Montag, 26. November 2012

Wo sind die Erwachsenen?!

Sie sitzt mir gegenüber, ihr (vermutlich) selbstgefilzter grüner Pullover sieht kratzig aus, die handgestrickten knatschroten Armstulpen nicht minder. Sie nimmt einen Schluck ungesüßten Bio-Tee, für den ganz sicher kein Tier oder Teeblatt leiden musste, lächelt breit und streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht. Vermutlich bürstet sie ihre Haare nur einmal in der Woche. Ich kenne Neufundländer, die weniger Fell am Leib tragen, als diese Frau auf dem Kopf.

Der Name zu diesem Körper und der selbsthergestellten Bekleidung ist Anna und Anna ist Hebamme. Sie ist ein fleischgewordenes Klischee. Und ich liebe sie.

Sie nippt ein weiteres Mal an ihrem Tee, blättert in meinem Mutterpass und meint irgendwann: "Na, dann kann es ja jetzt im Grunde jederzeit losgehen."

Mir fällt vor Schreck der nach nassem Staub schmeckende Haferkeks aus dem Mund.

"Wie? Jederzeit?" stottere ich.

"Der Geburtstermin ist nicht mehr weit, die Entwicklung des Kleinen ist prächtig, Größe, Gewicht - alles super. Es kann losgehen. Hast du die Kliniktasche gepackt?"

"Die.. Kliniktasche?"

Verstehen Sie mich nicht falsch, mir war schon irgendwie bewusst, dass ich den Antichristen nicht an der Pralinentheke bei Hussel oder im Bus auf dem Weg zur Haribo-Fabrik kriegen würde, sondern höchst wahrscheinlich und vorzugsweise in einer recht sauberen Umgebung, vorzugsweise einem Krankenhaus.

Allein schon, damit ich die zu erwartende Sauerei nicht selbst wegmachen muss.

Aber abgesehen von der Herausforderung den richtigen Ort zu finden, schien das doch alles in wunderbarer Ferne zu liegen. Ich bin schließlich erst im zehnten Monat und hatte nun wirklich noch keine Zeit mich auf den Moment vorzubereiten, in dem dieses Geschöpf, das mich unverschämterweise als Behausung benutzt, das elektrische Licht der Welt erblickt: Hässlich wie eine halbverdaute Trockenpflaume, undicht, schlecht erzogen, unsäglich unselbstständig und vor allem egozentrisch wie Klaus Kinski.

Sicher, im Kinderzimmer steht ein Bettchen. Eine Wickelkommode. Eine Wärmelampe. Da liegen Pampers, Strampler und Bodies in verschiedenen Größen. Ein Windeleimer, der großmäulig verspricht die olfaktorischen Gräuel, die dem Körper des kleinen, zukünftigen Menschen entfleuchen werden, zu verbergen. Einem Maxi Cosi für das Auto, da es offensichtlich verpönt ist Kleinstkinder im Koffer des Rollers zu transportieren - selbstgebohrte Luftlöcher hin oder her.

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Es ist alles da.

Aber das heisst doch beim besten Willen nicht, dass ich vorbereitet bin. Dass ich bereit bin.

Ich meine, wir reden hier schließlich von mir. Wer hat überhaupt erlaubt, dass ich Kinder kriegen darf? Wo sind denn hier eigentlich die Erwachsenen? Die hätten doch schon längst mal einschreiten müssen. Das geht doch so alles nicht. Es kann doch nicht einfach jeder Kinder bekommen.

Offenbar doch.

Und wenn sich der kleine lebertretende Pupser in meinem Torso nicht entscheidet in den nächsten zehn Tagen freiwillig aus dem Dunkeln ins Licht zu treten, wird er mit Gewalt aus diesem Ungetüm, das die Bezeichnung menschlicher Körper schon seit mehreren Wochen nicht mehr verdient, herausgezerrt.

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Es sei denn natürlich ich platze vorher nicht einfach.

Was, seien wir ehrlich, aktuell doch das wahrscheinlichste Szenario ist.