Montag, 11. Februar 2013

I became cynical

"Ach, Claudia," sagt sie und rollt mit den Augen "wieso bist du nur so?"

"Wie bin ich denn?" frage ich und überlege, ob es wohl sehr schmerzt, wenn man seine Augäpfel einmal halb um die eigene Achse drehen lässt.

"So kalt. Zynisch. Du bist immer sarkastisch. Wieso bist du nur so?"

"Ich weiß nicht. Vielleicht weil ich Augen habe. Ein funktionierendes Gehirn. Und ein recht zuverlässiges Erinnerungsvermögen. Ach, und ein abgeschlossenes Geschichtsstudium. Du weißt schon, diese Sache, bei der man so unschöne Dinge lernt, wie Bibliographieren, Kriege, Genozide, all dieser Kram, der einen würgen lässt und dafür sorgt, dass man den Glauben an seine eigene Spezies verliert. Und dann schlägt man die Bücher in der Uni zu, sagt sich, na ja, das war gestern und heute ist heute, geht nach Hause, schaltet den Fernseher an und sieht in den Nachrichten, dass in Indien schon wieder eine Frau von mehreren Männern öffentlich und am Tag vergewaltigt wurde und in Syrien mal wieder Zivilisten erschossen wurden. Und dann macht man den Fernseher aus, und geht aus dem Haus, setzt sich ins Café und liest in der Zeitung, dass in Südafrika schwangere Frauen ganz gerne ein Batteriesäurealkoholgemisch trinken, weil man für behinderte Babies mehr Geld von der Fürsorge bekommt und dass in Sderot schon wieder eine Ladung Qassam-Raketen niedergegangen ist. Und dann legt man die Zeitung beiseite und verlässt das Café, weil man denkt, so etwas passiert ja nur irgendwo in Indien, im Nahen Osten und in Afrika, aber nicht hier, hier sind wir zivilisierter, aufgeklärter, vernünftiger. Der Europäer, dieser die Weisheit mit Löffeln fressende Übermensch. Der Europäer, dieser Homo novus, dem die Arroganz und eingebildete Überlegenheit unablässig aus allen Poren fließt, wie bei einem in die Jahre gekommenen Dixie-Klo. Und dann wird am Alexanderplatz ein junger Kerl von einem Rudel neuzeitlicher Cro-Magnon-Menschen zu Tode geschlagen, einfach nur so, weil sie Lust dazu hatten und gemeinsam nicht über mehr IQ-Punkte verfügten als eine im Wachkoma liegende Amöbe, und irgendwo in Thüringen legt eine Mutter ihre Neugeborenen zum Sterben auf den Dachboden und der Ehemann sagt, er habe weder von den Schwangerschaften noch von sonst irgendwas geahnt und während man sich bei dem Gedanken gruselt, dass all diese Menschen in diesem, unseren schönen, zivilisierten Land wählen gehen dürfen und selbst bei einem Schuldspruch nach ein paar Jahren wieder auf freiem Fuß sind, statt sie nach Sderot oder Syrien zu deportieren, stellt man zu allem Überdruss dann auch noch fest, dass die Double-Chocolate-Muffins bei Starbucks ausverkauft sind - Und wenn ich es schaffe all das für einen Moment, für ein Sekündchen, zu verdrängen, zu vergessen, kommst du und stellst mir eine dermaßen überflüssige Frage, dass ich mich wiederum nun fragen muss, wieso du solche Fragen stellst und warum ich Menschen kenne, die solche Fragen stellen und ob es wohl sehr kalt ist, im Winter, wenn der eisige Wind durch deine offenbar leere Schädeldecke bläst."

"Du hättest auch einfach sagen können, du leidest unter chronischer Verstopfung und bist deswegen immer so unterirdisch mies gelaunt."

"Ach, ich wünschte es wäre so einfach..."

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