Montag, 9. April 2012

Degenerative Evolution

Seitdem es gesellschaftlich verpönt ist, zum allgemeinen Amüsement Gebetshäuser Andersgläubiger abzufackeln und in Köpenick ohnehin Synagogen eher Mangelware sind, blickt der gemeine Bewohner dieses Bezirks mit geradezu infantiler Vorfreude den jährlichen Osterfeuern entgegen, die hier in einem manischen Rausch fast an jeder Ecke zelebriert werden.

Als guter Ex-Katholik, der ich nun mal bin, ist mir jede Art von semi-heidnischer Tradition natürlich zuwider. Aber an einem Ostersonntag bleibt einem hier, am Rande der menschlichen Zivilisation, ja ansonsten nicht viel anderes zu tun übrig.

Dementsprechend legen wir unsere teuren Beinkleider ab und suchen in den hintersten Ecken meines Kleiderschranks nach etwas, das man eher in Brandenburg und weniger in Mitte tragen würde, um uns anschließend aufzumachen und uns Günter-Wallraff-gleich unter den gewöhnlichen Pöbel zu mischen.

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Das Großevent findet auf dem Vereinsgelände des TSV Eiche Köpenick statt und wie ich später herausfand, bietet dieser kosmopolitische Verein neben Fuß- und Handball, auch noch für die sportiven Damen des Bezirks, denen Abwasch und Windeln wechseln nicht reicht, auch Frauen Gymnastik an. (Wer Interesse hat: Die Trainingszeiten sind Montags von 19.00 bis 20.00h in der Turnhalle der Pablo-Neruda-Straße - You're welcome!)

Als wir gegen 22.00h dort eintrudeln, ist das Osterfeuer schon halb vorbei, was die Dorfjugend aber nicht davon abhält, vor den glimmenden Resten mit prachtvoll bunten, alkoholischen Getränken in der Hand, im Takte von Katy Perry, mit der Angebeteten aka The Ische Of The Night zu knutschen. Fasziniert betrachte ich die Zukunft meines Landes und komme mir dabei zwangsläufig ein wenig wie ein Vulkanier vor, der mit hochgezogener Augenbraue und latent angewidertem Mundwinkel die Spezies Mensch begutachtet.

Meine Observationen werden rüde unterbrochen, als neben uns ein kleines, dickliches Wesen mit fescher Kurzhaarfrisur, die suggerieren soll, wie taugh und kreativ man doch ist, beginnt hyänenartig über irgendetwas unlustiges zu lachen. Denn seien wir ehrlich, nichts kann so lustig sein, dass es dieses Lachen wirklich rechtfertigen würde.

Da ich meine Ohropax fatalerweise zuhause gelassen habe, bin ich höchst dankbar, als die Diskomusik und das Hyänenlachen von dem Aufruf unterbrochen wird, dass eine Mutter (die sicherlich Rochelle oder Mindy heißt) ihren Sohn, der auf den entzückenden Namen Cedric Ludwig hört, verloren hat.

Vermutlich ist Cedric Ludwig an diesem Abend, einer Epiphanie gleich, bewusst geworden, wie er heisst und wo er lebt und hat sich aus Scham und Resignation im Müggelsee ertränkt.

Kurz nach zehn wird dann das heiß ersehnte Feuerwerk gezündet, wobei der Mensch im Vereinshaus, den man fahrlässigerweise an das Mikrofon gelassen hat, nicht müde wird zu erwähnen, wer besagtes Feuerwerk gespendet hat. Ich merke mir die Namen dieser stadteigenen Helden nicht, denn ich bin stattdessen damit beschäftigt mir eine Bratwurst an einem Stand zu kaufen, die von vier kahlrasierten Herren betrieben wird. Das Schöne an Köpenick ist wirklich, dass alle Klischees und Vorurteile in vollendeter Form wieder und immer wieder bestätigt werden.

Das Feuerwerk erweist sich als überraschend nett - wenn man erst einmal verdrängt hat, wie das Feuerwerk an Rhein in Flammen oder in der Nacht der Lichter aussieht, und da ich vermutlich in diesem Bezirk sterben werde, versuche ich mich krampfhaft mit dem Unausweichlichen anzufreunden.

