Montag, 21. Mai 2012

Das Fischstäbchen-Phänomen

Ich war bei einer Lesung. Das kommt vor. Seitdem ich in Berlin lebe sogar recht häufig. Meistens, wenn nicht ausschließlich, sind das anarschisch ablaufende Lesungen von Internetmenschen. Internetmenschen sind, das wissen wir alle, keine realen Menschen, sondern abstruse, ungeduschte Objekte, vor denen uns unsere Familie warnt, weil sich hinter den schmucken Avataren und pfiffigen Namen stets und ausschließlich übergewichtige Männer jenseits der vierzig in angegilbten Feinripp-Unterhemden und Ballonseidenjogginghosen verbergen, die die meiste Zeit des Tages damit verbringen Flips und kalte Pizza zu essen und dabei asiatische Kinderpornographie runterladen.

Fat nerd computer

Ist ja bei mir nicht anders. Ich heiße in Wirklichkeit Thorsten, bin 57, adipös und habe eine Affinität zu thailändischen Hermaphroditen.

Ich bin der Mann vor den eure Mütter euch gewarnt haben.

Wie auch immer.

Hin und wieder verlasse ich meine dunkle Kellerwohnung, zwänge mich in mein orbis-claudiae-Kostüm (Sie wissen schon, wie Tom Cruise in Mission Impossible mit den Masken und so..) und gehe auf Menschenjagd, ich meine, zu Lesungen.

Dort treffe ich dann auf allerhand andere verkleidete Menschen aus dem Internet, die so tun, als seien sie im Alltag gewöhnlich und unauffällig, während du in ihren Augen sehen kannst, dass sie, während sie mit dir reden, nur daran denken, ob sie heute Abend noch nach Brandenburg rausfahren, um dort Schafe zu ficken. Internetmenschen halt.

Nichtsdestotrotz sind solche Abende in der Regel ein Fest. Man ist umgeben von unvorstellbar witzigen Menschen, die endlich die Möglichkeit haben Sätze zu bilden, die länger als 140 Zeichen sind und man kann in ihren rosigen Gesichtern die kindliche Freude sehen, dass sie endlich mal aus ihren abgedunkelten Zimmern raus in die Wirklichkeit durften.

Nun war ich aber, wie gesagt, kürzlich bei einer Lesung. Bei einer Lesung von Reallife-Menschen. Sie wissen schon, das sind die, die eine geregelte Arbeit haben, täglich das Haus verlassen, das Internet nur durch Google und Xing kennen und die Abende bei anderen Reallife-Menschen kochend und zusammensitzend verbringen. Es ist ekelhaft und eine Perversion vor dem Herrn.

Ich möchte gar nicht sagen, wo diese Lesung stattfand (im Kulturkaufhaus Dussmann) oder wer genau da gelesen hat (der ehemalige Chefredakteur der Titanic, nein, nicht Sonneborn, dann wäre ja alles gut), sondern nur darauf verweisen, dass es abgesehen von diesem nur seltene Momente in meinem Leben gab, in denen ich mir ebenfalls gewünscht habe, ein Amokläufer mit einer Schrotflinte würde hereinstürmen und mich von meinem Elend erlösen. Ob das nun bedeutet, dass ich wünschte erschossen zu werden oder die Vortragenden, lasse ich an dieser Stelle offen.

Nachdem ich mich rund dreißig Minuten damit abgelenkt hatte, die französische Bulldogge vor mir zu fotografieren und anschließend jedes Foto durch jeden iPhone-Filter zu jagen, das ich finden konnte, und alle Bücher, die ich mir von oben mitgebracht hatte durchzublättern, begann ich mich zu fragen, was mit mir nicht stimmt.

Eine Frage, die ich mir weitaus öfters stelle, als Sie vielleicht vermuten.

Andererseits stellen Sie sich diese Frage in Bezug auf mich vermutlich noch wesentlich öfter.

Der Mann dort auf der Bühne war ja nicht per se unlustig. Auch ich habe früher die Titanic gelesen. Ja, verschlungen. Und ich muss über die meisten Titelbilder immer noch böse grunzen, auch wenn ich mir die Zeitschrift selbst nicht mehr kaufe.

Und dennoch konnte ich nicht lachen.

Ich realisierte, dass ich kürzlich ein ähnliches Phänomen bei mir beobachtet hatte, nachdem einige Internetmenschen (s.o.) ihren "Unmut" gegenüber Dieter Nuhr und den Satiregipfel in leicht verdauliche 140-Zeichen-lange Pamphlete des Zorns gepackt und in die Welt hinaus geschleudert hatten und ich mir deswegen besagte Sendung ansah, was ich normalerweise nicht tue, da ich, wie gesagt, sonst ausschließlich damit beschäftigt bin Fast Food zu bestellen und zu Kathoeys-Pornos zu masturbieren.

