Montag, 11. Juni 2012

Toleranz am Arsch

"Sind Sie denn intolerant?" fragt sie und schaut mich dabei durchdringend an, als ob mein Seelenheil davon abhinge. "Scheisse, natürlich bin ich das." antworte ich wie aus der Pistole geschossen. Ich weiß nicht, ob es die Antwort selbst war oder die Art und Weise, wie ich sie gegeben habe, aber sie notiert sich sogleich etwas furchtbar Schlaues auf ihrem kleinen Block, auf dem ganz oben in großen Lettern mein Nachname steht. Darunter das Datum der heutigen Sitzung.

Dass ich nicht alle Murmeln beieinander habe und daher alle Jahre wieder mal vor so einer Knallscherge aus der heiteren Welt der Therapeutenpsychologenpsychiater sitze, ist inzwischen nichts neues. Von allen Dingen, die ich aber so tue und denke, ist meine Einstellung zum Thema 'Toleranz' aber mit Sicherheit die vernünftigste und rationalste.

Nur eben keine, die andere gerne hören.

Weil Toleranz ein so schönes Wort ist. So mächtig. So gut.

So bäh.

Tolerant muss man sein. Hat man zu sein. Andere Menschen, andere Ansichten, andere Meinungen respektieren und akzeptieren. Das kriegen wir doch schon als Kinder eingeimpft. Als wäre das eine unumstößliche Wahrheit, ein Dogma, nach dem wir uns alle richten können, müssen, sollen.

Was.

Für.

Ein.

Beschissener.

Schwachsinn.

Die Erfindung von totaler Toleranz ist der größte Mist auf diesem Planeten. Denn Toleranz hat als Lebensmotto immer einen Absolutheitsanspruch. Man kann nicht ein bisschen tolerant sein. Oh nein, nein, nein. Wir sollen gegenüber allem tolerant sein.

Und das sehe ich nun mal ein wenig anders.

So kann ich zum Beispiel Menschen tolerieren, die die Wörter House und Music nicht als getrennte Substantive verwenden, sondern meinen, es handle sich dabei um tatsächliche Musik.

Ich kann ebenfalls Menschen tolerieren, die Star Wars besser als Star Trek finden.

Ja, sogar solche, die meinen, dass Vincent van Gogh ein hervorragender Künstler gewesen sei. Oder überhaupt ein Künstler.

Ich bin also zur Toleranz fähig. Wirklich. Also so rein theoretisch.

Aber meine Toleranz hat Grenzen. Und das eigentliche Wesensmerkmal von Toleranz ist ja ihre gepredigte Grenzenlosigkeit. Und da liegt der Hase im Pfeffer.

Denn seien wir ehrlich.

Es gibt Dinge, da hört nicht nur bei mir die Toleranz auf. Nein. Ich bin der unumstößlichen Ansicht, dass es Dinge gibt, die man nicht tolerieren darf!

Während man beim Thema Mode sicherlich noch streiten könnte.. obwohl.. nein.. eigentlich auch da nicht. Denn seien wir ehrlich, nach fast zehn Monaten Berlin und vor allem zehn Monaten Köpenick wurde mein Sehnerv so oft auf's widerwärtigste vergewaltigt, dass ich zu dem Schluss kommen muss, dass ich zwar nichts dagegen tun kann, dass der durchschnittliche Berliner aussieht, als wäre er spontan erblindet und sich deswegen anzieht und zurechtmacht, als gäbe es einen hochdotierten Preis für das abgefuckteste Outfit zu gewinnen - aber verdammt nochmal, ich muss es weder akzeptieren, noch respektieren, geschweige denn gutheißen. Lass einen Schimpansen für eine Stunde alleine in einem H&M-Store und du kannst sicher sein, er sieht besser aus, als mein durchschnittlicher Nachbar.

IMG 3468

Aber, wie gesagt, darüber kann man immer noch streiten. Weil wegen unterschiedlichem Geschmack und so. Da bin ich ja immer super offen, wenn es um solche Themen geht. Lassen Sie sich dann auch bitte nicht von dem Geräusch irritieren, dass meine Machete macht, während ich sie über den Schleifstein wetze, bitte, reden Sie weiter, ich bin ganz Ohr.