Und während im Hintergrund das Mikrofon an einen Mann weitergegeben wird, der eine Kathrin "ganz doll fragen wollte, ob du meine Frau werden willst." (Zitat) und ich darüber nachgrüble, was ich mit einem Mann täte, der mir mit biergetränkter Stimme auf einem Vereinsgelände in Köpenick einen Heiratsantrag macht - und die Antwort "standrechtliche Erschießung" ist da noch das freundlichste, was mir einfällt -, wird mir plötzlich bewusst, dass ich eine degenerative Evolution durchlaufen habe.

Sie müssen wissen, ich habe meine Kindheit in einem Kaff am Rande Bonns verbracht. Als wäre für den Nicht-Bonner Bonn selbst nicht schon Kaff genug, ist die Stadt umgeben von einem Gürtel von Mini-Käffern.

Eines davon ist Küdinghoven.

Falls Sie das googeln, wird Ihnen Wikipedia verraten, dass der Ortskern von Küdinghoven geprägt ist von kleinteiliger Baustruktur mit Wohngebäuden und dass im Norden eine gewerbliche Struktur vorhanden ist. Erwähnenswert ist laut Wikipedia noch der Junggesellenverein Concordia Küdinghoven, sowie der Schützenverein St.-Sebastianus-Schützenbrvjsczgsakschnarrrrrrrch!!

Ich könnte Ihnen noch mehr unfassbar faszinierende Details erzählen, aber im Grunde verbinde ich selbst mit diesem Ort nur die Erinnerung, dass unser Dorfpfarrer immer besoffen in seinem weinroten VW Golf durch die Gegend cruiste.

Küdinghoven ist ein Dorf wie es im Buche steht. Jeder kennt jeden. Jeder ist mit jedem zur Schule gegangen. Manche gleich mehrfach. Hier wird keine zukünftige Elite gezüchtet, gehegt oder gepflegt, sondern nur zukünftige aktive Kirchgänger, die alle brav Messdiener werden und für's Pfarrfest Kuchen und Waffeln backen. Sicher, auch hier gibt es Protestanten und sogar Ausländer, hin und wieder sogar protestantische Ausländer, aber Integration und Assimilation sind Wörter, die sich zwar knorke anhören, aber nicht unbedingt praktiziert werden.

Der Dorfmensch ist ein böser Mensch und nicht ohne Grund wird er in Filmen gerne als fackelschwingender Mob dargestellt.

Und Köpenick ist Küdinghoven.

Streichen Sie bei Küdinghoven sieben Buchstaben und fügen vier andere hinzu und Sie haben Köpenick! Es sind die gleichen Gesichter, die gleiche Dorfdiskomusik, ja, ich wette, es sind sogar die gleichen Jogginghosen!

Und ich mittendrin.

Again!!

De-Evolution nennt man sowas.

Nachdem ich mich im symbolträchtigen Jahr 2000 aus den Klauen Küdinghovens befreit hatte und ins hippe Beuel direkt an den Rhein gezogen bin, hat es mich nun, keine zwölf Jahre später, ins Küdinghoven Berlins verschlagen.

Was ist nur los mit mir? Was stimmt mit mir nicht?

Und vor allem: Warum merke ich das erst nach über sieben Monaten?

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Oben ein Foto aus einer beliebigen Straße in Küdinghoven, unten ein Foto aus meiner Nachbarschaft in Köpenick - Die Hinweise waren die ganze Zeit vor meiner Nase und ich konnte/wollte sie einfach nicht sehen. Wollte es nicht wahrhaben.

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Die Wahrheit war so grausam, die Erkenntnis so vernichtend, dass ich, immer noch am vor sich hin glimmenden Feuer stehend, wusste, dass mir nur eine Wahl blieb:

Freitod oder Bier!

Ich überlasse es Ihnen zu erraten, ob ich diesen Blogpost nun auf dem Grund des Müggelsees, mit Cedric Ludwig an meiner Seite, oder völlig betrunken geschrieben habe.

Nur soviel: Nach zwei Flaschen Wodka sieht Köpenick gar nicht mehr so scheisse aus.

[Some of the images are found on tumbl (or somewhere else on the internet). If I violated any copyrights you might have, please do not hesitate to contact me and I will remove the picture.]