Ich lachte kein einziges Mal.

Dasselbe als ich vor einigen Monaten unter Androhung von Gewalt genötigt wurde, TV Total zu gucken.

Sowohl bei den Witzen - Entschuldigung, ich meine: Sowohl bei den "Witzen" von Raab, als auch von denen von Nuhr und schlussendlich ebenfalls bei den Texten von dem Titanic-Dingsbumsmenschen, konnte ich nicht nur nicht lachen, nein, zwischendurch sind kleine Teile meines Gehirns abgestorben, wanderten in den Magen und kamen mir als Erbrochenes wieder hoch.
Was ich aber irritierenderer als die Tatsache selbst, dass ich nicht lachte, fand, war die, dass andere lachten. Auf die Frage, warum ich das nicht witzig fände, antwortete ich jedoch wie aus der Pistole geschossen: Ich bin bei Twitter, ich bin besseres gewöhnt.

Und das war es!

Der eindeutige Beweis, dass das Internet Menschen verdirbt.

Über zwanzig Jahre lang war ich ein wundervoll einfältiger Mensch mit einem schlichten Gemüt und einem durchschnittlichen Humorzentrum. Ich kaufte mir Dinge wie MAD, Eulenspiegel, Titanic und Brigitte, sah TV Total, Die Wochenshow, Dieter Nuhr, Mittermaier und Mario Barth und war ein glücklicher, vor sich hin glucksender, dummer Mensch.

Weil ich es nicht besser wusste.

Und dann kam das Internet.

Twitter.

Blogs.

Menschen bei Facebook, die nicht nur schrieben, dass sie jetzt zu REWE fahren. Menschen, die, statt fünftausend Fotos von ihren dreizehn Zwergkaninchen, sowas posteten:

IMG 2732

Mein Humor veränderte sich. Er wurde anspruchsvoller. Sarkastischer. Also noch sarkastischer. Er wurde für die breite Palette der deutschen Humorlandschaft verdorben.

Natürlich ist nicht jeder Internetmensch lustig. Natürlich ist nicht jede Lesung ein Kracher und natürlich verbirgt sich nicht hinter jedem Internetschreiberling ein Chuck Palahniuk oder Elias Canetti. Ich gebe zu, manchmal habe ich auch nur applaudiert, weil ich fand, dass die Vortragende eine hübsche Jacke anhatte.

Dennoch.

Nun, nach fast drei Jahren auf Twitter, nachdem mein Vorderhirnlappen Internetmenschen wie Silvestah, Muermel, Nachtlos, Mutti, St4rbucks, Bohm, der Handwerk, Käse, Zopf und andere kennenlernen durfte/musste, sind fünf Minuten Satiregipfel oder die Lesung eines sich selbst darstellenden Schreiberlings wie tagelange Folterung mit DJ Ötzi in Guantanamo.

(Verstehen Sie mich nicht falsch, wir sind alle hier in diesem Internet selbstdarstellende Schreiberlinge, aber wir sind es, weil wir es können.)

Es ist, als habe man Jahrzehnte lang nur Fischstächen gegessen und war glücklich und zufrieden damit. Bis man zum ersten Mal geräucherten Fisch isst, der heute erst frisch gefangen wurde.

Man. Kann. Danach. Nicht. Wieder. Zurück.

Und ich empfinde Mitleid - oder etwas, was ich für Mitleid halte - mit denen, die immer noch mit ihren Fischstäbchen, ihrem Fips Asmussen und Dieter Nuhr glücklich sind. Denn sie wissen nicht, was sie verpassen. Sie wissen nicht, was wirklicher Genuss ist.

Ich weiß, unsere Mütter haben uns gesagt, wir sollen rausgehen, an die frische Luft, an die Sonne.
Aber ich sage Ihnen: Bleiben Sie zuhause, schalten Sie den Computer an, gehen Sie auf die Suche. Schauen Sie sich Dylan Moran, The Daily Show, und Stephen Colbert an. Gehen Sie zu YouTube, durchforsten Sie Tumblr, herrje, gehen Sie zu AwkwardFamilyPhotos, wenn's sein muss.

Vertrauen Sie mir.

Es gibt ein Leben jenseits von Mario Barth.

Sie können den Ausstieg schaffen.

Verlangen Sie mehr von Ihrem Leben als Fischstäbchen.

[Some of the images are found on tumbl (or somewhere else on the internet). If I violated any copyrights you might have, please do not hesitate to contact me and I will remove the picture.]