Sonntag, 14. Oktober 2012

Moneymoneymoney

So ein kompletter Umzug ist ja in der Regel von einer Person alleine kaum oder nur schwer zu schaffen. Von Glück kann der reden, der genügend Freunde und Familie hat, die ihm an einem solchen Tag helfen. Von einem gut gedeckten Konto kann der reden, der den ganzen Wumms von einer Umzugsfirma erledigen lässt.

Ich habe mich für den mittleren Weg entschieden. Aufgrund meiner körperlichen temporären Behinderung - laut Wikipedia im Volksmund als Schwangerschaft bekannt - war es mir von vorne rein ohnehin verwehrt, meine geschätzten zwölfzig Tonnen Besitz mit dem Roller oder dem Rad durch die Gegend zu kutschieren.

Und da ich mein persönliches Umfeld, das sich in einem Moment der geistigen Verwirrung dazu bereit erklärt hatte, mir zu helfen, nicht über Gebühr strapazieren wollte, erkaufte ich mir zeitlich befristete Sklaven.

Das Internet und die moderne Studentenarbeitsdingsvermittlung macht's möglich. Zwei Kerls für exakt zwei Stunden für EUR 12,50/Stunde/Person. Macht ipso facto fünfzig Ocken. Der Preis wurde von vorne herein festgelegt, hätten'se mehr gekostet, hätte ich auch mehr bezahlt, aber das war der Preis, zu dem man Menschen in Bonn mieten kann und er lag gerade noch in meinem ohnehin arg begrenzten Budget.

Die zwei Herren kamen zum Missvergnügen meines exakt erarbeiteten und selbstverfreilich laminierten Ablaufsplans eine Viertelstunde zu spät, packten dann aber in den nächsten 105 Minuten recht manierlich an und als ich ihnen um punkt 14 Uhr einen schönen, braunen Schein in die Patschehändchen drückte, schien der Große von ihnen ein wenig irritiert. Ich fragte, ob das so in Ordnung und das doch der Preis sei, den wir ausgemacht hätten. Er murmelte irgendwas von "Das müssen Sie selbst wissen."

Nicht weiter darüber nachdenkend, ließ ich sie von dannen und einer mir nicht näher bekannten Kneipe entgegen ziehen. Erst später erfuhr ich, dass die beiden meine Mutter im Flur auf dem Weg nach unten angeraunzt hätten, ich sollte froh sein, dass sie überhaupt zu so einem Preis gekommen wären und gearbeitet hätten.
Moment.
Sehen wir von der Tatsache ab, dass diese zwei gestandenen Männer nicht die Chuzpe hatten mir das direkt ins Gesicht zu sagen und stattdessen über meine liebe Frau Mutter herfielen.
Sehen wir auch von der Tatsache ab, dass ich sie keinesfalls um ihren Lohn betrogen habe, sondern sie sogar eine Viertelstunde weniger arbeiten ließ.

Sehen wir stattdessen einfach nur auf die Tatsache, dass die Beiden meine Mutter deswegen so derbe von der Seite anpissten, weil ich - ebenfalls Studentin und angehende Mutter mit einem sich daraus ergebenden, nicht gerade unfassbar großen Barvermögen - es gewagt habe, ihnen kein Trinkgeld zu geben.

Ma' ganz ehrlich: Bei euch hakt's wohl?!

Ich finde diese Politik, dass in einigen Jobs Trinkgelder gegeben werden, bzw. erwartet (!!) werden, einfach nur gänzlich meschugge bis tolldreist.

Ich habe vor, während und nach meinem Magister-Studiums allerhand Nebenjobs gemacht. Habe auch gekellnert. Aber auch an der Kasse gesessen, Führungen gegeben, im Büro gearbeitet, den Reiseleiter gespielt und noch andere Albernheiten veranstaltet, die ich auf Raten meines Anwalts nicht näher ausführen soll.

Und was soll ich Ihnen sagen?

Ich bekam kein Trinkgeld, wenn ich den ganzen Tag freundlich und lächelnd bei Kaiser's an der Kasse hockte. (Ja, ich weiß, freundlich und lächelnd, das können Sie sich bei mir jetzt nur schlecht vorstellen.)

