Montag, 4. März 2013

Die anderen

Waren Sie schon einmal in Emsdetten? Nein? Warum sollten Sie auch? Vermutlich kennen Sie Emdsetten nur wegen des Amoklaufs an einer dortigen Realschule im Jahr 2006 und das sagt im Grunde schon fast alles über diese Stadt.

Emsdetten ist ein Ort von beneidenswerter Bedeutungslosigkeit und gehört zu jenen Flecken in dieser Republik, die nicht mal zu einem eigenen KFZ-Kennzeichen taugen. Wikipedia sagt, dass hier seit rund 800 Jahren Menschen leben - also ich vermute, dass es ursprünglich mal Menschen waren, denn man kann bei der Gattung, die einem hier so bei Kaufland & Co. über den Weg läuft, nur mit ganz viel Euphemismus von Homo Sapiens sprechen. Andererseits reichen meine Bio-LK-Kenntnisse auch nicht für eine genauere Spezifizierung.

Obwohl Emsdetten eine Textilstadt und ein westfälisches Jute-Zentrum war, und damit eigentlich prädestiniert wäre ein internationales Hipster-Zentrum abzugeben, scheint der Ort sich eher der Bevölkerungsgruppe des Proletariats zuzuwenden und konzentriert sich daher mehr auf den Vertrieb von Jogginghosen und den Kampf für deren Akzeptanz als öffentlich taugliches Kleidungsstück, statt sich der nimmersatten Industrie der mit kecken Sprüchen bedachten Tragetaschen zu widmen.

Die einzigen Dinge, der sich Emsdetten daher rühmen kann, sind fragwürdige Partnerschaften mit jeweils einer niederländischen und einer polnischen Stadt, von denen ebenfalls nie ein Mensch gehört hat. Ansonsten spielt der dort beheimatete Schachklub SK Turm in der ersten Bundesliga und der Emsdettener Tobias Bücker ist zweifacher Weltmeister im 1-Spänner und 4-Spänner Ponys. Hurra.

Dass spätestens an dieser Stelle noch niemand bei Wikipedia gefordert hat, den Artikel aufgrund mangelnder Relevanz zu löschen, ist mir ein Rätsel sondergleichen.

IMG 0238

Es dürfte also niemanden überraschen, dass dieser Ort - der beim Durchfahren an die schöneren Ecken Tschernobyls erinnert und beim ersten Atemzug nach dem Aussteigen den Verdacht aufkeimen lässt, dass hier die anscheinend größte Rinderpopulation Westfalens zuhause ist - nur mit einer sadistisch anmutenden Unregelmäßigkeit über einen zivilisierten 3G-Empfang verfügt. Was für verwöhnte Internetgören, die namentlich ungenannt bleiben möchten, einem Todesstoß gleichkommt.

Und als wäre das alles nicht Folter genug, reagiert man hier auf die am Frühstückstisch gestellte Frage, wo denn das Nutella stünde, nur mit irritiertem Achselzucken und toten Augen und reicht stattdessen selbstgemachte Sülze. Wobei man sich vermutlich noch glücklich schätzen darf, dass es dazu nicht direkt noch Töttchen oder Knockepott gibt, sondern, dass einen diese kulinarischen Schätze erst zum Abendbrot erwarten, wo man inzwischen genug Selbstgebranntes konsumiert hat, um gar nicht mehr zu merken, ob man nun Tierinnereien oder doch nur Pedigree angeboten bekommt.

IMG 0239

Sartre sagte, die Hölle, das seien die anderen.

Das mag sein.

Nur die anderen leben offenbar in Emsdetten.