Montag, 18. März 2013

Lieber Francis

Wissen ist Macht. Das Zitat stammt von Francis Bacon. Ich behaupte Francis Bacon wusste nicht was er da schrub, denn ansonsten würde es zweifelsohne Wissen ist scheisse heißen.

Denn im Gegensatz zum guten Francis habe ich einen Zustand erreicht, an dem ich gerne nicht mehr wüsste. Von gar nichts. Ich sehne mich unbeschreiblich nach Unwissen, ja fast nach abgestumpfter Dummheit und beneidenswerter Ahnungslosigkeit. Ich empfinde Wissen in letzter Zeit als Last, als erdrückende Belastung, die mir tagsüber den Atem und nachts den Schlaf raubt und ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich mit Wehmut an meine Kindheit zurückdenke, in der das Universum und mein Leben noch klein und überschaubar waren und sich vorrangig zwischen meinem Kinderzimmer und der Grundschule abspielte.

Außerhalb davon existierte nichts. Keine Welt. Keine Kriege, kein Hunger, keine Politiker, keine Verbrechen. Mir war es egal, ob Pferd, Kuh, Rind oder Emus in der Lasagne waren, solange sie schmeckte. Mich interessierte nicht, wer in den USA Präsident war und in welchem Land dieser gerne ein wenig die Menschenrechte anderer zu verletzen plante, denn ich wusste gerade mal, wer Bundeskanzler war und das auch nur, weil Kohl meine gesamte Kindheit Kanzler war. Ich wusste nichts und erfreute mich daran, dass mein einziges Problem darin bestand, entsprechend viel Taschengeld zu sparen, um mir genügend saure Pommes kaufen zu können, um mich in ein ordentliches Zuckerkoma zu fressen.

Mehr als zwanzig Jahre später stelle ich mich dem Thema Zuckerkoma zwar mit derselben grimmigen Entschlossenheit, stehe aber ansonsten recht ratlos und verzweifelt da, weil langsam die Gewissheit überwiegt, dass mein Universum scheisse groß geworden ist und sich stückweise meinem Einfluss entzieht.

Kriege waren selbst für mich nichts neues, schließlich reihte sich seit dem Golfkrieg meiner Kindheit einer an den anderen. Die ganze Munition, die kleine Kinderhände so fleißig in irgendwelchen ausländischen Barracken polieren, müssen ja auch schließlich irgendwo zum Einsatz kommen. Nein, an Kriege kann man sich gewöhnen. Er passiert ja in der Regel woanders, was recht praktisch ist, da man, wenn man selbst kein Blut aufwischen muss, ihn ziemlich einfach ignorieren kann.

Zwischendurch poltern dann mal Bilder von kleinen afrikanischen Kindern mit aufgedunsenen Bäuchen und Fliegen in den Augen durch den Fernseher ins Wohnzimmer und man ist bis zum Ende der Sendung so betroffen, dass man fast vergisst die dritte Packung Ritter Sport aufzuessen, die man gerade angebrochen hat.

Dasselbe gilt natürlich für irgendwelche Flutopfer. Tsunamiopfer. Reaktoropfer. Erdbebenopfer. Terroropfer. Amoklaufopfer. Dauernd passiert etwas, dauernd leiden Menschen und fast ist es ein bisschen störend und unhöflich, wie sie da so vor sich hinleiden und uns in unserem schönen Leben an unserem Samstagabend auf unseren Sofa stören und belästigen. Mit ihrem Blut, den Tränen und rührseligen Geschichten. Es ist verflucht anstrengend anschließend angemessen Transformer 1-3 zu gucken, wenn einem vorher die Leichenteile um die Ohren gehauen werden. Aber irgendwie gelingt es uns ja doch. Denn seitdem die RAF in Frührente gegangen ist, leben wir ja hier im Sonnenstaat und auch wenn wir ordentlich motzen, über Brüderle, das Wetter und Bauer sucht Frau, so haben wir es doch ganz schick hier.

Daher mögen wir auch nicht diese Vegetarier und Veganer und sonstige Weltverbesserungsscheisser, die dauernd antraben und uns unter die Nase reiben, wie genau dieser Burger, den wir im Begriff sind zu verputzen, entstanden ist und was da alles so drin ist.
Denn sind es einmal nicht leidende Menschen in den Nachrichten, die uns den Feierabend versauen, dann sind es leidende Tiere. Plötzlich hört man was von zugefütterten Antibiotika und Dioxin, man hört von vergasten und klein geschredderten Küken, man hört von Tieren, die ihre kurze Existenz in ihren eigenen Exkrementen stehend verbrachten. Also schnell zum Billigsupermarkt, wo es Billigbioprodukte gibt, die uns unser wohliges Gefühl zurückgeben sollen, für das wir Montags bis Freitags, von acht bis siebzehn Uhr, so hart gearbeitet haben. Natürlich könnten wir auch richtige Bio-Produkte kaufen, aber die sind so teuer und warum teuer, wenn's die auch billig gibt und warum die so billig sind, nein, das wollen wir nicht wissen, schließlich steht ja Bio drauf und wenn wir betrogen werden sollten, dann können wir uns zumindest hübsch entrüsten, schließlich haben wir ja nichts falsch gemacht.

