Freitag, 5. Oktober 2012

Erwachsen

Es ist ja nun nicht so, als wenn dieser Tag überraschend gekommen wäre. Ich wusste es ja. Genau genommen wusste ich es seit dreißig Jahren.

Und wurde ich in den Wochen und Tagen vorher gefragt, ob dieser Tag für mich ein Problem darstellen würde, hatte ich stets mit vollster Überzeugung und ohne lange nachzudenken mit Nein geantwortet. Das war keinesfalls gelogen - auch wenn mich die Häufigkeit der mir gestellten Frage schon ein wenig verwunderte..

Wurde angenommen, dass dieser Tag für eine junge Frau ein Problem darstellen musste? Wird vielleicht erwartet, dass ich heulend zusammenbreche?

Vermutlich gibt es die eine oder andere Frau, oder vielleicht auch den ein oder anderen Mann, die mit dem Alter Dreissig ihre Probleme haben, weil sie es mit Altern assoziieren. Mit dem unaufhörlich Fortschreiten des Lebens. Je nachdem hat man nun vielleicht ein Drittel seines Lebens hinter sich. Wenn man Pech hat, auch schon die Hälfte. Die Sorge, das Bewusstsein um das Altern, ist nicht völlig unberechtigt.

Ich hatte und habe jedoch kein Problem mit dem Alter, da ich mich weder alt fühle, noch der Ansicht bin, dass man in Bezug auf diesen Tag plötzlich von altern sprechen kann. Der einzige Moment, in dem mir regelmäßig bewusst wird, dass auch ich älter werde, ist, wenn ich Popstars oder ähnlichen gehirnzellenvernichtenden Humbug gucke und mir beim Betrachten neunzehnjähriger Hupfdohlen auffällt, dass ich eine ganze Dekade eher geboren wurde.

Abgesehen von dieser temporär auftretenden Erkenntnis sitze ich jedoch nicht wimmernd vor'm Spiegel und schmiere mir irgendwelche albernen Cremchen von dm unter die Augen, in der noch albernen Hoffnung etwas aufzuhalten, was die Kosmetikindustrie einem als Alterungsprozess verkaufen will. In der heutigen Zeit, in der wir keine Feindbilder mehr haben, weder die Franzosen, noch Hitler, noch die Russen fürchten müssen, sind Falten, Pigmentflecken und Cellulite der Endgegner, den es sowohl zu fürchten als auch zu bekämpfen gilt.

Nun.

Ich treibe keinen Sport, ernähre mich nur dann gesund, wenn im REWE die Toffifee alle sind und gehe regelmäßig in den Drogeriemarkt, um dort die sich in den Regalen befindlichen Tübchen, Fläschchen und Döschen für die reife Haut laut auszulachen.

Warum also sollte es mir etwas ausmachen dreißig zu werden?

An dem einen Tag ist man neunundzwanzig und am nächsten eben dreißig. Eine Zahl. Nichts weiter. Es ist ja auch nicht so, als ob die böse Fee über Nacht gekommen wäre und man an diesem Morgen mit Hängebrüsten, schlaffem Arsch und grauen Haaren erwachen würde. Es besteht nicht die Notwendigkeit nun eilig einen Termin zum Zähne bleichen, Haare färben oder zum Straffen verschiedenster Körperteile machen.

Und dennoch.

Ich wachte gestern morgen auf und fühlte mich anders.

Dreißig, das verbinde ich vielleicht nicht mit alt. Aber ich verbinde es mit erwachsen sein. Mit vernünftig sein.

Und wenn ich doch eines nicht bin, dann bekanntlich das.

Und da liegt das Problem. Denn ich habe das Gefühl, ich müsste es jetzt sein. Nicht, weil ich glaube, dass die Gesellschaft von einer Dreißigjährigen erwartet, sich so und so zu verhalten. Nein. Weil ich es erwarte. Weil mein jüngeres Ich es erwartet.

Ich weiß ja nicht, wie alt Sie sind. Vielleicht sind Sie über dreißig, vielleicht sind Sie zwanzig. Aber erinnern Sie sich noch, wie Sie damals mit zehn, zwölf oder vierzehn Jahren Menschen betrachtet haben, die älter waren, die in Ihren Augen erwachsen waren? Was sie trugen. Wie sie sich bewegten. Verhielten.

Ich habe keine älteren Geschwister, aber zwei ältere Cousinen und mein jüngeres Ich war immer fasziniert von diesen beiden. Sie waren groß und schlank und während ich, sieben Jahre jünger, mit Turnschuhen und einer bunt besprenkelten Brille die Welt betrachtete, spazierten sie graziös in Absätzen mit Jackett und passenden Hochsteckfrisuren über eben diese.

Als ich in die fünfte Klasse kam, waren sie in der zwölften und so erwachsen wie man nur sein konnte. Sie trugen passende Clipohrringe und Lippenstift zur Handtasche. Sie fluchten nicht. Rülpsten nicht. Pupsten nicht. Tranken Bier nicht aus der Flasche.

Als ich in die zwölfte Klasse kam, trug ich immer noch Turnschuhe und weite Jeans. Die beiden studierten inzwischen BWL (natürlich). Sie fuhren Auto. Verfügten über eine richtige Wohnung. So eine, wie sie Erwachsene nun mal hatten.

Ich hatte gerade in einer Nacht-und-Nebel-Aktion mein Zimmer blau gestrichen.

Als ich studierte, trug ich immer noch Turnschuhe und weite Jeans. Die beiden waren verheiratet. Mit Männern. Erwachsenen Männern. Die auch berufstätig waren und Autos fuhren.

Ich fuhr Bus und hielt heimlich Ratten in meiner Wohnung.

Ich wurde fünfundzwanzig. Siebenundzwanzig. Neunundzwanzig. Beendete mein Studium. Zog nach Berlin. Und trug weiterhin Turnschuhe.

Ich dachte mir nichts dabei.

Ich wurde schwanger und dachte mir nichts dabei.

Ich zog wieder nach Bonn und dachte mir nichts dabei.

Ich begann eine Beziehung mit einem Mann, der erwachsen ist und Auto fährt und dachte mir nichts dabei.

Und nun bin ich dreißig.

Und plötzlich, von einer Sekunde auf die andere, sitze ich hier, starre auf meine Chucks und habe das Gefühl, sie gehören nicht mehr zu mir. Als wäre ich ihnen entwachsen. Als wären sie eine Kiste mit alten Playmobilfiguren, die ich im Keller gefunden habe und die zwar theoretisch immer noch mir gehören, aber wie aus einer anderen Zeit stammen, einer Zeit zu der ich die Verbindung verloren habe, eine, die  nicht mehr die meine ist.

Ich schaue in den Spiegel und sehe das selbe Gesicht, das mich auch gestern betrachtete. Aber ich bin es nicht. Und obwohl mir bewusst ist, wie albern das ist, zu glauben, zu denken, zu meinen, dass es nun anders wäre, von einem Tag auf den anderen, ist es genau das.

Es ist anders.

Ich bin nicht neunundzwanzig. Nicht mehr.

Ich bin nun dreißig. Das heisst nicht, dass ich jetzt plötzlich erwachsen bin. Nein, denn das war ich schon vorher.

Es hatte mir bisher nur keiner Bescheid gesagt.

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