Donnerstag, 8. August 2013

Tolle Erfahrung



Der Herr Blaschke postete dieses Video heute bei facebook. Um ehrlich zu sein, wurde ich erst bei dem Kommentar "Eigentlich würde ich gerne meine ganze Familie mitnehmen, damit man mal sieht, wie schlecht es anderen Menschen geht. Ich glaube, das wird 'ne ganz tolle Erfahrung." ein klein wenig stutzig.

Zur Erklärung. ZDFNeo hatte die überaus knorke Idee, sechs Protagonisten, die dem werten Zuschauer mehr oder weniger bekannt sein dürften, in die Ferne zu schicken, also, da wo's fies und warum und dreckig ist und wo sie einmal Flüchtling spielen dürfen. Inklusive Handy abgeben. Also sowas wie Dschungelcamp, nur mit eklig seriös-aufklärerischem Anspruch. 

"Mit "Auf der Flucht" wolle man eine Diskussion anstoßen [..] und kleine Einblicke in das Leben von Flüchtlingen geben." so ZDFNeo selbst zum fraglichen Sinn und Zweck der Sendung. Na, das mit Diskussion anstoßen hat ja schon super geklappt. Warum man es bei kleinen Einblicken belassen wollte, wird nicht wirklich näher erläutert.

Dabei finde ich es eigentlich, also so rein theoretisch, gut, dass dieses Thema aufgegriffen und behandelt wird. Nur warum genau brauche ich dafür sechs deutsche Protagonisten, die das ganze irgendwie.. mir fällt wirklich keine bessere Bezeichnung ein.. nachspielen?!
Ist es wirklich so, dass dem Zuschauer eine fesselnde Dokumentation über die echten Flüchtline nicht reicht? Also jene, denen das Handy gar nicht erst vorher abgenommen werden muss? Einfach, weil sie gar keins haben. Brauche ich eine Mirja du Mont, die mit schöner, wallender, blonder Mähne kritisch-besorgt in die Kamera guckt und mir erzählt, wie schlimm das alles ist - wenn ich doch selbst sehen kann, dass es schlimm ist? Weil ich über ein gesundes Paar Augen und ein natürliches Maß an Empathie verfüge und einfach keinen Filter, keinen Dritten brauche, der mir das, was die Kamera da einfängt, kommentiert.

Quelle: ZDFNeo
Warum soll ich Menschen dabei zusehen, wie sie ein Leben nachahmen, das nicht ihres ist: "Sie übernachten im Asylbewerberheim, in den überfüllten Flüchtlingslagern in Athen und Rom und stehen in Tunesien vor der schwierigen Entscheidung, ob sie die Fahrt auf einem Schlepperboot wagen oder das Experiment abbrechen." Denn das ist der Punkt: Sie können stets entscheiden, sie haben die Wahl, sie können jederzeit sagen "Boah, hab keine Lust mehr auf die Scheisse, fahrt mich zum nächsten Starbucks, ich will 'nen Frappucchino." Authentisch soll das ganze offenbar sein, aber das kann es gar nicht. 

Daher noch einmal die Frage: Wofür brauche ich die sechs? Oder bin ich in meinem Hirn einfach unterbewusst doch so rassistisch veranlagt, dass mein Mitgefühl erst dann geweckt wird, wenn einer von uns das erlebt?

Ich weigere mich, das zu glauben. Denn es gibt z.B. einen hervorragend recherchierten und geschriebenen Artikel in der Süddeutschen, der mir nach dem Lesen noch tagelang wie ein Stein im Magen hing und den ich jedem nur empfehlen kann. Ich brauche keine D-Promis oder andere, mir fremde Menschen, die unter verschärften Bedingungen "Krieg, Flucht, Armut" spielen, so als wäre es irgendein beknacktes Playstationspiel, bei dem man jederzeit auf Pause drücken kann, weil man mal pinkeln muss.

Aber vielleicht irre ich mich ja auch. Soll selbst mir mal passieren. Vielleicht sind diese sechs Menschen nur die äußere Aufhänger für eine ansonsten großartige, tiefgehende Dokumentation. Ich hoffe es. Ich hoffe es sehr und werde heute Abend um 22.15 Uhr einschalten. Und falls es schon nicht eine gute Doku ist, so hoffe ich zumindest, dass ansonsten keiner mehr von einer tollen Erfahrung spricht, sondern die Wahl seiner Adjektive den Umständen ein wenig anpasst.

In diesem Sinne.