Montag, 8. Juli 2013

Wohnzimmergefühl

Normalerweise bin ich nicht der Typ Mensch, der sich Blogeinträge anderer besonders zu Herzen nimmt, nein, warten Sie, lassen Sie mich das anders formulieren: Andere Blogposts beschäftigten mich selten über das Lesen hinaus.

Im Fall von @VictoriaHamburg und ihrem Blogpost war das anders. Jeder kann zu dem, was Victoria passiert ist, eine andere Meinung haben, aber ich denke, jeder weiß auch, wie gerne wir uns hin und wieder selbst betrügen und die Wahrheit von uns weg schieben, weil sie einfach hässlich ist und fett und stinkt und die vorgegaukelte Realität doch um so vieles schöner ist. 
Daher finde ich es weniger erschreckend, dass Victoria auf so jemanden "hereingefallen" ist, sondern vielmehr nagte in der Folgezeit an mir die Erkenntnis, wie leicht es doch inzwischen ist, einen Menschen im Netz komplett zu erfinden. Nicht nur dank Google und flickr, aber vorallem durch solche Späße wie Instagram kann man easypeasy auf das Leben anderer Menschen zugreifen, ihr Leben, ihre Erinnerungen, ihre Familie, als die eigene ausgeben - dazu noch ein knackiges Facebookprofil und schon hat der Psychopath von gegenüber sein Tagewerk getan und kann den Rest der Woche damit verbringen fremde Menschen anzuschreiben, sie einzulullen, zu betören, zu verarschen und auszunutzen, während er sich in seinem uringelben Schlüppi genüsslich die Hoden krault.

Mir ist durchaus bewusst, dass man mit einem Blog oder einem Twitteraccount Dinge, bzw. Teile seines Lebens, von sich preigibt. Wie weit man das macht, ob man sich hinter einer Kunstfigur "versteckt", ob man die Kommentare abschaltet, ob man den Twitteraccount auf privat setzt, all das sind Entscheidungen, mit denen man zumindest versuchen kann, Kontrolle darüber zu behalten, wer, wann, wieviel Zugang zum eigenen Leben erhält.

Und ich muss mir nun eingestehen, dass ich das ein oder andere Törchen zu meinem Leben in letzter Zeit ein wenig vernachlässigt und fast jeden reingelassen habe, ohne mir Perso, Poesiealben oder andere aussagekräftige Dokumente zeigen zu lassen. Wie in'nem ukrainischen Puff. Und das spezielle Tor von dem ich rede, ist Facebook. 
Schon vor geraumer Zeit begann ich von fremden Twittermännern schon mal gar keine Freundschaftsanfragen mehr anzunehmen, sondern nur noch von Weibsvolk, bei dem (meiner Ansicht nach) ersichtlich war, dass es wirklich Weibsvolk ist. Oder halt ein Freak, der sich unfassbar viel Mühe gegeben hat, wie ein Weibsvolk zu wirken.

Die Geschichte von Victoria hat mir gezeigt, wie einfach man sich als jemand anderes ausgeben kann. Sie hat mir aber auch gezeigt, wie schnell und unkritisch wir Menschen inzwischen in unser Leben lassen, die dort nichts verloren haben.

Und deswegen werde ich gleich im Anschluss rüber zu Facebook watscheln und alle entfernen, die ich nicht persönlich kenne bzw. von denen ich über Dritte nicht weiß, dass sie real und halbwegs vertrauenswürdig sind (und im inzestiösen Fickstaat Twitter ist das meistens schnell herauszufinden).

Daher mögen es mir die Rausgeschmissenen auch nicht übel nehmen, aber ich hätte gerne wieder einen Ort im Internet, wo ich ein bisschen mehr Wohnzimmergefühl habe. Sie dürfen mich, wenn Sie Ihren Gram überwunden haben, auch weiterhin abonnieren, ich verspreche Ihnen, nur für Sie werde ich auch zukünftig erheiternden Blödsinn posten. Nur die Fotos von mir, wie ich Samstag Abends sabbernd auf dem Sofa eingeschlafen bin oder wie mein Sohn dem Mann von oben auf dem Kopf kotzt, nun, die werden ich Ihnen vorenthalten müssen. 

Aber vielleicht ist dass schlussendlich auch ganz in Ihrem Sinne.