Montag, 30. April 2012

Eudaimonia for the win!

In der Nacht auf Ostersonntag träumte ich, ich führe mit meinem Roller durch Bonn, irgendwelche Ecken, die keineswegs wie Bonn aussahen und die man vergeblich dort sucht, von denen ich aber instinktiv wusste, dass sie zu eben besagten Stadt gehörten.

Ich fuhr mit einem Affentempo durch besagte Ecken und gelangte plötzlich an eine abschüssige Landstraße. Die von Ihnen, die nahe Mosel und Rhein leben, werden diese Art von Straßen vielleicht kennen: Zur einen Seite hin erstrecken sich hohe, einschüchternde Felsen, die einen ständig zu erschlagen drohen, auf der anderen Seite frohlockt ebenfalls der Tod, hier jedoch durch die schlichte Möglichkeit des tiefen Falls und des anschließenden Zermatschseins.

Im wachen Zustand wäre ich nun vermutlich langsamer gefahren. Und hätte vor allem aufgehört, während des Fahrens auf dem iPhone zu twittern. Nun, da ich jedoch träumte, hörte ich weder mit dem einem, noch mit dem anderen auf, brauste fröhlich weiter, flog dementsprechend aus der Kurve und konnte mich gerade noch an der Leitplanke festhalten, während Roller und iPhone munter den Abgrund ihrem Ableben entgegensegelten.

Ein Abgrund übrigens, auf dessen grünen Wiesen aus irgendwelchen Gründen ein riesiges Drachenskelett samt eines riesigen Siegfriedskeletts lagen. Aber darum geht es jetzt nicht.

Das dramatische an dieser Szenarie war nämlich nicht, dass ich beinahe gestorben wäre. Oder dass mein heissgeliebter Roller nun ein Leben im Hades führen musste.

Nein, das einzige, was mich - immer noch träumend - geradezu an den Rand der Verzweiflung trieb, war die Tatsache, dass mein iPhone kaputt und weg war.

Mein iPhone.

Mein iPhone!!

MEIN iPHONE!!!

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Als ich aufwachte, war ich dementsprechend verstört. Nicht, weil ich die fiktive Trauer um Pauline - ja, das ist ihr Name - noch nicht verarbeitet hatte, sondern einfach, weil ich erschüttert war, dass mein Unterbewusstsein über den Verlust eines Stückes Plastik/Metall so aufgelöst sein konnte.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich lobpreise Apple bei jeder Gelegenheit und liebe mein iPhone heiss und innig. Allein schon deshalb, weil ich ohne die BVG-App sicher immer eine Stunde länger nach Hause bräuchte. Ich habe auf dem Ding all meine Kontakte, meine Emails, meine Abnehm-App, meine Fernsehzeitschrift, ca. 7.827 Apps, die irgendwas mit Twitter zu tun haben, meinen Wecker, Instagram, meine Einkaufsliste, Kalender, allerlei Spiele, natürlich einen Menstruationskalender und, und, und. Alles auf einen Klick. Alles auf einen Blick. Und ich mag die Einfachheit, die Schnelligkeit, mit der ich auf fast alles, was in meinem Leben wichtig ist, direkt zugreifen kann.

Und dennoch.

Immer wenn es um Dinge geht, bei denen ich mich dabei ertappe, wie ich "Ich könnte ohne ... nicht leben!" denke, werde ich stutzig und halte misstrauisch inne. Denn auch, wenn ein solcher Satz nichts anderes als Anerkennung und Liebe für eine Sache oder eine Person bedeutet, so bedeutet das am Ende aber auch, dass man abhängig ist.

Und das ist niemals gut.

Erst recht nicht, wenn es sich um einen Gegenstand handelt.

Als ich vor einigen Wochen gegenüber einem Freund sagte, ich dächte darüber nach, meinen iPhone-Vertrag zu kündigen, um Geld zu sparen, sah er mich mit tellergroßen, entsetzten Augen an, als hätte ich gerade seine Großmutter entweidet und ihm ihre Nierchen mit Bratkartoffeln angeboten.

Ich weiß, dass für viele Menschen iPhones, Smartphones oder das Internet generell etwas mit Lebensgefühl zu tun haben, einem Gesamtkonzept, wie man sein Leben gestaltet, und ich möchte das weder angreifen, noch geht es mir um das iPhone an sich.

Es geht mir um jede Kleinigkeit in unserem Leben, von der wir denken, dass wir nicht ohne sie leben könnten. Denn so schön wir diese Sache vielleicht auch finden, so wundervoll, so lebensbereichernd, wenn der bloße Gedanke, diese Sache verlieren zu können, uns den Atem raubt, uns fast verzweifeln lässt, dann stimmt da etwas nicht und wir sollten kurz innehalten und überlegen, ob wir hier selbst eine Abhängigkeit geschaffen haben, die uns am Ende mehr fesselt, als bereichert.

Statt mit einem klugen, tiefsinnigen und ätzenden Dalai-Lama-Zitat nerve ich Sie lieber mit einem Zitat von Morrie Schwartz, einem vor gut zehn Jahre verstorbenen Soziologen:

“There's a big confusion in this country over what we want versus what we need. You need food, you want a chocolate sundae. You have to be honest with yourself. You don't need the latest sports car, you don't need the biggest house. The truth is, you don't get satisfaction from those things. You know what really gives you satisfaction?...Offering others what you have to give...I don't mean money. I mean your time. Your concern. Your storytelling. It's not so hard.”

Morrie

Ich möchte hier sicherlich keinen Essay über Glückseligkeit schreiben (Eudaimonia for the win!!), ich möchte nur auf den für mich entscheidenden Satz hinweisen:

In diesem Land herrscht eine große Verwirrung darüber, was wir wollen, im Gegensatz zu dem, was wir brauchen.

Diese beiden Wörter werden fast zu Synonymen. Unbewusst sicherlich, aber dennoch. Ich brauche einen Kaffee! Ich brauche Schokolade! Ich muss das neue Skyrim haben! Ich muss unbedingt zur re:publica! Ich will das neue iPhone! Ich will 5.827 Fernsehkanäle!

Ich muss, muss, muss, brauche, brauche, brauche, will, will, will.

Sicherlich, der Kaffee bringt uns über den Morgen und hält uns davor ab, vor zehn Uhr Familie und Kollegen zu meucheln. All diese Dinge scheinen das Leben, den Alltag, angenehmer, leichter zu machen. Erträglicher.

Aber wenn wir meinen diese Dinge zu brauchen, weil unser Leben sonst unerträglich wäre, dann stimmt da etwas nicht. Wenn wir ohne diese Dinge unser Leben nicht ertragen können, dann brauchen wir nicht diese Dinge, sondern wir brauchen eine Veränderung unseres Lebens.

Und wir sollten uns daher bei allem, was wir kaufen, was wir benutzen, was wir meinen unbedingt haben zu müssen, fragen, ob wir es wirklich brauchen. Und warum.

Die Antwort könnte Sie überraschen.

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