Samstag, 17. August 2013

Ganz zauberhaft

Ich war nie in Russland. Aber ich wette, es ist zauberhaft dort. Sankt Petersburg zum Beispiel - das Venedig das Ostens. Andererseits nennen manche auch Warschau das Paris des Ostens, daher bin ich nicht sicher, ob dieser Titel überhaupt was taugt. Aber bleiben wir doch vorerst bei der Annahme, es sei zauberhaft. Sankt Petersburg im Speziellen und Russland im Allgemeinen. 

Die Landschaft, die Architektur, die Geschichte. Alles zauberhaft. Okay, sieht man von der absolutistischen Herrschaft, den Hungersnöten, der Armut, dem roten Terror und dem Stalinismus und den Gulags ab. 
Die Kirchen, die Kultur, die Literatur - alles zauberhaft. Gut, meistens geht es in der Literatur auf elftausend Seiten um extrem unglückliche Protagonisten, die auf zehntausendneunhundertneunundneunzig Seiten vor sich hin leiden und dann auf der letzten endlich sterben. Weil sie sich vor einen Zug werfen oder eine fiese Krankheit haben. Aber die Russen haben dreimal den Literaturnobelpreis bekommen, also ebenfalls zauberhaft. Sie sehen, alles zauberhaft.

Also solange man keinen Wert auf Menschen- oder Bürgerrechte legt. Meinungsfreiheit, Informationsfreiheit, Versammlungsfreiheit, das alles mögen die nicht so. Da drüben. Im zauberhaften Russland. Aber das ist nicht so schlimm. 
Deswegen finden da noch bis morgen die Leichtathletik-Weltmeisterschaften statt. In Moskau. Und in sechs Monaten dann die Olympischen Winterspiele in Sotschi. Ein beliebter Bade- und Kurort und wer sich für Geschichte interessiert, kann mal gucken, ob er irgendwo ein Massengrab von 1864 findet. So zauberhaft. Verständlich, dass Stalin hier eine eigene Datscha hatte. Der Mann wusste, was gut war.

Gut, diese ärgerliche Sache mit den Bürgerrechten bleibt. Und dann auch noch dieses Gesetz gegen Homosexuelle, das, oh! Überraschung!, auch für Ausländer gilt, die nach Russland kommen. Weil sie dort an Wettkämpfen teilnehmen wollen oder weil es dort nun mal so zauberhaft ist. Und das obwohl es doch weltweit so üblich ist, dass fiese, diskriminierende Gesetze immer nur für die eigenen Bürger und nie nie nie für Touristen und andere Besucher gilt. Denn dann ist es ja auch nicht so schlimm. Also wenn diese Gesetze nur für andere gelten. Aber so ist extra fies. 

Jetzt könnte man natürlich die Spiele boykottieren. Die Menschen, die sich seit Monaten oder gar Jahren über Wladimir-"Der-ist-ja-selbst-voll-schwul"-Putin und die nicht existente Menschenrechtspolitik des Landes aufregen, könnten das einfach machen. Die Sportler könnten nicht hinreisen, die Touristen könnten woanders hinreisen, die Medien könnten nicht über die Wettkämpfe berichten, die Zuschauer die Sendungen nicht mehr sehen, die Leser die Beiträge nicht mehr lesen. Könnten.

Aber warum sollte man? Es ist ja alles so zauberhaft. Und wenn man schon bei den Olympischen Sommerspielen von 1936 nicht in der Lage war ein politisches Statement zu machen, warum sollte man es jetzt in Moskau oder in sechs Monaten in Sotschi?

In diesem Sinne.