Sonntag, 7. Oktober 2012

Keine Chance auf Cholera

Ein offener Brief an meine lieben, hochgeschätzten Mitmenschen, die glauben, mir mit sehr ernsthaftem und latent vorwurfsvollem Tonfall erzählen zu müssen, dass die Probleme, die ich habe, doch nur 1st world problems seien.


Liebe Mitmenschen,

wenn ich mich darüber beklage, dass bei REWE schon wieder die Toffifee alle sind, dass die iPhone-Akkulaufzeit doch wohl ein schlechter Witz ist und wir ja derbe um diesen Sommer betrogen wurden, dann, meine verehrten Mitmenschen, ist es keinesfalls so, dass ich nun deswegen in Embryohaltung auf dem Boden liege, wimmernd, die eine Faust zornig gen Himmel strecke und voller Emphase "Oh Gott, warum hast du mich verlassen.." schluchze.

Zum einen ist es sehr wahrscheinich, dass ich nicht mehr ohne Kran hochkäme und daher die nächsten Wochen bis zur Geburt ebendort einfach liegen bleiben müsste.

Zum anderen habe ich ein solches Verhalten auch vor der Schwangerschaft nicht an den Tag gelegt und ich werde ganz sicher weder jetzt, noch in naher Zukunft, damit anfangen.

Aber - und das ist der wesentliche Punkt - welche Probleme, wenn nicht 1st world problems sollte ich auch bitte sonst haben?

Ich lebe in Deutschland, einem mächtigen Wirtschaftsstaat mit (größtenteils) funktionierendem Gesundheits- und Sozialsystem.

Die Wahrscheinlichkeit an Cholera oder Dengue zu erkranken ist verhältnismäßis gering. Das Risiko eines Tsunamis oder eines Erdbebens ist ebenfalls recht überschaubar. Meine Möglichkeiten hier zu verhungern, zu verdursten oder zu erfrieren sind auch begrenzt. Und Terroristen oder Diktatoren sind auf dem ganzen Kontinent inzwischen fast schon Mangelware.

Erinnerungsplattform lukaschenko

Ich lebe in einer fast perfekten Welt, in der ich - solange ich keine aus China importierten Erdbeeren esse und mir anschließend den Verstand, Seele und Eingeweide auskotze - so gut wie nichts zu befürchten habe.

Also müsste ich eigentlich, und darauf wollt ihr, liebe Kackklugscheissermenschen, ja letzten Endes hinaus, quietschvergnügt und glücklich sein angesichts meiner gesegneten Lebensumstände und mich doch gefälligst nicht über zu wenig Crepes-Stände auf Flohmärkten, Staus auf deutschen Autobahnen oder zu wenig Geschlechtsverkehr in diesem Monat beschweren.

Im Gegenteil! Ich könnte es ja viel schlimmer haben!!

Ich könnte zahnlos auf irgendwelchen Mülldeponien Südamerikas herumkreuchen und Elektroschrott sammeln, um meine 37 Kinder zu ernähren.

Oder in der Wüste Namib, halb verdurstet und ohne Arme, vor einem Kühlschrank voller eisgekühlter Coke-Flaschen stehen.

Ich könnte beim Angeln einen Ring finden, mich mit meinem besten Freund darum schlagen, ihn ermorden und dann hässlich, haarlos und schizophren werden.

Ich könnte Kreationist sein. Oder aus anderen Gründen kein Gehirn haben.

Das wären alles, eurer Auffassung nach, gute Gründe, gute Probleme, relevante Probleme. Probleme, über die man sich beschweren darf.

Doch nichts von alldem ist bei mir der Fall. Und nun? Soll ich einfach meine Fresse halten? Wie soll das gehen? Ich bin eine deutsche Twitterin - Die deutsche Kultur als solche ist schon eine, die sich primär durch's eifrige Beschweren und Stöhnen auszeichnet und als Twitterer ist es darüber hinaus meine gottverdammte Pflicht über leere Nutellagläser, die Nicht-Existenz von Einhörnern und ungenügende Masturbationsvorlagen in der Nachbarschaft zu ächzen.

Ich kann mich nun mal nicht darüber beschweren, dass der Karton, in dem ich lebe, undicht ist, dass Ratten mir im Schlaf eine Fingerkuppe abgefressen haben, weil ich verdammt nochmal einfach weder in einem Karton wohne, geschweige denn mir ebendiesen mit Ratten teile. Ich kann nur über das stöhnen, was es in meinem Alltag, in meinem viel zu schönen, sauberen, hygienisch einwandfreien Leben auch gibt.

Und wenn ich bei Twitter darüber motze, dass mir kaum noch eine Hose passt, dann brauche ich keinen Klugscheißer, der meint mich daran erinnern zu müssen, dass es ja Menschen gibt, die noch nicht mal eine Hose haben! Oder Beine!

Muss ich denn extra erst nach Simbabwe ziehen und Wasser aus kontaminierten Brunnen saufen, damit ich mich beschweren darf?

Hat nicht jeder Mensch ein angeborenes Anrecht auf Probleme? Ein von Gott gegebenes Recht über das Wetter zu motzen oder über münzenzählende Rentner an Supermarktkassen?

Es muss endlich Schluss sein mit der Diskriminierung von Menschen mit 1st world problems. Ich fordere mehr Gleichberechtigung!

Liberty

Was ich, liebe Mitmenschen, versuche euch hier zu sagen:

Haltet die Fresse.

Kussi

Eure Claudia