Montag, 25. März 2013

Alte Liebe

Als ich ein Kind war, was inzwischen nicht nur gefühlte, sondern auch beinahe wirklich Jahrzehnte her ist, spielte Fernsehen in meinem Leben keine allzu große Rolle. Zum einen, weil wir kein Kabelfernsehen und nur circa ein halbes Dutzend Kanäle empfingen, zum anderen jedoch, weil ich es weder brauchte, noch vermisste. Ich verbrachte die meiste Zeit in meinem Zimmer, in meiner eigenen, kleinen Welt, gerne mit verschlossener Tür, um bei meinen Fantastereien und Reisen in imaginäre Leben und Welten nicht gestört zu werden. Natürlich frönte ich wie jedes andere junge Ding dem Spiel mit anatomisch fragwürdigen Puppen und kleinen Gummiponys, deren wilde Farbkombinationen bei normalen Menschen eigentlich Augenkrebs verursachen müssten, aber primär steckte ich meine sommerbesprosste Nase in Bücher der verschiedensten Art. Ich liebte Bücher, wie ich später das Fluchen lieben sollte, und verschlang sie mit atemraubender Geschwindigkeit und stets mit einer Zärtlichkeit, die in einem anderen Universum sicherlich unsittlich ist.

Im Laufe der Pubertät war ich zwar vorrangig mit Brustwachstum oder deren Ausbleiben und anderen weltbewegenden Dingen beschäftigt, jedoch blieb meine Liebe zu Büchern und zur Literatur. Inzwischen hatte ich erkannt, dass Bücher nicht gleich Bücher waren, und demzufolge stellte ich kilometerlange Listen mit solchen zusammen, die es im Laufe eines Lebens zu lesen galt. Ich war und bin bis heute der Ansicht, dass ein Bücherregal alles über einen Menschen aussagt, was man über ebendiesen wissen muss. Das Bücherregal - Der Personalausweis des Intellekts. Also wühlte ich mich durch Homers Verse, erfuhr durch de Sade, was es heisst sokratisiert zu werden, lachte mit P.G. Wodehouse und baute kleine Altare für Foer, Thomas Mann und andere. Meine Verehrung, Liebe und Hingabe schien zeit, grenzen- und bedingungslos.

Dann kam der Herbst 2010 und damit meine Magisterarbeit und meine Prüfungen. Innerhalb von ca. acht Monaten las ich fast 200 Bücher. Größtenteils jeden Tag eines und keines davon zum Vergnügen. Mein eiserner Wille wurde mit einem glorreichen Examen belohnt (auch wenn mir das auf dem Arbeitsmarkt anschließend nicht in dem Maße weiterhalf, wie man vielleicht denken könnte), jedoch hatte durch diesen Überkonsum meine Liebe einen immensen, scheinbar irreparablen Knacks bekommen.

Monat um Monat lagen neben meinem Bett, beim Sofa, sowie in meiner Tasche die Bücher, die ich zuletzt gelesen hatte. Ich klappte sie kein einziges Mal auf. Ich zog nach Berlin und verschmähte sie weiterhin. Ich zog aus Berlin weg und legte die Bücher gar nicht erst auf die kleinen Tischchen, sondern räumte sie mit der traurigen Gewissheit, dass ich sie weiterhin nicht lesen würde, direkt ins Regal. 

Hin und wieder versuchte ich es. Suchte mir eines raus, von dem ich annahm, dass es mir jetzt am Besten gefallen würde, schlug es auf, las zwei, drei Seiten, schlug es zu und legte es beiseite. Oft blieb es an genau dieser Stelle eine Weile liegen, bis eine dünne Staubschicht darauf Hof hielt und ich einsah, dass ich immer noch nicht bereit war und langsam beschlich mich die Angst, dass ich nie wieder dazu bereit sein würde.

Dann, vor wenigen Monaten, veröffentliche Ada Blitzkrieg im Selbstverlag ein Buch. Ich hatte aufgrund des wenige Wochen alten Antichristen keine Zeit ein Buch zu lesen, ich war mit Windeln wechseln und anderen nobelpreisverdächtigen Aktivitäten beschäftigt. Letzte Woche dann, in einer ruhigen Minute, lud ich es mir auf Jorge, mein iPhone. Ich hatte vorher kein Buch auf dem iPhone, dem iPad oder auf sonsteine vergleichbar ketzerische Art gelesen. Bücher hatten aus toten, dahingeschlachteten Bäumen zu sein. Man hatte sie vorher im Buchladen gierig, wie ein Freier seine Lieblingshure, zu befingern und sie dann sorgsam nach Hause zu tragen, wo man sie las, liebte, sich Notizen machte, sie mit Lesezeichen schmückte und anschließend zu ihren Geschwistern ins Regal stellte. 

So las man Bücher. So und nicht anders. 

Bücher mag man weiterhin nur auf diese eine Art lesen, nur die Geschichten selbst sind diesem Diktat nicht mehr unterworfen. Und so passierte in zweierlei Hinsicht das Unvorstellbare: Ich las - Ein E-Book. Und fand Gefallen. Ehe ich mich versah, bestückte ich mein digitales Bücheregal mit   neuen Schätzen und fand mich in den Folgetagen immer wieder unter der Bettdecke, beim Füttern und Herumtragen des Antichristen, auf dem Klo, während des Vorspiels und beim Kochen lesend vor.


Manchmal ist nichts schöner, als eine neu entflammte alte Liebe.