Freitag, 18. Oktober 2013

Liebe Stadtbibliothek Bonn: Fick dich.

Ich habe meine Examensarbeit damals über ein Thema geschrieben, das in der deutschsprachigen Forschung eher wie das missgebildete Kind in der Familie, über das niemand spricht und das auf dem Dachboden gehalten wird, behandelt wird. Man weiß zwar irgendwie, dass es existiert, hat aber nicht wirklich Lust sich damit zu beschäftigen, weil es nunmal unansehnlich ist und man es eigentlich nur am Leben erhält, weil man es muss.

Dennoch liebte ich es heiss und innig. Dieses unschöne, missgebildete Kind der Geschichtswissenschaft. Ich liebte es schon vor meinem Studium und liebe es noch heute. Dementsprechend suchte ich über einen Zeitraum von zwei Jahren die benötigte Literatur für meine Arbeit wie überall verstreute Brotkrumen. 
In der Regel wurde ich weder in der Seminar-, noch in der Unibibliothek, geschweige denn in der Stadtbibliothek fündig. Also suchte ich deutschlandweit, grub Primärquellen, Veröffentlichungen und kleine Schätze aus Selbstverlagen aus und kaufte nicht mehr erhältliche Bücher zu Unsummen im Internet. 
Meine Füße trugen mich bis nach Jerusalem, wo ich mir die Finger blutig fotokopierte und so schließlich auf rund 200 Titel in meiner Bibliographie kam. Blut, Schweiß und überzogener Dispo wurden mit einer tadellosen Eins belohnt und nun, nach zwei Jahren, nachdem das Projekt Dissertation so langsam hinter einem dicken, grauen Nebel verschwindet, weil das Thema immer noch ein missgebildetes Kind auf dem Dachboden ist und Forschung ein undankbares Feld, dem man sich vielleicht in der Geisteswissenschaft nur hingeben sollte, wenn man nicht auf's Geld scharf ist, denn das ist rar, nun inzwischen sehe ich ein, dass ich das ein oder andere Buch, den ein oder anderen Schatz, nicht mehr werde brauchen können. Von einigen werde ich mich sicher niemals trennen, aber bei einigen finde ich es zu schade, dass sie in meinem Buchregal versauern und verschimmeln, während ein Student sich genau in diesem Moment vielleicht dem missgebildeten Kind nähern möchte und den Weg zum Dachboden einfach nicht findet.

Daher kam ich, ich verrücktes Huhn, auf die tollkühne Idee, da ich ohnehin noch einige CDs und DVDs der Stadtbibliothek spenden wollte, auch diese Bücher ebendort hinzutragen. Also marschierte ich am gestrigen Herbsttag dorthin und wurde direkt mit einer Mischung aus Desinteresse und Ekel empfanden. Was ich wolle. Bücher abgeben, sagte ich. Rückgabe sei an anderem Schalter. Nein, spenden, ergänzte ich. Man bemühte sich umständlich zu mir herüber. Offenbar war man es nicht gewohnt aufstehen und mehr als zwei Meter gehen zu müssen. Die Überwindung, die dies kostete, kann ich nur erahnen.
Ich holte die einzelnen Sachen aus meiner Taschen. Die CDs und DVDs waren in einwandfreiem Zustand, einige neuwertig. Oxfam könnte die sicherlich noch verkaufen, dachte ich, als die Mitarbeiterin mit einer kaum zu beschreibenden Gestik und Mimik, die mir recht eindrucksvoll ihre Genervtheit angesichts meiner Existenz und meines Vorhabens vollends zum Ausdruck brachte, entgegennahm und prüfte.
Die Bücher - wie gesagt, gebrauchte, nicht mehr erhältliche Exemplare, die jedoch im tadellosen Zustand waren - betrachtete sie, als hätte gerade ein Leprakranker darüber geleckt. Nie zuvor habe ich einen Menschen ein Buch mit einem derartigen Widerwillen betrachten sehen.
Bei dem einen Buch seien die Seiten schon vergilbt, das könnte sie nicht annehmen, sagte sie schließlich und reichte es mir zurück. Ob es für mich okay sei, wenn sie die anderen Bücher verkaufen würden. Ich antwortete, dass es nicht Sinn der Sache sei, dass sie das Buch für EUR 2,50 verkaufen und ein anderer Student oder Historiker es dann bei Amazon gebraucht wieder für das Zehnfache kaufen muss. Sie guckte mich mit den emotionslosen Augen eines toten Fisches an.
Ich widerstand meinem Impuls ihr die anderen Sachen wieder wegzunehmen, nahm die verschmähten Bücher wieder an mich, verließ die Zentralbibliothek und bekam unter den aufmerksamen Blicken der anderen Passanten einen Tobsuchtsanfall.

Daher nun die folgenden Worte:

Liebe Stadtbibliothek Bonn,

ihr seid süß. In eurer ganzen Provinzialheit und eurer unnachahmlichen Ignoranz verkörpert ihr alles, was ich an dieser Stadt verabscheue. Die Erwartungen, die ihr in Bezug auf euren Bestand und die damit verbundenen Spenden habt, sind im höchsten Maße albern. 
Lasst euch von mir sagen, dass jeder Student einfach nur verdammt froh ist, wenn er ein gesuchtes Buch bei euch findet. So, dass er nicht gezwungen ist Geld für eine Fernleihe zu bezahlen oder gar ganz auf das Buch zu verzichten. Ihm ist es egal, ob die begehrte Ausgabe von Oldenbourg Grundriss Geschichte vier Jahre alt ist, denn eine vier Jahre alte Ausgabe zu haben, ist besser als gar keine zu haben. Das Tagebuch von Adam Czernaków, dem Ältesten des Warschauer Judenrates zu haben, vergilbt und verlesen, ist besser als es gar nicht zu haben.
Ich war so naiv, die Stadtbibliothek an sich als einen Hort des Wissens zu sehen, nicht als Laden, wo ich alle Twilight-Bücher kriegen kann. Man möge mir diese Naivität nachsehen, als Geschichtsmensch denke ich bei Bibliotheken nun mal vorrangig an Alexandria oder Pergamon; doch ich glaube, beide Bibliotheken würden sich aus Scham selbst erneut zerstören, wüssten sie, welche Inhalte eure Hallen heute bergen.

Als Kind war ich gerne bei euch und stampfte regelmäßig mit Tüten voller Comics nach Hause. Dann wurde ich erwachsen, studierte und fand hin und wieder einen Schatz in euren Regalen, für den ich dankbar war. Für beides möchte ich euch danken. Beides ist der Grund, dass ich die Bibliothek heute nicht, im Stile Neros, bis zu den Grundmauern abfackeln ließ. 
Konzentriert euch ruhig weiterhin auf eure DVDs, CDs und Kassetten (!), eure putzigen wissenschaftlichen Abteilungen und lasst die richtigen Bibliotheken die Arbeit machen, auf die ihr offenbar keine Lust habt: Bücher zu sammeln. Ich jedoch werde eure Hallen nie wieder betreten. Es sei denn, ich führe eine Packung Streichhölzer mit mir.

In diesem Sinne
und mit dem geringstmöglichen Respekt