Wo mir aber direkt das Messer in der Tasche aufgeht, ist Religion. Und bei keinem anderem Thema, bei keiner anderen Sache, wird bei unterschiedlicher Meinung so oft darauf verwiesen, dass man Menschen, die an etwas anderes glauben, tolerieren solle.

1. Nein.

2. Wieso?

3. NEIN!

Lassen Sie mich das ein wenig ausführen.

Ich muss, und da liegt ein großer Irrtum in unserer Gesellschaft heutzutage, überhaupt nicht tolerieren, wenn jemand christlich oder jüdisch oder muslimisch ist oder in seinem Keller einem selbstgeschnitzten Götzen huldigt. Es gibt in punkto Religion nichts zu tolerieren. Die eine ist nicht besser als die andere, alle wollen gleichzeitig Recht haben, überbieten sich dabei gegenseitig in der Absurdität ihrer Herkunftsgeschichte (wobei die Mormomen zusammen mit Scientology meiner Ansicht nach ganz weit vorne liegen, aber die Christen sich weiterhin einen soliden dritten Platz erkämpft haben..), wobei keine von ihnen außer verschwurbelten Weltvorstellungen und Gedankengängen - die bei jedem Menschen mit zwei funktionierenden Gehirnhälften (also 7,39% der Weltbevölkerung) nichts anderes als epileptische Anfälle auslöst - irgendetwas handfestes für den aufgeklärten, rationalen Menschen von heute zu bieten hat.

Kaese tiff

Ich toleriere keine Menschen, die es im Jahre 2012 nicht auf die Kette kriegen ihren Verstand zu gebrauchen und ihr Heil immer noch bei JHWH, Satan, Prinzessin Lillifee oder anderen nicht existenten Lebensformen suchen. Ich toleriere sie nicht und was noch wichtiger ist: Ich toleriere keine Menschen, die meinen, ich müsste sie tolerieren.

Denn warum um alles in der Welt sollte ich auch?

Nennen Sie mir einen, nur einen rationalen Grund, warum ich das sollte.

Warum sollte ich etwas tolerieren, akzeptieren, respektieren, was auf einem jahrhundertealtem Fundament der Irrationalität, Unaufgeklärtheit und partieller Dummheit aufgebaut ist? Was einzig und allein durch die Unfähigkeit des Menschen zu akzeptieren, dass das Leben weder Wunschkonzert noch Ponyhof ist, und dass wir nichts anderes als haarlose Affen mit besser funktionierenden Daumen sind, am Leben gehalten wird. Nix mit imago Dei, liebe Volksgenossen, der Evolution sei Dank.

Tumblr lmoaloHYyl1qa0odvo1 400

Verstehen Sie mich nicht falsch. Glauben Sie woran Sie wollen. Gott. Engel. Das Nirwana. Kreationismus. Cholesterinsenkende Margarine. Als regelmäßiger Leser wissen Sie ja: Schlussendlich ist mir egal, was Sie machen. Ich kann ja eh nichts dagegen ausrichten.

Nur machen Sie es doch so, dass ich es nicht sehen muss. So wie die Christen unter Nero und Konsorten. Machen Sie es nachts. Im Abstellraum. In der Garage. Oder unter der Bettdecke. Und machen sie es vor allem leise. Und im Dunkeln. Damit wäre dann doch schon vielen geholfen.

Denn die Problematik in Bezug auf Religion und Glaube ist ja selten der einzelne Mensch, sondern stets die dahinterstehende Gemeinschaft mit ihrem Absolutheitsanspruch und völlig beknackten Plänen und Dogmen um die Welt, die Menschheit oder wahlweise auch nur einzelne Seelen zu retten oder sich die Liebe Gottes durch Selbstaufopferung und/oder Mord zu ergattern.

Vermutlich trete ich hiermit dem ein oder anderen auf den Schlips, aber ich schlage Ihnen vor, einem so ungläubigen, dummen Menschen wie mir am Besten mit Toleranz zu begegnen. Der Allmächtige wird mir dann schon zeigen, wo der Hammer hängt. Oder der Blitz. Oder was Jehova sonst so in seiner Bastelschublade hat.

In diesem Sinne: Shalom alechem.