Montag, 4. Februar 2013

Totgeburt

Manchmal nervt mich das Internet. Das zu sagen, fällt mir nicht leicht, denn das Internet ist, das ist schließlich bekannt, meine einzige große, wahre Liebe. Aber manchmal muss eine Beziehung das aushalten können.

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Eigentlich ist das Internet ein wundervoller Ort. Voller wundervoller Menschen. Voller wundervoller, wunderschöner Menschen. Und wenn einer mal hässlich sein sollte, kriege ich das nicht so mit, denn in der Regel besitzen diese Menschen genug Anstand und/oder Scham, um als Avatar ihre Katze zu nehmen. Oder Brüste. Was mich also angeht, ist das Internet voller wundervoller Menschen. Und ihre Musik. Ihre Kunst. Ihre Tweets. Ihre Knopfmonster. Ihre Fotos. Ihre Blogs.

Oh, die Blogs.

Soviele Blogs. Sooviele Blogs mit sooovielen Meinungen. Mit sooooviel Schmonsens.

Meinung an sich ist natürlich etwas feines. Jeder sollte eine haben. Und ein Blog ist ein durchaus feiner Ort, um sie kundzutun. Also in der Theorie.

In der Praxis lese ich kaum Blogs. Den von der Frau Lobo lese ich recht gerne, denn sie ist bekannterweise eine sehr kluge Frau, die stets sehr kluge Sachen schreibt - und das auch noch in schöne Wörter gehüllt. Aber ansonsten.. Ansonsten sind andere Menschen gerne ein klein wenig anstrengend. Also ihre Meinung. Während ihre Musik, ihre Tweets, ihre Fotos, ihre Kunst gerne sehr großartig sein kann, kann die Meinung ebendieser Menschen in der Regel gerne sehr fuckig sein. Britische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass die Meinung anderer Menschen zu 76,27% aus einer Mischung aus "Bist du auf Crack?!" und "Wo zur Hölle warst du, als Gott die Gehirne verteilt hat?! Kacken?!" besteht. Es waren dieselben Wissenschaftler, die schon 1997 herausgefunden hatten, dass ich die Meinung anderer Menschen in 7 von 10 Fällen zum Haarbällchenkotzen finde.

Jetzt kann man die Meinung anderer Menschen in der Regel recht gut ignorieren. Ich praktiziere das seit dem Kindergarten ziemlich erfolgreich und kann es auch eigentlich jedem nur empfehlen.

Nur.

Hin und wieder wird die Presse, das Netz, scheinbar jeder menschliche Furz, der  nicht im Wachkoma liegt, von einem Thema, einem Ereignis, einem wasauchimmer dominiert. So, dass man, egal, wohin man klickt, wohin man schaut, unausweichlich darauf gestoßen wird. Wie ein Welpe, der mit der Nase in die Pipipfütze auf dem Wohnzimmerteppich gestupst wird - Egal, wie sehr man es auch möchte, man kann nicht ausweichen. Nicht fliehen.

Sexismus ist dankbares Thema, auf das sich (fast) jeder Blogger mit einer Hingabe stürzt(e), die ihresgleichen sucht. Das liegt in der Natur der Sache, denn bei Sexismus geht es ja um Geschlechter und jeder Blogger hat irgendeins und darüber zu verfügen, reicht in der Internetszene ja bekanntlich aus, um als Fachmannfraudings aufzutreten und seine halbausgegorene Meinung wie das goldene Kalb der Welt anzupreisen.

Nun, ich bin da keine Ausnahme.

Selbstverfreilich habe ich vorletzte Woche die wenige freie Zeit, die ich aktuell habe, genutzt und - statt zu duschen, sich zu kämmen oder was zu essen - mich hinter die Tastatur geklemmt, um auch meine Meinung ungefragt und ungewollt ins unendliche Nichts des Internets zu rotzen. Weil ich glaubte, dass ich das müsste. Ich schrub und schrub und schrub. Immer wieder unterbrochen von Kack-, Brüll- und Füttereinheiten des Antichristen. Und mit jeder unfreiwilligen Unterbrechung würgte jemand anderes seine geistigen Ergüsse hervor und jedesmal dachte ich beim Lesen nur "Herrje. Herrje, herrje, herrje..." Und das war stets, bevor ich die Kommentare dazu las. Und wie wir alle nur zu gut wissen sind die Kommentare der geistige Bodensatz des Internets, denn sie sind meistens noch unsachlicher, noch beleidigender, noch schmockiger als der eigentliche Artikel oder der Post selbst.

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Da es recht schwer ist, weiterzutippen mit kleinen Bröckchen von Erbrochenen zwischen der Tastatur, dauerte es, bis der Post fertig war, aber schließlich war er es. Aber ich schickte ihn nicht ab. Nicht, weil alles schon gesagt war. Das hält bekanntlich keinen Blogger ab.

Es war vielmehr, dass ich in jenen Tagen soviel Schwachsinn, soviel unsachliche Äußerungen, soviele gesellschaftliche und geschlechtliche Pseudo-Analysen, soviel inhaltleeres Geblubber gelesen hatte, dass ich den Eindruck gewann, dass das Internet zur Zeit zu einem homogenen Sammelbecken von intellektuellen Teil- und Totalausfällen mutiert war.

Die Sexismus-Debatte, die den Begriff Debatte eigentlich gar nicht verdient, ging schon den Bach runter, bevor sie die Chance hatte, wirklich zu reifen und etwas Gutem zu dienen. Sieht man davon ab, dass vielen Frauen durch #Aufschrei Möglichkeit und Rahmen gegeben wurde, um endlich ihre Erlebnisse, Erfahrungen und aufgestauten Emotionen mitzuteilen, bleibt am Ende doch nur die bittere Erkenntnis, dass das Ganze eine Totgeburt ist.

Und dass der Leichnam immer noch euphorisch durch Netz und Fernsehen geschleift wird, ändert nichts daran, dass er schon seit Tagen stinkt und fault. Erschlagen, erschossen und mit Worten totgeprügelt von zu vielen Idioten, die meinten, einer Sprache in Wort und Schrift mächtig zu sein, würde als Grund ausreichen, um seine Meinung in jede Tastatur und jedes Mikrofon zu erbrechen, das ihnen vor die Nase gehalten wird.

Manchmal ist es besser nicht zu lesen, was andere geschrieben haben.

Manchmal ist es besser nichts zu schreiben und stattdessen zu schweigen.

Und manchmal ist es einfach am Besten den Computer für ein paar Tage auszulassen.

Um auch weiterhin das Internet lieben zu können.

Und die Menschen darin.

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