Dienstag, 2. Oktober 2012

Büsum

Sonntag Morgen. Gollumartig schäle ich mich aus dem Bett, die Haare wirr vom Kopf abstehend, die Brille provisorisch in dem befestigt, was sich hoffentlich im Laufe des Tages entknittern und als ein menschliches Gesicht herausstellen wird. Mein Weg führt mich geradewegs an den Computer.

Im Vorbeigehen grunze ich dem Mann, der schon seit Stunden auf ist und eine ekelerregend gute Laune hat, ein 'Morgen!' zu und klaue ihm seinen Kaffeebecher mit dem heilsbringenden, da wachmachenden flüssigen Gold.

Ich befinde mich zu diesem Zeitpunkt noch nicht mal ansatzweise in einem Zustand, in dem man mich der Gesellschaft zumuten sollte und rödel mich gerade durch einen Berg ungelesener Emails, als ich voller Panik die durch das Fenster hereinbrechende Sonne bemerke. Sonne. Das bedeutet in der Regel, dass ich das Haus verlassen muss. Raus muss. Weil es ja vermutlich der letzte sonnige Tag des Jahres ist. Das ist es jedesmal. Es ist ein Albtraum.

Noch während ich überlege, wie ich mir möglichst schmerzfrei und kurzfristig ein Bein brechen oder am Mann vorbei in die Küche kommen könnte, um mir den großen Bratenspieß irgendwo hinzurammen, werde ich angegrinst wie ein zugekokstes Fohlen.

"Warum lächelst du so?" maule ich.
"Darf ich dich nicht anlächeln?"
"Besser nicht. Ich dachte, du hättest einen Schlaganfall."

Er zeigt durchs Fenster und als meine Reaktion ausbleibt, führt er in Peter-Lustig-Manier aus: "Es scheint die Sonne."
"Das tut sie immer. Jeden Tag. Auch wenn man das nicht immer so direkt sehen kann, wegen Wolken und so. Weisst du, das, was macht, dass es tagsüber hell ist, DAS ist die Sonne." 
"Aber es soll heute 17°C werden!" ergänzt er unsinnigerweise, als ob diese Information auch nur irgendwas an meiner Meinung ändern würde.

Anschließend folgt der Satz, der ich mich seit Wochen wieder und immer wieder das Fürchten lehrt:

"Das ist vermutlich der letzte schöne, sonnige Tag des Jahres!!"

Ich erkenne: Widerstand ist zweckslos und daher sitze ich eine halbe Stunde später trotzig im Auto gen Büsum.

IMG 0530

Waren Sie schon einmal in Büsum?

Büsum liegt an der Nordsee und besteht im Grunde nur aus einem Deich, Schafen und ca. 6.927 Rentnern. Durch unsere bloße Anwesenheit wird der Altersdurchschnitt der dort Anwesenden auf 97 Jahre gesenkt und es grenzt an ein Wunder, dass in der Innenstadt [sic!] von Büsum in den Geschäften primär toter Fisch, Postkarten und kleine Gipsfigürchen - vorzugsweise Mäuse und Hamster in Matrosenkostümen - und eben nicht künstliche Hüftgelenke und Walkingstöcke angeboten werden.

Nach einem nicht enden wollenden Spaziergang, während dem meine Bitte mich zum Sterben doch einfach zurückzulassen hartnäckig ignoriert wurde, kette ich mich an einem Fischbüdchen fest und verlange laut schreiend, wie ein Kind am Süßigkeitenregal des Supermarkts, nach Nahrungszufuhr.

Man willigt ein, mir selbiges zu gewähren - wohl in der irrigen Hoffnung, dass ich, solange ich etwas Essbares im Mund hätte, diesen für zumindest ein paar Minuten auch halten würde.

Für eine kurze, viel zu kurze Sekunde werde ich für meine kaum beschreiblichen Qualen des Tages entschädigt, als die dicke Büdchenlady eine frische Packung Krabben von Aldi aus der Kühltruhe holt und damit ein Brötchen begattet, um anschließend von dem völlig verdutzten, überforderten Mann für diese kulinarische Exklusivität EUR 5,00 zu verlangen.

"Super Idee, das mit dem Ausflug." flöte ich, während mir die Remoulade aus den Mundwinkeln schießt. "Wenn ich mir überlege, was wir alles verpasst hätten, wenn wir in Hamburg geblieben wären! Wasser, Strand, Sonne, Krabbenbrötchen von Aldi. Gibt's da ja alles nicht." Ich grinse den Mann an, dessen Lippen so aufeinandergepresst sind, das sie beinahe jegliche Farbe verlieren. "Hmmm. Das schmeckt so gut. Es geht halt nichts über frische Nordseekrabben. Möchtest du keins?" Er grunzt etwas, was vermutlich Nein heißen soll und macht Anstalten zurück zum Auto gehen zu wollen. "Warte! Nicht so schnell.. Ich glaube, ich hätte gern noch eines." quieke ich noch vergnügt, aber er marschiert missmutig von dannen.

Wie eine aufgedunsene Ente watschel ich mit den Resten meines kostbaren Krabbenbrötchen hinter ihm her und raune ihm bösartig "Bist du sicher, dass du keines willst? Ich glaube, die fangen die selbst.." ins Ohr.
"Claudia?"
"Ja?"
"Halt die Fresse."
"Natürlich, mein Schatz."

Ich muss sagen, so ein Ausflug in die Sonne ist doch wirklich 'ne feine Sache.