Montag, 8. April 2013

Leben Sie HUST wohl!

Die meiste Zeit seines Lebens hält man sich ja für unsterblich. An Tod und das eigene Vergehen denkt man kaum, selten und meist nur kurz. Mir wurde in den letzten Tagen jedoch meine eigene Sterblichkeit auf eine sehr dramatische Art und Weise mal wieder bewusst.

Ich bin nämlich krank.

Es begann mit gewöhnlichen Rachenschmerzen, bei denen ich mir, naiv und optimistisch wie der Mensch sein kann, nichts weiter dachte. Aber so beginnen ja alle besonders fiesen und heimtückischen Krankheiten. Daher gehe ich auch normalerweise jedes Mal, wenn ich Kopfschmerzen habe, die länger als zwei Stunden dauern und mit Dolormin nicht sofort in den Griff zu kriegen sind, davon aus, ich hätte einen Gehirntumor. Und wenn mir die Augen nach 20 Stunden am Computer schmerzen, ist es sicher ein Tumor hinter dem Augapfel, nein, hinter beiden! Krebs kann ja überall im Körper sein und daher ist er als Selbstdiagnose recht praktisch, wenn es irgendwo schmerzt.

Den Vorwurf, ich sei ein Hypochonder empfinde ich jedoch als verletztend. Auch Hypochonder, nicht, dass ich einer sei, haben Gefühle und wollen in ihrem Leid und dem Moment des nahenden Todes ernstgenommen werden.
Außerdem kann ich sicher nichts dafür, dass ich so bin, wie ich bin, vermutlich drückt ein Tumor auf den Teil meines Gehirns, der immer vom schlimmsten ausgeht.

Wenn ich Halsschmerzen habe, diagnostiziere ich aber natürlich nicht sofort einen Tumor. Das wäre ja albern. In diesem Fall vermutete ich erst, ich hätte mir mit der (komplett überflüssigen) Nuss des Toffifee das Zäpfchen verletzt. Ist das eigentlich schon autoaggressives Verhalten?
Aber als zu den Schmerzen Husten hinzukam und dann Kreislaufprobleme und dann Kopfschmerzen (Tumor!) und ekliger Schleim in Nase, Nebenhöhlen (keine Ahnung, wo die genau sind, aber ich finde es klingt immer so schick) und Rachen war klar, ich hatte was ernsthaftes.

Also legte ich genug Schokolade zum Baby ins Bettchen, damit es sich in meiner Abwesenheit selbst versorgen konnte, und wackelte, inzwischen eindeutig geschwächt, zum Arzt. Dummerweise hatte mein Hausarzt, während ich in Berlin weilte, die töfte Idee in den Ruhestand zu gehen und eine Frau zu seiner Nachfolgerin zu berufen, deren Namen ich nicht aussprechen kann. Die Dame ist irgendwas zwischen 55 und 104, lächelt immerzu, was mich sehr misstrauisch machte, horchte mich ab und schaute mir in den Rachen, wo sie "etwas weiß-gelbliches" entdeckte, wovon sie aber nicht genau sagen konnte "was das sein könnte". Super, dachte ich, mich unauffällig nach ihrer Approbation umschauend. Sie faselte ein wenig rum, dass sie nicht genau wusste, was ich hätte, aber eindeutig wäre, dass ich was hätte und daher verschrieb sie mir euphorisch Penicillin und etwas, wo laut Google Morphin und Codein drin war (Hurra!).

Weder das Antibiotikum, noch das andere Ding halfen wirklich. Gut, das Antibiotikum nehme ich auch nicht richtig, weil man das eine Stunde vor dem Essen nehmen soll und das nun mal bedeutet, dass ich eine Stunde nichts esse und seien wir ehrlich, ich weiß beim besten Willen nicht, wie das gehen soll.

Nun, da saß ich also. Röchelnd. Von den Ärzten schächlich im Stich gelassen, von den Chemiebomben unserer Zeit verhöhnt. Dem Tode nah. Schon sah ich ein Licht immer näher kommen, aber ich realisierte schlaftrunken, dass es nur diese dämliche Lampe am MacBook war, das ich neben mir hatte liegen lassen. 

Dennoch, im Angesicht des Todes entschloss ich meine Gesundung selbst in die immer schwächer werdenden Hände zu nehmen und versuchte mich an einer Differentialdiagnose (dürfte ja nicht allzu schwer sein, schließlich wurde ja keine richtige Diagnose gestellt) und ging an den einzigen Ort, das mir Gewissheit versprach. Das Internet.

Ich vermutete als allererstes natürlich Rachitis. Wegen Rachen und so. Der Namensgeber dieser Krankheit war aber ein hinterfotziger, denn Rachitis hat rein gar nichts mit dem Rachen zu tun. Ich notierte mir dennoch ein paar Symptome. Für später. Man weiß ja nie. 

Nach gründlicher Recherche, die sicherlich einem ganzen Medizinstudium entsprachen, konnte ich Asthma Bronchiale, Lungenentzündung, Bronchitis und Tuberkulose ausschließen. Cholera und andere Späße der Natur wollte ich nicht haben, denn dort hatte man bekanntermaßen Durchfall und blutete gerne vor sich hin und ich weigere mich standhaft Krankheiten zu haben, deren Flecken nur schwer wieder aus der Wäsche gehen.

Schließlich wurde ich jedoch fündig und was soll ich Ihnen sagen, es steht nicht gut um mich. Ich habe Keuchhusten. 1% aller Erkrankten sterben daran. 1%. Also ich. Im Todesfall müssen die Behörden informiert werden, da Keuchhusten jedoch höchst ansteckend ist und ich seit geschlagenen 12 Tagen huste und röchel, als gäbe es dafür einen Orden, muss ich davon ausgehen, dass es niemanden geben wird, der meinen Tod melden können wird, da sie alle ebenfalls dem Tode geweiht sind.

Daher schreibe ich mit meiner letzten Kraft - okay, meiner vorletzten, denn mit meiner letzten muss ich nachher noch das Twix essen, dass der Mann mir vorbeibringen will - und informiere Sie hiermit darüber, dass ich alsbald an Keuchhusten sterben werde. Meine Leiche werde ich übrigens verbrennen, weil ich den Gedanken eklig finde, dass mich irgend so ein Pathologe nackig auszieht. Wie ich das genau anstelle, also mit Sterben und mich anschließend verbrennen, habe ich noch nicht ganz ausgeknobelt, aber mir wird sicherlich etwas einfallen, während ich das Twix esse.

In dem Sinne: Leben Sie wohl.