Montag, 3. Juni 2013

Pausenhofscheisse

Irgendwann, vor gefühlten dreihundertfünfundachtzig Wochen, begann eine neue Staffel Germany's Next Topmodel und ich schaltete selbstverständlich pflichtbewusst ein. Man muss ja mitgucken, sonst kann man so schlecht böszüngige Tweets raushauen. Und dann ist man die einzige und es ist wie damals auf dem Schulhof - man will ja mitspielen, mit den coolen Kids, und nicht alleine in der Ecke stehen mit seiner Zahnspange und dem Vollkornbrot mit grober Leberwurst. 

Es hat sich nicht viel verändert bei GNTM. Wie immer mit einer nie alternden Heidi, die wie Dieter Bohlen auch dieses Jahr ein paar Pseudo-Juroren um ihre Teenagerhüfte versammelt hat - welche aber leider nicht mehr beide Thomas heißen, was es mir schlicht unmöglich macht, mir zu merken, wie ihre Namen sind und die ich nur auseinanderhalten kann, weil der eine sein schütteres Deckhaar stets unter kecker Kopfbedeckung zu verstecken sucht und der andere irgendwie ein bisschen wie mein verstorbenes Meerschweinchen aussieht.

Wieder wird mir versichert, dass zwölfzig Millionen Mädchen sich beworben haben und die nächsten drei Stunden betrachte ich Heidi und Mütze, wie sie die Kandidatinnen persönlich in Kirchen, Bäckereien und Grundschulen abfangen, um ihnen ihre Teilnahme und die grandios einmalige Möglichkeit sich von nun an jeden Donnerstag im Fernsehen zu prostituieren zu offenbaren. Noch schöner als die Freude der glucksenden Mädchen ist nur noch das Funkeln in den Augen der Familie, die sich scheinbar nichts schöneres vorstellen kann, als ihre Kinder in einer Fernsehsendung und einem Job zu sehen, in denen beiden sie meines Erachtens nichts verloren haben.

Ich betrachte meine Sohn, der gerade versucht seinen Fuß zu essen und bin froh, dass er vermutlich nie bei GNTM mitmachen möchte und ich so nur vor die Herausforderung gestellt werde, ihm die Teilnahme an DSDS zu versagen.

Ich schaue die Sendung zu Ende, gehe ins Bett und fühle mich unfassbar alt. Die Mädchen in der Sendung sind sechzehn, siebzehn. Was bedeutet, dass sie wie zwanzig aussehen, aber in meinen Augen genauso erwachsen und reif sind wie eine Achtjährige. Dass ich Recht habe, beweisen sie schnell in den nächsten Sendungen. 

Schulmädchen sind es. Noch gar nicht fertig für die Welt da draußen. Voller dummer, infantiler Träume über das Leben oder wie es sein könnte/würde/sollte. Drollig sind sie. Als ich in dem Alter war, hangelte ich mich von Versetzung zu Versetzung und verbrachte das gesamte Wochenende bevorzugt im Bett, um von dort aus Horden von Sims in den Pool steigen und ersaufen zu lassen, während ich meinen nicht existenten Brüsten leise zuflüsterte, sie mögen doch bitte mal langsam mit dem Wachsen anfangen. Ich träumte nicht davon Modell zu werden, ich las keine Cosmopolitan oder Vogue, sondern Calvin & Hobbes und Stephen Fry. Ich kletterte über Zäune, klaute Tiere, weinte um den Tod von Spock. Ich war das, was heute einfach nicht mehr cool ist: Ich war ein Kind.
Ich war ein Kind bis ich achtzehn wurde. Danach war ich ein Kind, das wählen durfte. Und nun bin ich ein Kind, das ein Kind hat und Vater, Mutter, Kind spielt.

Bin ich ein Einzelfall, denke ich, während eine Blondine mit großen Kulleraugen irgendwas von "Das ist super unfair." in die Kamera blubbert. Eine zarte Mädchenträne rollt ihre rosige Mädchenwange herunter und mein 17-jähriges Ich möchte ihr hart ins Gesicht schlagen. Stattdessen schalte ich aus. Und danach nie wieder ein.

