Montag, 22. April 2013

Frieden

Möglichst leise versuche ich auf den Link zu klicken und hasse schon jetzt voller Inbrunst die Tatsache, dass Google Analytics oder andere hinterfotzige Erfindungen die Information, dass ich die Seite besuche, sofort weiterleiten. Sicherlich, niemand wird jemals erfahren, dass ich es bin, der hier und jetzt heimlich klickt, liest und spannt, aber allein schon, dass man es weiß; dass man weiß, dass ich durch den Facebook-Link hierhergekommen bin. Den Link, den sie selbst gepostet hat. Das reicht schon. Ich will das nicht. Niemand soll wissen, dass ich hier geklickt habe. Weder Facebook. Noch Google. Noch sonstwer. Ich will anonym sein. Gänzlich. Unsichtbar. Wie ein Gespenst. Ein Spanner, der nackig im Gebüsch hockt und gar nicht vorhat rauszuhüpfen.

Grundsätzlich halte ich mich nicht für einen Menschen, der missgünstig ist. Soweit ich zurückdenken kann, kam mir nie der Gedanke, dass diese oder jene Person dieses oder jenes nicht verdient hätte. Zu sagen, dass jemand etwas zu Unrecht bekommen hat (Geld, Karriere, hübsche Weiber..), setzt den Glauben an eine ausgleichende Gerechtigkeit im Universum voraus und zeigt nur, dass man keinen blassen Schimmer hat, wie das Universum, die Welt, die Natur und die Evolution funktionieren. Denn, ganz im Gegenteil, sie basieren darauf, dass das Leben unfair ist. Der Grundpfeiler des Lebens, seine wichtigste Konstante, ist und wird immer sein, dass das Leben scheisse unfair ist. Eine Sekunde nicht aufgepasst - zack! tot. Blöd gelaufen. Die Tatsache, dass die meisten von uns an ein ausgleichendes Jenseits glauben, zeigt ja nur, dass wir doch alle insgeheim wissen, dass das Leben kein scheiss Ponyhof ist.

Dementsprechend erwarte ich keine Fairness vom Universum. Ich erwarte keine Bonuspunkte für gutes Benehmen. Und durch gutes Karma hat auch noch niemand die Reparatur seiner Waschmaschine bezahlt. Wenn ich etwas will, haben will, erreichen will, muss ich es selbst machen. Kein Gott, kein Universum, kein Karma, nur ich. Ich bin dafür verantwortlich, wie ich mein Leben lebe und daher kann ich es auch keinem übelnehmen, wenn er ein Leben lebt, von dem andere vielleicht denken, dass nicht er, sondern man selbst es verdient hat.

Neid ist, im Gegenzug zu Missgunst, eine andere Angelegenheit. Denn ich kann Charlize Theron um ihre Figur beneiden, ohne sie ihr nicht zu gönnen. Die Frau macht vermutlich fünf Mal die Woche Sport, während mein einziger Sport darin besteht die Spülmaschine auszuräumen, weil ich keinen sauberen Löffel für Nutella mehr habe.

Manchmal jedoch, kann man gewisse Dinge nicht erreichen, egal, wie sehr man sich anstrengt, egal, wie sehr man es versucht. Weil das Leben andere Pläne mit einem hat. Weil es gerne und unerwartet hervorschießt wie Hape Kerkeling, einem derbe ins Gesicht lacht und schreit: "Ätsch! Ne! Ich hab' mir was anderes für dich überlegt!"

Wenn es dann jemanden gibt, der das Leben führt, dass du dir für dich selbst vorgestellt hast, ist das nur eines: Schmerzhaft. 

Und dann ist da auch noch dieses Internet, das es so einfach macht, diesen Schmerz zu suchen und zu spüren. Indem man sich die Fotos ihrer Berliner Altbauwohnung auf Instagram anschaut und denkt: "So sollte meine Wohnung aussehen.." Indem man sich ihren Blog durchliest und denkt: "Das sollte ich machen, worüber sie da schreibt.." Indem man sich ihre Profilbilder auf Facebook anschaut, ihr Gesicht ist nicht schön, ihr Körper auch nicht, aber dennoch, alles daran schreit: "So sollte ich auf Fotos aussehen.. wirken.." Dass das alles nur Fotos sind, die lediglich die blinkende, selektierte Oberfläche eines Lebens widerspiegeln, das man von außen in seiner Gesamtheit kaum erfassen kann, spielt dabei keine Rolle. Schein und Sein. Und im Internet reicht ja bekanntlich der Schein.

Es hat etwas zutiefst masochistisches, diesen Schmerz immer und immer wieder zu suchen. Während die Schere zwischen den beiden Leben, dem gelebten und dem geträumten, immer größer wird. Man läuft Gefahr nur noch die Dinge zu sehen, die man nicht hat, die Chancen, die man versäumt hat, das Leben, das nun ein anderer führt. Und das auch noch erfolgreicher, als man es wohl selbst je imstande gewesen wäre.

Es fällt schwer die Links nicht mehr anzuklicken, den Tab zu schließen und den Blick abzuwenden. Abzuwenden von einem Leben, das man nicht (mehr) sein eigen nennt. Sich aus der Pfütze des Selbstmitleids zu erheben und den Blick zu schärfen für die Dinge im eigenen Leben, die ebenfalls wundervoll und erstrebenswert sind. 

Und plötzlich erkennt man, dass man vielleicht nicht das Leben führt, das man sich vor fünf Jahren noch für sich selbst erträumt hatte, aber dass es deswegen nicht weniger erträumenswert ist. Dass es einige Schätze gibt, die man, wären die Dinge nicht so, wie sie nun nunmal sind, sicherlich vermissen würde. 

Denn so schmerzhaft es auch ist, sich wieder und wieder vorzustellen und zu überlegen, was gewesen wäre, so ist die Vorstellung, dass es nicht so gekommen wäre, wie es gekommen ist, noch viel schmerzhafter. 

Und wenn man das erkannt hat, verinnerlicht hat, ist man bereit Frieden mit sich selbst zu schließen.