Montag, 16. Juli 2012

Albtraum

Jeder Wessi hat vermutlich irgendwelche kruden Vorstellungen oder Vorurteile gegenüber dem Osten. Primär hervorgerufen durch Sendeformate wie 'Frauentausch' und andere Kleinode der deutschen Kulturlandschaft.

Der Osten, da reden sie komisch und langsam - was vermuten lässt, dass es um das Denken nicht anders gestellt ist. Da ist kein Geld, obwohl wir da doch seit über zwanzig Jahren alles an Kleingeld reinbuttern, was wir nicht übrig haben. Die Straßen sind in einem desolaten Zustand, die Häuser ebenfalls. Und sind sie es nicht, sind sie zumindest hässlich. Also die Häuser. Und von den Menschen wollen wir gar nicht erst anfangen.

Also im Grunde alles.

Der Osten, das ist ein Ort, da will man nicht hin. Wieso auch?

Und dann ist man eines Tages in Leipzig.

Und möchte einfach nur kotzen.

Weil alles so schön ist. Man flaniert die Karl-Liebknecht-Straße hoch und runter und alles flirrt und lebt und lacht. Überall bunte Cafés, Bars, Restaurants. Und zu allem Überfluss scheint auch noch die Sonne.

Die Sonne hat hier nicht zu scheinen. Man kann bei gutem Wetter seine Vorurteile so schlecht pflegen, das weiß nun wirklich jeder.

Das Schlimmste an Leipzig sind aber zweifellos die Menschen.

Die sind nämlich nett.

Gut gelaunt.

Freundlich.

Sie lächeln.

Selbst Kellnerinnen und Supermarktkassiererinnen.

Wissen die Leipziger nicht, dass das so nicht geht?!

Wissen die nicht, dass sowas strafbar ist?!

Okay, ist es nicht. Aber es sollte es sein, da sind wir uns doch zumindest alle einig.

Völlig verstört verließ ich am Dienstag einen Konsum - eine Art Aldi des Ostens, nur in schön und sauber - in dem eine fröhliche Kassiererin mir einen schönen Abend gewünscht hatte. Dass ich an mir halten konnte, ihr nicht mit der flachen Hand ins Gesicht schlug und sie anbrüllte, sie solle sich gefälligst zusammenreißen und ihre gute Laune nicht an mir auslassen, grenzt an ein Wunder und ist nur meiner guten westlichen Erziehung zu verdanken.

Da wir in Leipzig nicht das fanden, was wir suchten und sehen wollten - also traurige, depressive Gestalten in Jogginghosen und vergilbtem Feinripp, ohne Perspektive, Ziele und/oder Zukunft in grauen Wohnungen, in denen sich die Tapeten von den Wänden schälten, während auf dem Wohnzimmertisch ein einsames Glas mit Spreewaldgurken auf ihren Verzehr wartete und damit den mitleiderregenden Höhepunkt der Woche symbolisierte - fuhren wir raus auf's Land.

Quer durch Sachsen, immer Richtung Tschechien, durch Dörfer, deren größte bzw. einzige Leistung es zu sein scheint, alle Grau- und Brauntöne des Universums an ihren Häuserfassaden zu vereinen und die einzig und allein zur Züchtung von zukünftigen Serienmördern etwas zu taugen scheinen.

Die Straßen ähneln einem spontan dahingebrochenen Fleckenteppich, hin und wieder stehen vereinzelt menschenähnliche Gestalten an Bushaltestellen, meistens in Begleitung eines Hundes, der optisch einem explodierten Sofakissen ähnelt. Junge Leute sucht man vergebens, hier möchte man nicht geboren sein, und zum Sterben würden hier noch nicht einmal Elefanten hingehen.

Wir durchfahren Ortschaften mit so blumigen Namen wie Fockendorf, Schlunzig und Primmelwitz und halten schließlich in einer, deren Name ich nicht nennen werde, und deren Bewohner verzweifelt versuchen durch Blumen den Eindruck von Leben zu erwecken.

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Einen Ortskern gibt es selbstverständlich nicht, es sei denn man zählt den 5km entfernten Parkplatz des Penny-Marktes als solchen, aber schnell entsteht der Eindruck, dass sich nur selten ein Bewohner mit seiner Sackkarre dorthin verirrt und eher den sich an der Hauptstraße [sic!] befindlichen Drogeriemarkt vorzieht.

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Dort, in diesem Kokon des potentiellem Konsumrausches findet sich alles, was das langsam schlagende Herz des sächsischen Bewohners für kurze Zeit höher schlagen und ihn die vor der Tür wartende Tristesse vergessen lässt.

Auf wenigen Quadratmetern offenbart sich hier, wovon der Ossi jahrzehntelang nur träumen konnte bzw. nicht einmal zu träumen wagte.

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Auf die Frage, wo wir vielleicht etwas frisches, nicht in Konserven aufbereitetes, zu essen finden könnten, wurden wir von der Drogeriemarktdame, die fest eingekeilt zwischen drei Dutzend Waschmitteln stand und sich seit der letzten Warenlieferung 1998 offenbar nicht mehr bewegt hatte, mit einem freundlichen Lächeln zum ortsansässigen Fleischer verwiesen, wo uns ebenfalls eine seltsam gut gelaunte Dame wohlschmeckende Schrippen mit Leberkäse zubereitete. Es war ein Albtraum.

Wir waren jenseits der Grenzen der menschlichen Zivilisation, auf der Suche nach dem Abgrund Dunkeldeutschlands, und was fanden wir abseits von übelkeiterregender Architektur? Freundliche, herzliche Menschen, die diese zwei nervtötenden Wessis, die überfallartig über ihre kleine Welt hereinbrachen, mit einem warmen Lächeln begrüßten.

Es war mehr, als wir ertragen konnten.

Nicht nur in Leipzig selbst, nein, ganz Sachsen schien von einer Liebenswürdigkeit befallen worden zu sein, die beinahe unmenschlich wirkte. Wir kehrten in die Stadt zurück, die wir langsam wider Willen zu lieben und vermissen begannen und hockten, immer noch unter Schock, die restlichen Tage in verschiedenen Cafés, Restaurants und Bars der Karl-Liebknecht-Straße, die sich allesamt weigerten uns einen Grund zum Nörgeln zu liefern.

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Es war ja nicht nur so, dass diese Stadt, mit ihren schönen Häusern, ihrer herzlichen, warmen Atmosphäre und diesen eklig vielen Grünanlagen, mir eiskalt und rücksichtslos die Fähigkeit nahm, den Osten per se zu verdammen, nein, das Schlimmste war ja, dass wir am Freitag wieder zurück nach Berlin mussten.

Berlin, wo alles anders ist. Wo seit Jahrzehnten die Gebäude einfach nebeneinander hingerotzt werden. Wo offenbar jeden Morgen sämtlichen Bewohnern in die Müslischüsseln gekackt wird - geht man von ihrer alltäglichen Stimmung aus. Wo Jogginghosen und die Bierflasche zum Frühstück zum guten Ton gehören. Es grenzt ja beinahe an Folter nach Tagen in einer der schönsten Ecken der Republik nach Berlin zurückkehren zu müssen.

Das nächste Mal fahre ich einfach wieder nach Brandenburg.

Da ist zumindest alles so hässlich und trostlos, wie es sich gehört.