Montag, 1. Juli 2013

Die junge Dame

Die junge Dame ist vielleicht zwölf oder dreizehn. Ihre beiden Freundinnen, die im Grunde genauso wenig damenhaft sind, wie die junge Dame selbst, stellen sich später als ihre Cousinen heraus, was die ganze Sache aber nicht wirklich schöner macht. Die drei jungen Damen tragen mehr Make-Up, als ich überhaupt besitze, und sehen weniger aus wie Kinder, als vielmehr wie Freiberufler auf dem Kinderstrich. Wie die Zeiten sich doch ändern, denke ich.

Die junge Dame guckt uns provozierend an und pöbelt weiter. Ob wir eine Drehgenehmigung hätten. Die wolle sie sehen. Wir versuchen ruhig zu bleiben. Das Ganze geht nun schon seit einigen Minuten und es ist inzwischen klar, dass die junge Dame nicht ohne weiteres weggehen wird. Sie setzt sich neben mich auf die Bank und sagt, sie würde hierbleiben, das sei ein öffentlicher Park. Ihre Cousine versucht beruhigend auf sie einzuwirken und sie dazuzubringen, zu gehen. Mit einem "Halt die Fresse, du Schlampe." wird sie zum Schweigen gebracht. Familie ist was schönes, denke ich.

Was ich hier zu suchen hätte, wendet sie die junge Dame an mich. Ich weise auf das Team und erkläre, dass ich zu denen gehöre. Ob das mein Kind sei, fragt sie. Ich bejahe. "Ey, das Kind leidet hier voll." fährt sie mich an. Ich gucke auf meinen Sohn, der glucksend und lachend im Kinderwagen sitzt, während er versucht seinen Fuß zu essen und die Situation offenbar nicht wirklich einordnen kann. Baby müsste man sein, denke ich.

Schließlich droht ihre Cousine damit, irgendjemanden anzurufen, sie reden kurz auf türkisch miteinander, das Gespräch verläuft wenig liebevoll, plötzlich springt die junge Dame von der Bank und erklärt uns im Gehen, dass sie nur geht, weil sie Deutsche hasst und nichts mit Deutschen zu tun haben möchte. Zuguterletzt bezeichnet sie uns als Kartoffeln. Besser als Pastinake, denke ich.

Ich bin ein wenig sprachlos.

Abgesehen davon, dass ich noch nie wirklich Kontakt mit einem so jungen Menschen hatte, der dermaßen aggressiv und ordinär war, stellte sich mir die vordringliche Frage, wie ich die Äußerungen der kleinen Dame einzuordnen hatte. 

Wurde ich gerade tatsächlich angefeindet, weil ich Deutsche bin?
In Deutschland?

Verstehen Sie mich nicht falsch, es gibt Gegenden oder Länder auf diesem schönen Planeten, wo ich schon fast damit rechne, als Deutsche gehasst zu werden. In Teilen von Polen. Oder in Israel. Ja, herrje, ich rechne sogar damit, als Nicht-Berliner von Eingeborenen gedisst zu werden. Und ich wurde es auch schon.

Aber in Deutschland, also "meinem" Land, von jemandem angefeindet zu werden, der sehr wahrscheinlich auf dem Papier dieselbe Nationalität hat wie ich?

Wie soll man sowas einordnen? 

Wenn das eine Xenophobie ist, wie nennt man das?

Und das ist zur Abwechslung mal keine rhetorische Frage.