Ich habe in der Sekunde eine Entscheidung getroffen. Denn, obwohl mir bewusst ist, dass die Mädchen in dieser Branche wirklich blutjung anfangen, möchte ich an dieser Sendung als Zuschauer nicht mehr partizipieren. Die kleinen Kinder in ihren Prinzessinnenoutfits, die vermutlich noch nicht mal alle ihre Tage kriegen und hier auf Frau getrimmt werden, kotzen mich an. Mit ihrer Naivität. Mit ihren Kommentaren, die sie unbedarft, weil sie es nicht besser wissen und nicht besser wissen können, in die Kamera plärren. Heidi in ihrer abstrusen Rolle als BFF mit dem eingefrorenen Goebbels-Lächeln kotzt mich an. Die beiden anderen Juroren, die schmuckes Beiwerk sein sollen, aber mal so gar nicht schmuck sind, kotzen mich an. Und die Familien, die glauben, dass durch diese exhibitionistische Sendung und die damit verbundene auszehrende Branche, ihr Kind so etwas wie Glück finden wird, kotzten mich ebenfalls an.

Aber eine Sache kotzt mich noch mehr an.

Denn inzwischen lief das Finale von GNTM.  Irgendjemand ist neues deutsches Topmodell geworden und darf sein Cover auf der Cosmopolitan mit der Bastelschere ausschneiden, in sein Kinderzimmer kleben und es sich immer wieder stolz angucken, wenn es zwischen den Eröffnungen von Möbelhäusern und den Shootings für Quelle-Kataloge nach Hause kommt.

Abgesehen von Lena Dingsbumms sind doch nur zwei Damen im Geschäft und uns im Gedächnis geblieben: Die Dschungelfiona und die Tittenmicaela. Was zeigt: Wer im Gespräch bleiben will, muss dem Zuschauer auf den Sack gehen. Muss polarisieren.
Die anderen kennt keiner mehr, selbst die Gewinner. Oder um es mit den Worten des großen Karls zu sagen: "Die kennen wir nicht. Die Claudia und ich, wir kennen die in Paris nicht."

GNTM vegetiert in derselben ethischen und intellektuellen Sparte wie DSDS, Frauentausch & Co. und hat als einziges Ziel den voyeuristischen Trieben des Zuschauers Untertan zu sein. Scheiss auf die Träume der Teilnehmer! Das einzige, was zählt, ist den Zuschauer aufzugeilen. Lasst ihn uns ruhig scheisse finden, hauptsache er schaltet ein.

Und das macht er. Und das kotzt mich an.

Kurz vor dem Finale erschien ein sehr guter, da spitzzüngiger Artikel zu Heidi und ihrer kleinen Fleischfabrik - ein Artikel, der offenbar so gut war, dass irgendeine Nulpe des CICERO ihn gleich mal geklaut hat.
Alle machten ihr Häkchen unter den Artikel, pappten ein Gefällt mir! drunter, retweeteten und verlinkten es bis zum Erbrechen. Nur um dann beim Finale wenige Tage später wie lobotimierte Lemminge einzuschalten. Weil man ja sonst nicht mitreden kann.

"Ich guck's ja nicht, aber das Kleid, das Heidi da anhat, ist ja wohl super hässlich."

Mir ist es ehrlich gesagt egal, ob andere Menschen das gucken. Oder wieviele es gucken. Mir ist es sogar egal, dass Siebzehnjährige meinen, das Heil ihrer putzigen Existenz läge in der Teilnahme einer solchen Sendung. Alles andere würde bedeuten, dass ich der knuffigen Utopie erliegen würde, der Mensch könne sich selbst oder etwas verändern.

Aber.

Wenn ich Snickers nicht mag, dann esse ich es nicht.

Wenn ich die CDU scheisse finde, dann wähle ich sie nicht.

Und wenn ich GNTM verachte, herrje, dann gucke ich es nicht.

Hört auf, es zu gucken, wenn ihr es scheisse findet. Schaltet aus. Und kommt rüber zu den uncoolen Kids auf dem Pausenhof. Wir haben zwar keine Kekse, aber wir haben super leckere Leberwurstschnitten.

In diesem Sinne..