Montag, 24. Dezember 2012

Heilige Scheisse

Freitag Morgen. Nein. Eigentlich Freitag Nacht. Genau genommen vier Uhr nachts. Ich starre seit 17 Minuten auf mein Handy und warte darauf, dass der Wecker klingelt. Die Minuten vergehen nur zäh, sehr zäh und als die Titelmelodie von 'Sherlock' endlich erklingt, schafft sie noch nicht einmal die ersten zehn Töne, da hüpfe ich aus dem Bett - nun ja hüpfen ist beim Körperumfang eines adipösen Manatees vielleicht ein wenig zu euphemistisch ausgedruckt, sagen wir einfach, für eine extrem fette Person bin ich suuuper schnell aufgestanden -, hüpfe unter die Dusche, hüpfe zu meiner Kliniktasche und lasse die restlichen, fehlenden Sachen hineinhüpfen.

Um sieben liege ich in ästhetisch fragwürdigen Thrombosestrümpfen und einem Nachthemd, das bei unbedachten Bewegungen neckische Blicke auf meinen Allerwertesten zulässt, auf einem Krankenhausbett und beobachte abwechselnd den Herzschlag des Krümels und wie sich an der Stelle meines Arms, wo die Hebamme die Infusion mit bemerkenswerter Inkompetenz falsch gelegt hat, langsam eine muntere, mandarinengroße Beule bildet.

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Um acht wird mir im OP eine Nadel irgendwo ins Rückgrat gerammt. Weder das, noch sonst irgendetwas in der Zeit davor oder danach kriege ich wirklich mit. Ich bin da. Körperlich. Geistig sage ich den Prolog von Richard III. auf. Wieder und immer wieder..

Now is the winter of our discontent
Made glorious summer by this sun of York..

..bis der Krümel mir plötzlich vor die Nase gehalten wird und ich gar nicht mehr denken kann. Bis zu diesem Moment starrte ich immer auf meinen Bauch, der einfach nur wie eine fleischige Tasche für eine enorm große Bowlingkugel aussah. Dass da drin ein Mensch sein sollte - also ein echter, also ein echtes Baby, also mein echtes Baby -, war bisher surreal, absurd, beinahe kafaesk und nun wurde mir aus heiterem Himmel, ohne, dass ich die Möglichkeit hatte, mich auch nur ansatzweise darauf vorzubereiten, ein Säugling mit dem Gesicht von Axel Schulz unter die Nase gehalten.

Die nächsten Stunden verbringe ich im Kreißsaal mit einem Baby auf dem Bauch, das tatsächlich meines ist und das daher auch nichts besseres zu tun, als mich als erste Amtshandlung in diesem Leben einmal ordentlich anzukacken.

Und die dann darauffolgenden Tage verbringe ich mit der grausamen und zu spät kommenden Erkenntnis, dass aufgeschnitten zu werden höllisch weh tut, dass Babies super laut schreien können, dass Stillen Hitler ist, aber vor allem, dass das Krankenhaus kein WLAN hat.

Das war vor gut zwei Wochen.

Inzwischen bin ich zuhause. Die Schmerzen sind weg, das WLAN wieder da, das Baby schreit immer noch ab und zu und Stillen ist immer noch Hitler. Ich habe zu wenig Schlaf, passe noch nicht in meine alten Hosen, darf keinen Alkohol trinken und habe keinen Sex. Fast also genauso wie während der Schwangerschaft.

Hin und wieder ertappe ich mich dabei, wie ich ungläubig den Krümel anstarre und "Heilige Scheisse, du hast ein Baby! Ein echtes Baby! Ein Kind! Du bist jetzt Mutter! Voll erwachsen und überhaupt: Ich hab ein Baby!!" denke.

Meistens schaue ich mich dann misstrauisch um, als erwarte ich, dass ich aufwache oder jemand kommt und sagt "War ein Missverständnis, eine Verwechslung..", aber nichts dergleichen passiert und der Krümel ist immer noch da und pupst, rülpst, kackt und hin wieder pinkelt er sich selbst auch mal mit Elan ins Gesicht. Wenn er das nicht macht, schläft er (grundsätzlich nur, wenn er dabei auf oder neben mir liegen kann) oder schreit (grundsätzlich, wenn ich mich unerlaubterweise weiter als 37cm von ihm entferne).

Babies sind halt irgendwie auch ein klein bisschen Hitler.

Nur in öpvig.

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