Montag, 3. September 2012

393 Tage

Vielleicht hätte ich schon skeptisch sein müssen, als der Umzugsmensch No. 1 zwecks Vorabbesichtigung ohne Vorankündigung vor meiner Wohnungstür stand und ich auf seinem hochprofessionell dreinblickenden Klemmbrett neben meinem Namen und Telefonnummer in lateinanmutenden Buchstaben vorer anruhfen lesen konnte.

Vielleicht hätte ich einfach auflegen sollen, als eine Kollegin vom besagten Umzugsmenschen No.1 ein Telefonat mit den Worten "Wie flexibel sind Sie wegen des Umzugstermins?" begann.

Vielleicht hätte ich den kleinen Säbel, den ich einst in Jordanien gekauft hatte, wieder raussuchen und den Umzugsmenschen No.2 damit filetieren sollen, als er erst am Mittwoch Abend um 22.00h die 20 Umzugskartons vorbeibrachte - 42 Stunden vor dem Umzug.

Vielleicht wäre pure Aggression bei dem dann folgenden Dialog mit ihm die passende Reaktion gewesen:

"Muss ich die Entgegennahme der Kartons quittieren?"

"Weissnischt. Washabnsieausgemacht?"

"Nichts. Wie ist denn das normale Prozedere?"

"Weissnischt. Habnsievertrag?"

"Ja. Der liegt Ihrem Büro vor."

"Kannischreinkommen? Wegenmöbelangucken."

"Das hat doch Ihr Kollege schon vor drei Wochen gemacht."

"Sindsiesischer?"

"Ziemlischsicher."

"Kannischtrotzdem. Kollegeinurlaub. Ischmacheamfreitag."

Vielleicht hätte ich verwundert sein sollen, dass weder Umzugsmensch No.1 noch Umzugsmensch No.2 am Freitag mit dem LKW vor dem Haus standen, sondern stattdessen drei mir völlig unbekannte, sich dem allgemeinen Gebrauch von Deo und Seife verweigernde Herren.

Vielleicht hätte ich all das machen, sagen, fühlen, denken sollen.

Ich hatte jedoch inzwischen fast einen meditativen Zustand erreicht, für den buddhistische Mönche, die irgendwo asketisch in den Bergen zwischen moosbedeckten Felsen hockten und zum Frühstück den Morgentau von den Blättern leckten, mich beneiden würden, wären sie keine buddhistischen Mönche und wäre Neid ihnen deswegen nicht fremd.

Ich überstand alles. Jedes noch so kafkaesk verlaufende Gespräch, jede sich mir bereitwillig in den Weg stürzende Panne. Ich war irgendwas zwischen Edward John Smith und Hitler. Das Ding war am Laufen, die Titanic auf den scheiss Eisberg aufgelaufen, Stalingrad gefallen. Ich konnte eh nichts mehr ändern.

Ich setzte mich auf meinen Schreibtisch, streichelte den dicken Bauch, der meiner Umgebung auf eine einmalig freundlich-passiv-aggressive Weise mitteilte, warum ich nicht mithelfen konnte und inhalierte eine Packung Toffifee nach der anderen, während ich die schwitzenden, wortkargen und für meine Spezies unüblich stark behaarten Männer dabei beobachtete, wie sie Kiste für Kiste aus meiner kleinen Wohnung trugen.

Ich beobachtete seelenruhig, wie sie vor den Regalen, dem Bett und dem Schrank standen und ihrem Unmut diese zu demontieren mit höhlenmenschenartigen Lauten Ausdruck verliehen und gleichzeitig angestrengt überlegten, wie sie diese zusammengebaut die fünf Stockwerke (ohne Aufzug, muahaha) runterkriegen könnten.

Ich beobachtete stoisch, wie meine weißen Ikea-Möbel ihrem Untergang entgegengetragen wurden und stellte mir zeitgleich auf ikea.de eine Einkaufsliste mit den Möbeln zusammen, die ich neu würde kaufen müssen, was im Grunde meine gesamte Inneneinrichtung war, und blickte nur kurz nach oben, als mit einem lauten Scheppern der Regalaufsatz eines Billy-Regals durchs Zimmer flog. Umzugsmensch No.3 zog seine buschigen Augenbrauen in unbekannte Höhen und kommentierte fachmännisch "Warnischtfest." Ich lächelte ihn mit einem Grinsen an, das selbst Stalin als kalt empfunden hätte, und erwiderte nur "Natürlich nicht. Das ist IKEA.", nur um anschließend 'Regalsaufsatz, 40cm Breite, weiß' auf die Einkaufsliste zu setzen.

Ich beobachtete gleichgültig, wie Umzugsmensch No.4 den Regalaufsatz der anderen Billys abschraubte, nur um dann den Schraubenschlüssel oben drauf liegen zu lassen und diesen beim Ankippen des Regals in Richtung meines wohlproportionierten Schädels zu katapultieren. Es war wohl nur den Toffifee und dem damit verbundenen Zuckerschub zu verdanken, dass ich reflexartig wie eine betrunkene Katze ausweichen konnte.

Und ich beobachte emotionslos, wie meine Wohnung immer leerer und leerer wurde. Meine Zeit und mein Leben in Berlin Kiste für Kiste ihrem unabänderlichen Ende entgegenrückte.

393 Tage.

Manche machen nach ihrem Studium eine Weltreise. Ich ging nach Berlin. Je nachdem, welchen Bezirk man besucht, ist das auch eine Weltreise.

Kulinarisch.

Sprachlich.

Optisch ohnehin.

Meine Reise war nun zu Ende.

Die Heimat rief.

Und in meinem Bauch strampelte aufgeregt der Antichrist. Ob wegen der Vorfreude auf Bonn oder wegen der 5kg Toffifee, die in verdünnter Form durch die Nabelschnur schoss, vermag ich nicht zu sagen..

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