Montag, 13. Mai 2013

Von Stolz und Opfern

Den verehrten, regelmäßigen Leser dürfte es nicht überraschen, er ahnte es vielleicht schon kommen in den letzten Wochen. 

Bloggen ist für mich ein Luxus. Ein Luxus, den ich liebe. Fast so sehr wie Nutella und Toffifee. Nur im Gegensatz zu der süßen, diabetesbringenden Versuchung ist Bloggen ein Luxus, den ich mir aktuell kaum erlauben kann. Denn Bloggen benötigt Zeit. Und ich habe keine. Weder morgens, noch mittags, noch abends.......

Morgens brauche keinen Wecker. Ich habe den Knöterich. Jeden Morgen, pünktlich zu den ersten Sonnenstrahlen, wacht er auf und knötert vor sich hin wie ein zahnloser Rentner. Da es laut des Jugendamtes unschicklich ist, einfach eine Decke über den Käfig, ich meine das Bettchen, zu werfen, um dem Knöterich wie einem Papagei vorzugaukeln, es sei noch Nacht, haben wir nun ein lächerlich riesiges Rollo ans Fenster angebracht, dass jeden Sonnenstrahl dahin verbannt, wo er hingehört: Nach draußen. Und obwohl wir so im Kinderzimmer unser eigenes, kleines Mordor erschaffen haben, wacht der Knöterich dennoch mit bemerkenswerter Pünktlichkeit um sechs auf.

Was nun folgt, ist jeden Tag das gleiche. Fluchen, füttern, ihn anziehen, spucken, ihn umziehen, mich anziehen, Windeln wechseln, ihn umziehen, in der Stadt Besorgungen machen, angeknötert werden, weil ich im Supermarkt mit dem Kinderwagen zu lange am Puddingregal stehe und ihm langweilig wird, an der Kasse irgendwas über Omas und Kleingeld twittern, nach Hause, füttern, angekotzt werden, mich umziehen, kochen, putzen, Wäsche waschen und, wenn seine Majestät schläft, sich zum Schreibtisch stehlen und arbeiten. Zwischendurch klopft der Mann mit fragend-ängstlichem Blick an die Tür, nuschelt irgendwas von zusammen essen, Kopf kraulen und anderen sozialen Lästigkeiten.

Doch für derlei Albernheiten habe ich keine Zeit, hier ist alles durchplant, genau getaktet, der Knöterich wie ein deutscher Schäferhund auf einen drei-Stunden-Abstand zwischen den Flaschen abgerichtet. Wir schieben ein schnelles Nümmerchen, für mehr ist keine Zeit, das muss reichen. Ich lege dem Mann das Stillkissen zum Kuscheln ins Bett und schleiche mich zurück an den Schreibtisch, wo ein Berg von Arbeit leise, aber bedrohlich meinen Namen flüstert.

Um 19.45h geht der Knöterich ins Bett, um 19.52h schläft er, fast so, als so könne er kein Wässerchen trüben. Er wird wieder bis morgen um sechs durchschlafen. Und für mich beginnt nun der eigentliche Arbeitstag, bis zu fünf Stunden sitze ich jetzt noch am Schreibtisch, hin und wieder gestatte ich dem Mann großmütig mir Gesellschaft zu leisten und fernzusehen. Das gestattet mir das Gezeigte durch intelligente, aufmerksame Sprüche wie "Ich wusste gar nicht, dass Andreas Türk noch lebt." zu kommentieren. Sowas hält eine Beziehung bekanntlich am Laufen.

Irgendwann um Mitternacht krabbel ich hundemüde ins Bett und schlafe sofort wie Stein. Bis zum nächsten Morgen um sechs. Jeden Tag.


That's it. Das ist aktuell mein Leben. Und glauben Sie mir, ich würde es, so sehr ich auch zwischendurch fluche, nicht tauschen wollen. Sicherlich, ich könnte mir öfters einen Babysitter nehmen, den Knöterich sogar tageweise zur Oma geben. Aber ich will ganz einfach nicht. Ich hasse es abgrundtief die Hilfe anderer in Anspruch zu nehmen oder gar darum zu bitten, und dankbar sein zu müssen ist für mich ein kaum zu ertragender Zustand. Denn das Gefühl etwas aus eigener Anstrengung, ganz allein, geschafft zu haben, ist für mich das befriedigendste auf der Welt. Das mag falsch sein, aber das, was mich abends erfüllt, wenn ich im Bett liege, ist neben totaler Müdigkeit vor allem eins: Stolz.

Dafür bringe ich Opfer. Fast täglich locke ich abrahamgleich eines den Berg hoch, fessle und brenne es nieder, nur um wieder ein wenig mehr Zeit vom Gott der Stechuhr zu bekommen. Doch so viel ich auch niederbrenne und opfere, zum Bloggen bleibt nun wirklich nicht die Zeit. 

Daher wird dieses hier vorerst der letzte offizielle Montags-Post sein. Sicher werde ich die schokiverschmierten Fingerchen nicht vom Bloggen lassen können, aber für ein regelmäßiges, punktgenaues Bloggen fehlt mir wahrlich die Zeit. Was nicht heißt, dass Sie mir nicht wichtig genug sind. Es heißt nur, dass jetzt, also genau jetzt, ein müder Mann auf dem Sofa liegt, der seit Stunden auf mich wartet und seien wir ehrlich, von Ihnen kriege ich weder eine Rückenmassage noch andere Dinge, die Erwachsene gerne machen. Ich hoffe daher auf Ihr wertes Verständnis. Falls Sie das nicht aufbringen können, ist mir das bekannterweise auch schnurzegal.

In diesem Sinne
bis zum nächsten Mal.

Wann immer das auch ist.