Montag, 4. Juni 2012

Der kleine Utopist

Reallifemenschen. Ich kenne welche. Aus meinem Leben vor Twitter. Aus einer Zeit, als ich noch in einer Höhle in Südfrankreich lebte und den ganzen Tag nichts anderes machte, als mit einem hübschen Stein Jagdanweisungen in Wände zu ritzen. Damals. Hin und wieder treffe ich jene Menschen immer noch. Dann reden wir über jene längst vergangenen Zeiten, in denen wir uns kennenlernten, wir reden über die Leute, die wir damals ebenfalls kennenlernten, analysieren, nein, sezieren unsere Beziehungen und inhalieren dabei Unmengen von Lebensmitteln und koffein- oder alkoholhaltigen Erfrischungsgetränken.

Soweit ich das erkennen kann, ist es das, was Reallifemenschen ständig machen.

So also auch ich am letzten Samstag.

Und wie es nun mal kommen muss, wenn eine Historikerin und eine Judaistin nach dem Verzehr von ca. 15kg Kartoffelgratin und 37kg Vanillepudding beieiander sitzen, kamen wir irgendwann auf die Bildung in diesem unserem schönen Lande zu sprechen.

Ausgangspunkt war, dass besagte Judaistin an einer Universität ein Blockseminar gegeben hat und voller Entsetzen erkennen musste, dass der deutsche Student an sich offenbar so dumm ist, dass selbst RTL sich weigern würde, eine Doku-Soap darüber zu machen.

Und wir sprechen hier nicht von irgendwelchen Studenten. Wir sprechen von Studenten im fünften Semester eines sogenannten Elite-Studiengangs [sic! und hust!] und die offenbar u.a., trotz mehrmaligen Erklärens, aufgrund mangelnder Hirnkapazitäten nicht in der Lage waren den terminologischen Unterschied zwischen Juden und Israelis zu begreifen.

Liebe Mitmenschen,

nur zu Ihrer Information: Der Satz "Die Israelis sind nach dem Zweiten Weltkrieg nach Palästina gegangen" ist auf eine so wundervolle Weise inhaltlich falsch, dass ich jedem, der ihn oder ähnliche Sätze verwendet, den Schädel aufsägen möchte, um sicher zu gehen, dass auch tatsächlich ein ganzes Gehirn vorhanden ist.

Das mag Sie vermutlich nicht tangieren.

Nur.

Wenn Studenten - auch wenn es nur Bachelorstudenten sind - eines Elitestudienganges im fünften Semester offenbar nicht befähigt sind, sich mit einem zugegeben komplexen Thema angemessen auseinanderzusetzen und mit einer gebotenen wissenschaftlichen Neutralität zu betrachten, was mag der Mensch, der nicht plant, sich beruflich mit diesen Dingen zu beschäftigen, zu diesem Thema denken oder sagen?!

Die Antwort ist simpel:

[Falls Ihnen die 2:41 Min. zu lang sind, schauen Sie doch einfach nur die letzten 17 Sekunden. Das reicht. Völlig.]

Wissen Sie, ich erwarte nicht von Ihnen, dass Sie das Wort Shoa kennen. Oder dass Sie wissen, wieviele Deutsche jüdischen Glaubens heute hier leben.

Aber ich erwarte, verfluchte Scheisse nochmal, dass Sie den Unterschied zwischen KFZ und KZ wissen.

Warum ich mich darüber aufrege?

Ich, die von meinen Mitmenschen doch ohnehin keine intellektuellen Leistungen erwarte, die über das Schmieren eines Brötchens hinausgehen.

Ich, die doch ganz offentsichtlich nicht erst jetzt mit Schrecken erkannt hat, dass man eher ein geistreiches Gespräch mit einer frittierten Banane als mit einem durchschnittlichen Mitglied der Spezies Homo Sapiens führen kann.

Sie müssen wissen, dass ich die meiste Zeit meines Tages bzw. meines Lebens nicht damit verbringe in meinem dunklen Kämmerlein zu sitzen, die Fäustlein wütend gen Himmel zu recken und den nicht-existenten Allmächtigen dafür zu verfluchen, dass er mich nicht als Teil einer geselligen Bonobo-Gruppe auf diesen Planeten schickte, die sich vorzugsweise pimpernd durchs Leben bewegt, sondern stattdessen zu einer, deren größte und im Grunde auch einzige Leistung es im Laufe ihrer Geschichte ist, sich nicht komplett auszurotten.

Ich bin Historikerin. Ich beschäftige mich mit der Shoa. Mit Nazis. Mit sechs Millionen toten Juden. Aber vor allem mit einigen Tausend Juden, die sechs Jahre lang einen bewaffneten Widerstand aufgebaut und am Leben erhalten haben, gegen den der deutsche militärische Widerstand wie Omis Häkelgruppe ausschaut. Diese Männer und Frauen haben mehr Anschläge verübt, Gebäude gesprengt und Nazis getötet, als der gesamte deutsche Widerstand zusammen.

Ich wollte nie für andere Historiker forschen und schreiben, ich wollte auch nie an Universitäten lehren. Ich wollte zu denen, die sich normalerweise nie mit diesem und ähnlichen Themen auseinandersetzen. Ihnen Themen, Geschichten, Menschen näher bringen. Das war der Plan. Seit vielen, vielen Jahren.

War.

Denn mir ist in den letzten Monaten stückweise etwas klar geworden.

Zu versuchen dem Menschen an sich etwas beizubringen, ist eine Sisyphos-Arbeit.

Zu glauben, dass man den Menschen ändern könne, ist so naiv und beinahe wahnhaft, dass selbst Don Quijote neben einem stehen und verständnislos den Kopf schütteln würde.

Bisher wohnte in meinem kleinen schwarzen Herzen, einem Tumor gleich, ein kleiner Utopist, der eisern, geradezu verbissen, glaubte und hoffte, dass man, aller Misanthropie zum Trotz, etwas verändern muss.

Sollte.

Kann.

Doch der kleine Utopist wurde grausam dahin gemeuchelt. Langsam. Über Jahre. Kaum merkbar. Und nun müffelt der Leichnam des kleinen Utopisten vor sich hin und sein Gestank raubt mir zusehends den Atem.

Ich weiß, die folgenden Worte sind hart - und die Tatsache, dass ich (!) vorab darauf hinweise, zeigt nur, als wie hart ich sie selbst empfinde -, aber die Menschheit ist es mir nicht wert, als, dass ich mein Leben weiterhin der Aufgabe und dem Ideal widme, etwas verändern zu wollen, so klein dieses etwas vielleicht auch sein mag.

Daher meine Botschaft an die zukünftigen Generationen, an das deutsche Bildungswesen, an die Schüler und "Elite"-Studenten dieser Welt:

Fickt euch.

Fickt euch hart.

Wenn ihr zu blöd seid, selbst ein Buch zu lesen, herrje, dann verrottet doch in eurem Stumpfsinn, eurer Ignoranz, eurem Unwissen. Suhlt euch darin. Und ersauft auch bitte gleich.

Ich habe nicht vor gänzlich aufzugeben. Ich habe nur den Kreis derer verkleinert, denen ich gewillt bin, etwas zu zeigen und beizubringen. Auf einen einzigen Menschen. Und der wird im Dezember geboren.