Wenn ich tagelang an dem Layout und dem Text einer Broschüre gebrütet hatte.

Oder wenn ich rund 50 Seiten Text auswendig gelernt hatte, um frei und kompetent Vorträge zu halten und Führungen geben zu können.

Es gab kein Trinkgeld. Es gab freudestrahlende Gesichter, zufriedene Kunden, Gäste, Besucher, Vorgesetzte. Einen warmen Händedruck. Eine unangebracht lange Umarmung. Und zu Weihnachten vielleicht einen Firmen-USB-Stick.

Warum?

WEIL. WIR. VORHER. EINEN. VERSCHISSENEN. VERTRAG. AUSGEHANDELT. HATTEN. UND. ICH. GANZ. GENAU. WUSSTE. WIEVIEL. ICH. FÜR. MEINE. LEISTUNG. BEKOMME.
Herrje.

Die beiden Umzugsschmocks sind Biochemieirgendwasstudenten. Ich weiß, das Geld ist knapp bei Studenten und anderen Menschen, die sonst nichts richtiges können, aber sie haben EUR 12,50/Stunde bekommen. Ich habe während meines gesamten Studiums Jobs gemacht, die bis zu 50% weniger einbrachten, und nie bin ich auf die Idee gekommen anschließend die Mutter irgendeines Kunden anzugehen, weil ich, obwohl ich doch alles so dufte und geil gemacht hatte, kein Trinkgeld bekommen habe.
Diese Herren haben kein neues Molekül entdeckt, haben kein Oberseminar geleitet, haben keine rosafarbenen Frösche mit Fell gezüchtet oder was Biochemiemenschen sonst so den lieben, langen Tag machen.
Sie haben eine Tätigkeit ausgeübt, bei der sie komplett austauschbar und ersetzbar sind, die keine besondere Qualifikation oder Abschluss voraussetzt. Und so mimimi unfair man auch die Bezahlung finden kann, so mimimi ist das nun mal bei ungelehrten Kräften.

Warum also diese Erwartungshaltung?

Weil wir denken, dass es Tätigkeiten gibt, die eine zusätzliche Belohnung aus ihrer Natur heraus verdienen? Weil Umzugshelfer sich körperlich betätigen und schwitzen? Das tun Bauarbeiter auch.  Weil Kellner während der gesamten Schicht auf den Beinen sind? Das tun die Damen und Herren in der Bäckerei auch. Weil Klofrauen sich mit Dingen beschäftigen, mit denen wir uns außerhalb unserer eigenen vier Wände lieber nicht beschäftigen wollen? Das tun die Zimmermädchen in Hotels auch.

Geht es also um Würdigung? Um Wertigkeit? Um Anerkennung? Schreien wir diesen Menschen, wenn wir ihnen kein Trinkgeld geben ein "Ich finde euch scheisse und ihr seid mir nicht mehr wert!" entgegen? Ist es das?

Nein. Natürlich nicht.

Es ist eine Marotte unserer Gesellschaft zu glauben, man müsse Kellnern und Konsorten Trinkgeld geben. Eine fiese, lächerliche Angewohnheit - wie vor dem Fernseher zu essen oder Kaugummis auf die Straße zu spucken -, von der man sich schleunigst verabschieden sollte.

Liebe Mitmenschen, ich gebe gerne Trinkgeld. Der gut gelaunten Kellnerin. Dem pünktlichen (!), fleißigen Umzugshelfer. Der Friseurin, die mir einen Cappuccino hinstellt, weil ich länger als sonst warten muss. Der Taxifahrer, der mir mit meinem Gepäck hilft, die Tür aufmacht, freundlich ist und ein Deo benutzt.

Ich weigere mich jedoch, Trinkgeld zu geben, weil man Trinkgeld gibt.

Trinkgeld.

Das ist kein Recht.

Es ist eine Belohnung.

Und Menschen, die sich über zu wenig oder kein Trinkgeld, über geizige Kunden und ähnlich vermeintliches Pack aufregen, sollten sich vielleicht mal die Frage stellen, wann sie das letzte Mal dem freundlichen Busfahrer, der netten Bäckereiangestellten oder dem zuverlässigen Postboten Trinkgeld gegeben haben.