Sonntag, 30. Juni 2013

Fast.

Als ich wieder aufwache, sind wir schon fast in Berlin. Verschlafen blinzle ich dem Schild hinterher, das den Weg gen Wannsee weist, während ich versuche meine verschwurbelten Gefühle, die plötzlich über mich hereinbrechen, zu sortieren. 

Man braucht eine halbe Ewigkeit, bis man tatsächlich in der Stadt drin ist und als wir schließlich über die Köpenicker Landstraße Richtung Friedrichshain fahren, eine Strecke, die wir damals fast täglich gefahren sind, dominiert die Wehmut.

Fast auf den Tag genau vor zehn Monaten habe ich die Stadt verlassen. Ohne, dass diese groß Notiz davon genommen hat. Hier ist alles wie immer und wie ein Kind, das mit großen, ungläubigen Augen durchs Phantasialand kutschiert wird, glotze ich alles stumm an, als wäre es neu und ich noch nie hier gewesen. Es ist fast unwirklich und die Traurigkeit, nicht mehr hier zu wohnen, ringt mit der Freude wieder einmal kurz hier sein zu können.

Es ist einfach seltsam wieder in eine Stadt zu kommen, an die man sein Herz verloren hat, und festzustellen, dass die Zeit nicht stehen geblieben ist, dass sie unter dem unbändigen Schmerz bezüglich meines Weggangs nicht in sich zusammengebrochen ist, sondern einfach weitermacht, weiterlebt, weiterfeiert und weiterstinkt, so als wäre nichts gewesen. 

Und es nicht nur seltsam.

Es tut weh. 

Ich kann mich nicht wirklich freuen, wieder hier zu sein. Weil ich nur Gast bin. Tourist. Was in der Sozialhierarchie Berlins im Grunde auf der gleichen Stufe rangiert wie Schwaben und dementsprechend mit denselben verachteten Blicken bestraft wird. Ich bin fremd. Und auch irgendwie nicht. Beim abendlichen Gang durch die Wühlischstraße - vorbei an den Spätis, den zugesprayten Häuserfassaden, den vielen, unfassbar vielen Restaurants, Bars und Kneipen, den Pipipfützen und Kotzflecken, den Bierverschlüsseln, die wie gestrandete Muscheln überall den Weg pflastern - macht sich Heimweh breit. 

Denn Berlin - das ist die Heimat des Herzens.. Der Ort, an dem all die ein Zuhause finden, die nie ein Zuhause hatten. Ein Ort zum Ankommen. Ein Ort für Gestrandete, Verlorene und vor allem für die, die einfach ein wenig anders sind. Hier ist alles anders, jeder anders und zwar so sehr, dass anders sein zur Normalität wird. Und das ist und bleibt das Schöne an Berlin. Das hier für jeden Platz ist. Für jeden eine kleine Nische, in der er es sich gemütlich machen kann. Egal, wer es ist.

Es sei denn man ist Schwabe. Dann natürlich nicht.

Und so liege ich an diesem Samstag Abend, nach zehn Monaten, wieder in einem Bett in Berlin, betrachte von dort aus das emsige Leben hinter den Fenstern und die Dächer des Kiezes und fast fühlt sich alles an wie damals.

Fast.