Montag, 2. September 2013

Die Welle

Ich kann es nicht recht in Worte fassen, nicht greifen, dieses Gefühl, das in den letzten Wochen mehr und mehr Besitz von mir ergriffen hat. Was wohl daran liegt, dass es nicht einfach nur ein Gefühl ist. Es sind mehrere. Wild durcheinander, sich in willkürlicher Reihenfolge abwechselnd, durchströmen sie mich, werfen mich wieder und wieder um. 
Jedesmal, wenn ich gerade wieder auf den Füßen stehe, spüre ich, wie sie, wie eine Flutwelle, ebendiese umspülen, schnell ansteigen und mich hinforttragen, wehrlos, orientierungslos. Sie lassen mich irgendwo am Boden liegen und es braucht Kraft erneut aufzustehen, wieder und immer wieder, wissend, dass die nächste Welle schon wartet. Heimtückisch. Lauernd. 

Diese Gefühle sind mir nicht fremd. Ich kenne sie. Nur allzu gut. Doch ihre erneute Wiederkehr, ihr unerschütterliche Wille, mit dem sie stets den Weg zu mir zurückfinden, ist vor allem eines: Lähmend. 

Ich möchte die Decke über meinen Kopf ziehen, mich vergraben, tief und tiefer, bis ich nichts mehr sehe, nichts mehr höre, nur mein dumpfes, schweres Atmen und meinen sich nicht beruhigenden Herzschlag. 
Doch ich kann nicht. Darf nicht. Muss funktionieren. Weitermachen. Während jeder Muskel im Gesicht schmerzt, weil es soviel Anstrengung kostet, die eigenen Tränen vor dem Herausbrechen zu hindern. 

In mir das unbändige Verlangen in den Arm genommen zu werden und leise zugeflüstert bekommen, dass letztendlich alles gut wird. Gepaart mit dem noch größeren Verlangen das glauben zu können. 
Stattdessen stoße ich alles und jeden von mir, weil mir jedes Wort, jeder Ratschlag, jede Phrase zuviel ist und nur brennt auf der Haut. Ich bin voller Hass. Blinder Wut. Schlage wild um mich. Und treffe vorrangig mich selbst. Bin selbst die Welle, die mich erneut zu Boden wirft, die wispert, ich solle endlich liegenbleiben und aufgeben.

Doch ich kann nicht liegenbleiben. Genauso wenig wie ich weiterkämpfen kann. Ich kann bei jeder Welle, bei jedem Schlag, nur hoffen, dass es das letzte Mal war und wenn ich jetzt die müden Augen öffne, es vorbei ist. Einfach so. Ohne Ankündigung. Von einem Moment auf den anderen. So wie es angefangen hat.