Montag, 17. September 2012

Schonen für Anfänger

Falls Sie es nicht wissen, ich bin schwanger. Als immer noch. Sowas dauert ja offenbar länger. Jetzt bin ich schwangerschaftssymptomtechnisch von dem größten Mist bisher verschont worden. Ein bisschen Müdigkeit. Ein bisschen Rücken. Ein bisschen geschwollene Knöchel.

Körperlich geht es also dem kleinen Antichristen, der alienartig meinen Bauch in einen sich ewig weiter schwellenden Medizinball verwandelt, blendend. Natürlich. Es hält Satan ja auch seine beschützende Hand über den kleinen, liebenswerten Klumpen Fleisch in meinem Inneren.

Mir selbst jedoch geht es plötzlich in den letzten zwei Wochen eher nicht so dufte. Stress, sagt der Arzt. Ich solle mich mehr schonen, sagt er. Aha, sage ich. Schonen, sage ich, wie genau geht das?

Ich gehöre nämlich zu der völlig leichtsinnigbescheuerten Sorte von Schwangeren, die im fast siebten Monat, beim Umzug, sobald einer nicht hinguckt, heimlich Kisten schleppt und Möbel durch die Wohnung schiebt.

Ich gehöre zu denen, die kaum in der neuen/alten Heimat angekommen, sich zeitraubende, nervenkostende Projekte sucht, weil ich doch schließlich irgendwas machen muss bis zur Geburt.

Man muss doch, wenn man abends gefragt wird, was man so den Tag gemacht hat, was anderes sagen können als: "Isch hab' gebrütet."

Dachte ich.

Und dann liegst du an einem Sonntag Nachmittag im Krankenhaus am Wehenschreiber und googelst auf dem iPhone "Schonen".

Jetzt ist das mit dem Schonen und dem Stress meiden ja so eine Sache. Nicht mehr ins Büro gehen ist eine Sache. Aufs Sofa knallen und die Beine hochlegen ist eine Sache.

Aber wie genau soll dieses sich Schonen funktionieren, wenn man ständig Menschen am Telefonhörer hat, die meinen, einen mit gutgemeinten Ratschlägen und Phrasen zuscheissen zu müssen und einen so dauernd auf 180 bringen?!

Und wenn du meinst, es geht nicht mehr,dann kommt von irgendwo ein Lichtlein her.

Wie genau soll mir das helfen?!

Wie genau soll es mir helfen, wenn mir gesagt wird, ich solle mir bewusst werden, wie gut es mir doch geht und wie toll es doch sei, dass meine Klinik keine 15 Minuten entfernt sei und wenn was ist, so wie gestern, könnte ich ja schnell hin. Das könnten die Mütter in Syrien ja jetzt zum Beispiel nicht.

What.

The.

Fuck?

Ich gehe doch auch nicht auf die Herzstation im Krankenhaus und sage zu den Menschen dort: "Ja, blöd, wie schlecht es dir geht, aber du musst das so sehen: Du könntest ja auch AIDS haben. Im Endstadium. IN EINEM KZ!"

Mir ist es schnurzpiepegal, dass irgendwelche Weiber im April '45 während des Bombenalarms ohne Hebamme und PDA im Bunker Kinder gekriegt haben und einen Monat später, mit dem Kind in Zeitungspapier eingewickelt, lächelnd wie ein zugekokstes Küken in den Trümmern rumgekrochen sind.


Das Wissen und die Erkenntnis, dass es Frauen und Menschen gab und gibt, denen es schlechter ging und geht und die DENNOCH ihre Kinder zur Welt gebracht haben, bringt mir nichts.

Überhaupt nichts.

Noch einmal mit Emphase:

ES HILFT MIR NICHT.

Davon hören die Wehen nicht auf. Davon schmerzt die Leber nicht nicht mehr. Davon wird der Gebärmutterhals nicht wieder länger. Und durch die schmissig-tiefschürfende Botschaft "Stell dich nicht so an! Es könnte schlimmer kommen!" wird mein Stresspegel auch nicht wirklich gesenkt.

Liebe Mitmenschen,

geht weg. Lasst mich in Ruhe. Ich bin schwanger. Noch 2,5 Monate lang. Mich interessieren gerade eure Probleme nicht. Mich interessieren eure Meinungen zum Kaiserschnitt nicht. Eure Erfahrungen zur Beckenendlage oder meinem Toffifee-Konsum. Ich muss mich nicht rechtfertigen, wenn ich nicht vor die Tür will. Wenn ich knatschig bin und motzig und schlechtgelaunt. Ich muss jetzt gerade nämlich gar nichts. Ich bin im siebten Monat schwanger und das reicht als Grund. Wenn ihr das nicht versteht, ist das nicht mein Problem. Wenn ihr das während eurer Schwangerschaft anders gehabt habt, super. Und wenn ihr noch nie schwanger gewesen seid, haltet ihr am Besten ohnehin mal schön die Fresse.

In diesem Sinne.

Ich muss los.

Mich aufs Sofa legen und stricken.

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