Dienstag, 29. Mai 2012

Im Prinzip hab ich Prinzipien

Vielleicht ist es Ihnen aufgefallen, es gab gestern keinen Post. Warum dürfte allerdings offensichtlich sein, denn schließlich war gestern Pfingstmontag und wie jeder Mensch, der vorgibt ein guter Katholik zu sein, verbrachte ich den ganzen Tag in der Kirche mit hier, dings, beten, Kerzen anzünden und heimlich Gummibärchen essen, sowie mit dem tollkühnen Versuch herauszufinden, was man denn jetzt schon wieder feiert. Meine höchst anspruchsvollen Recherchen haben herausgefunden, dass es an dem Tag zwölf Juden beim Feiern des Schawuot ein wenig übertrieben und im Vollsuff einen Zaubergeist gesehen haben, durch den sie plötzlich nicht nur aramäisch sprechen konnten. Irgendwie sowas. Hossa.

Sie verstehen also, dass das natürlich wichtiger war, als zu bloggen. Denn ich habe schließlich Werte, Prinzipien. Prioritäten. Überzeugungen. Sowas kennen Sie sicher auch. Das sind diese Dinge, auf die sich Menschen immer berufen, wenn sie das Bedürfnis haben, anderen durch die Blume zu sagen, dass sie keine haben und ipso facto scheisse sind.

Dafür muss man nicht mal religiös sein, nein, im Grunde braucht man noch nicht einmal wirkliche Überzeugungen oder Werte zu haben, man muss sich nur auf sie berufen können.

Oh, Sie haben sich ein MacBook Air gekauft? Schön, schön, wirklich.

UND IN AFRIKA VERHUNGERN KINDER!!

Nicht, dass man selbst jemals auch nur einen Cent an den UNHCR oder andere Vereine, Organisationen mit krasscoolen Abkürzungen gespendet hätte, aber die Genugtuung, der Spaß, einfach darauf hinzuweisen, scheint eine gottgegebene Gabe des Homo Sapiens zu sein.

Überzeugungen sind etwas hübsches, drolliges, etwas, dass man sich in seinen Trophäenschrank stellt, gleich neben den Pokal, den man damals in der Grundschule für den dritten Platz beim Turnen bekam, und dem selbstgebastelten Keramikaschenbecher. Zwischendurch holt man ihn raus, staubt ihn ab, brüllt irgendwas wildes von Kindern in Afrika, Tierversuchen in der Kosmetikindustrie, freies Tibet und Analogkäse, und stellt ihn wieder zurück, ohne jemals ein Plakat gebastelt, eine Überweisung getätigt, bei einer Demo mitgelaufen oder sich für PETA nackt in Schweineblut vor irgendwelchen Bürogebäuden gewälzt zu haben.

Überzeugungen hat jeder. Ich kenne niemanden, der von sich behauptet, er hätte keine. Ich kenne allerdings kaum jemanden, der auch nach ihnen lebt. Denn seien wir ehrlich, das wäre ja auch ein wenig viel verlangt. Schließlich reicht es ja auch nicht wirklich einmal im Jahr dem WWF die stolze Summe von EUR 10,- zu spenden, nein, nein, nein, denn was ist mit der pervertierten, industriellen Tierhaltung hier in der westlichen Welt? Was mit den hungernden Kindern in Afrika? Oder den Erwachsenen dort? Gibt es überhaupt Erwachsene dort, wenn die doch alle verhungern? Und wo genau ist dieses Afrika? Was ist mit der Ausbeutung in der Textilindustrie? Unternehmen wie Johnson & Johnson?

Es ist ja nicht nur die Frage, wem gebe ich mein Geld, sondern auch, wem gebe ich es nicht mehr?! Frei nach dem Motto: Wenn schon, denn schon!!

Kann ich am Ende überhaupt noch was kaufen oder muss ich Fallobst sammelnd durch die Bundesländer ziehen und mir Gewänder aus Moos basteln?

Die Masse an Entscheidungen, die man plötzlich zu treffen hat, erdrückt, erschlägt einen, da ist es nachvollziehbarerweise einfacher sich darauf zu beschränken, auf seinem Facebookprofil schmucke Sprüche des Dalai Lama und Gandhi zu haben. Sie wissen schon, Menschen, die tatsächlich nach ihren Werten und Prinzipien gelebt haben bzw. leben. Menschen, die nicht den lieben, langen Tag über RTL motzen (also, während sie Bauer sucht Frau gucken), sondern den Fernseher ausschalten.
Dabei muss man gar nicht alles machen. Man muss nicht bei amnesty international, dem WWF, PETA, Greenpeace und Konsorten Mitglied sein, jeden Monat Geld in Länder überweisen, von denen man nicht mal weiß, wo genau die jetzt eigentlich liegen. Sie müssen auch nicht ALDI, KIK, H&M und Procter & Gamble boykottieren und nur noch Eier von glücklichen Kühen oder sonstwas in der Art kaufen.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Wenn sie all das, oder auch nur einen Teil davon machen: Toll.

Das meine ich ernst.

Wenn nicht, also wenn sie trotzdem Fleisch essen und diese Lotion von Dove kaufen, die die Dellen aus Ihrem Popo so schön wegzaubert, dann lassen Sie sich nicht einreden, Sie wären ein schlechterer Mensch als andere - denn das würde voraussetzen, dass es so etwas wie gute Menschen wirklich gibt.
Denn die schönste Mitgliedschaft in allen gemeinnützigen Organisationen dieser Welt macht Sie noch nicht zu einem guten Menschen. Sie können Ihr Leben 24/7 den Seelen niedergeschlachteter Robbenbabies widmen, und trotzdem ein Riesenarsch sein.

Falls Sie sich - aus welchen Gründen auch immer - nicht in der Lage sehen, auf bestimmte Produkte oder Marken zu verzichten oder Geld an dieses und jenes zu spenden, versuchen Sie es doch einfach mal mit einem freundlichen Lächeln beim Bäcker.

Man muss nämlich nicht immer gleich die ganze Welt retten. Manchmal reicht es auch, wenn man einem Fremden den Tag rettet.

In diesem Sinne.