat, an dem sie das, was sie bewegt, mitteilen kann. Und dass Menschen, die das selbe bewegt, in ihrem Blog einen Ort finden, in dem sie sich verstanden fühlen. 

Nicht jedes Blog ist hochliterarisch. Nicht jedes Blog ist Kunst. Nicht jedes Blog ist Qualitätsjournalismus. 

In der Regel ist jedes Blog nur der in die Tastatur gehauene Wunsch gehört und wahrgenommen zu werden.

Und ich finde, dass das Internet ein Ort ist, an dem für dieses Ansinnen genügend Platz für alle vorhanden ist. Egal, ob seine Hautfarbe durch zu vieles Bücherlesen transparent oder durch zu viel Bräunungscreme orange ist.

Aber das ist, wie gesagt, nur Theorie.