Montag, 5. August 2013

Zeit

Es ist Dienstag Mittag und damit eigentlich ein Tag wie jeder andere auch. Ich sitze in der Innenstadt in einem Café einer bösen Kette, dessen Name voldemortartig nicht genannt werden darf, und bei der es gratis WLAN gibt, in das ich trotzdem nie hereinkomme. Ist vielleicht besser so, schließlich bin ich zum Arbeiten hier. Ich schnaufe tief, um meiner Umgebung die Last auf meinen Schultern zu verdeutlichen, aber zu meiner Enttäuschung guckt keiner von seinem MacBook hoch.

Vielleicht hätte ich auch mein MacBook mitnehmen sollen. Oder gleich den iMac. Ich könnte ihn mit dem Kinderwagen herkarren. Steckdosen gibt's ja genug. Ich streiche, von meinen eigenen technischen Unzulänglichkeiten peinlich berührt, über die ausgedruckten Seiten vor mir, lege mit einer ausladenden Geste mein iPhone daneben und schaue triumphierend um mich, doch erneut nimmt keiner Notiz.

Ich realisiere, ich bin aus der Übung. Früher habe ich oft im Café gesessen. Mehrfach die Woche. Wie jeder Student. Das Café, der natürliche Lebensraum des Studenten. Jetzt bin ich kein Student mehr, schon seit zwei Jahren nicht mehr. Hinzukommt, dass ich inzwischen zu der Gruppe gehöre, die der natürliche Feind des Studenten ist: Ich bin Mutter.
Mütter, das sind die, die in Horden in Cafés auftauchen, Sitzplätze okkupieren, mit Kinderwägen Wege zusperren und durch öffentliches Stillen und/oder Wickeln der kommenden akademischen Generation Traumata für die nächsten Jahre verpassen.

Ich gehöre jedoch nicht zu ihnen. Denn Mütter treten, wie wir aus der Sendung "Expeditionen ins Tierreich" gelernt haben, immer in Rudeln und niemals alleine auf, und ich hasse bekanntlich nun mal andere Mütter. Sie sind in der Regel eklige Faschisten, die die endgültige, unabänderliche Weisheit mit der Geburtsurkunde ihres Kindes, sowie einem Abo der Zeitschrift "Eltern" ergattert haben und sie unermüdlich mit allen, die sie nicht hören wollen, teilen. Dementsprechend haben sie immer Recht und andere immer Unrecht und da ich aber gerne selbst immer Recht habe, meide ich meine Artgenossen bei  jeder Gelegenheit.

Daher habe ich in den letzten acht Monaten zu meinem privaten Amusement nur etwa ein Dutzend Mal das Haus verlassen. Zweimal um ins Kino zu gehen, einmal um auf eine Feier zu gehen und die restlichen neun Male, um bei meinem Lieblingsspanier an meiner Fettleber zu arbeiten. Ich habe mich genau zweimal mit einer Freundin ohne den Antichristen getroffen. Zweimal. In acht Monaten. Falls Sie mal ein Beispiel für Isolation brauchen, bedienen Sie sich.

War der Antichrist ansonsten beim Babysitter, war ich zuhause. Vor dem Computer. Lernte. Arbeitete. Weil man ja die Zeit nutzen muss. Sinnvoll. Für einen selbst bleibt keine Zeit. Beklagen is' nich', man hat es ja schließlich so gewollt. Und ehe man sich versieht, geht man selbst verloren. Jeden Tag ein kleines bisschen mehr.

Das alles geht mir heute durch den Kopf. An diesem Dienstag Nachmittag, der kein normaler ist. Denn heute ist das erste Mal, an dem der Krümel nicht da ist, auch morgen nicht da sein wird, ich nicht schnell durch die Stadt düse, um alles zu erledigen, ich nicht schnell wieder nach Hause muss, ich überhaupt nichts schnell machen muss. Ich einfach nur hier sitzen kann. Mit meinem Grande Iced Chocolate Mocha ohne Sahne und einem Muffin - dessen Name so lang und so englisch ist, dass ich mich weigere ihn mir zu merken -, meinem Exposé, einer Zeitschrift und dem schönsten Geschenk, das man sich selbst machen kann. Zeit.

Und am Ende des Nachmittags bleibt, abgesehen von 1.829 inhalierten kcal, die schlichte, aber nicht minder schöne Erkenntnis, dass ich mir so etwas häufiger schenken muss, wenn ich mich nicht gänzlich selbst verlieren will. Nur hin und wieder. Eine kleine Prise Zeit. Nur für mich.