Aber kaum hat man das Billigbiohack im Kühlschrank verstaut, kommt irgendein Jutehemdträger an und faselt was von H&M-Shirts und von KIK und ob man kein schlechtes Gewissen hat, wegen fairem Arbeitslohn und kleinen Kindern irgendwo in Kambodscha und du denkst nur, dass der Jutehemdträger weggehen soll und wie der überhaupt hier rein gekommen ist und wie man diese Information so schnell wie möglich vergessen kann, denn schließlich hat Madonna eine neue Kollektion für H&M entworfen und das eine schwarze Top ist echt cool und dabei auch noch vergleichsweise günstig.

Und all das kann man vielleicht noch irgendwie verdrängen, vergessen, wegschieben. Denn es passiert ja anderen Menschen, anderen Tieren, nicht einem selbst. Das Leben ist hart und kein Ponyhof und wäre es ein Ponyhof, dann wären keine Ponys mehr da, weil Lasagnen machen sich ja heutzutage auch nicht von selbst.

Wenn dann allerdings einem Dinge zu Ohren kommen, die einen doch selbst betreffen, fallen einem mit einem Schlag die vielen anderen Dinge ein, die man die letzten zwanzig Jahre so super erfolgreich "vergessen" hat.

Wenn man sich plötzlich ein bisschen zuviel mit Plastik beschäftigt und weiß was Bisphenol A ist und man realisiert, dass 50% des eigenen Besitzes aus Plastik ist, inklusive der Lebensmittelverpackungen. Wenn man plötzlich mal Aspartam googelt und augenblicklich weiß, dass man nie wieder Cola Light oder andere Light-Produkte zu sich nehmen wird und dann entsetzt feststellt, wo Aspartam noch so alles drin ist. Wenn man plötzlich erfährt, dass Aluminium noch schädlicher ist als Aspartam und BPA zusammen und man erstmal Stunden im Drogeriemarkt verbringt, um ein Deo zu finden, dass ohne Aluminium auskommt.

Plötzlich ist das nicht mehr mein kleines Universum. Das Universum ist aus den Fugen. Hatte man mit Bio noch die Pseudo-Möglichkeit sich ein gutes Gewissen zu erkaufen und konnte man durch Vermeiden von KIK & Co. sich selbst noch extrem geil finden, findet man sich plötzlich in einer Situation wieder, in der man nicht einfach anders handeln kann.
Denn die Alternative wäre, sich eine Holzhütte im Grünen, irgendwo weit, weit draußen, am Besten in Kanada, zu kaufen, selbst Gemüse und Obst anzubauen, sein Vieh selbst zu füttern und zu schlachten, und sich selbst seine Klamotten zu filzen, zu stricken, zu häckeln und zu weben. Denn hier, in der urbanen Welt, zwischen McDonald's Filialen und Tankstellenromantik, ist es fast unmöglich all dem aus dem Weg zu gehen. Ein Leben ohne spermienreduzierendes BPA zu führen, ohne demenzbegünstigende, aluminiumhaltige Tabletten gegen Sodbrennen. Ohne Kinderarbeit. Ausbeutung. Leid.

Also stehe ich einfach apathisch und hilflos in meiner Wohnung und starre abwechselnd meinen Sohn und meine Besitztümer an, die der Beleg dafür sind, dass der Mensch nicht weiß, was er hier auf diesem Planeten macht. Was er sich selbst antut und den nächsten Generationen. Und ich habe das Gefühl nichts dagegen tun zu können, denn ich will nicht nach Kanada ziehen. Ich will all das stattdessen nicht mehr wissen. Ich will wieder unbeschwert T-Shirts kaufen, die von flinken, indischen Händen im Sekundentakt und zu einem Hungerlohn hergestellt werden, ich will wieder auf mein iPhone schauen, ohne zu meinen in der Ferne das gequälte Stöhnen chinesischer Arbeiter zu hören, ich will wieder zu McDonald's und Burger King und kleine geschredderte und wieder zusammenklebte Hühnerbabies essen, ich will Cola Light saufen und jedes Deo, jeden Kaugummi und jede Zahnpasta benutzen, die ich verdammt nochmal benutzen will, ohne mir Sorgen machen zu müssen, dass ich oder mein Kind davon Krebs kriegen, ich will dreckigen Strom aus riesigen, instabilen Atomreaktoren, ich will meine dioxinverseuchte Pferdefleischlasagne. Und dann irgendwann, unwissend, dumm, aber in schicken Klamotten und wohlgenährt, an Krebs oder anderen selbstverschuldeten Krankheiten sterben.

Wenn Wissen wirklich Macht ist, mein lieber Francis, dann ist Unwissen Glück und der, der nichts weiß und deshalb noch zufrieden in seinem kleinen Universum lebt, zu beneiden.

Ein Glück, das mir nicht mehr vergönnt ist.