Donnerstag, 15. März 2012

Wie das so ist

Niemanden, der mich auch nur halbwegs kennt, wird es überraschen, wenn ich sage, dass ich mich nicht gerade für das geborene Muttertier halte. Ich hatte Zeit meines Lebens für Kinder in etwa soviel übrig wie für die Frettchenzucht meiner Nachbarn. Also nicht sonderlich viel.

Kinder sind die einzige Bevölkerungsgruppe auf der Welt, die sich komplett irrational und wahnsinnig verhalten darf und immer noch als süß empfunden wird. Was ich schlichtweg als unfair erachte.

Man kann mit ihnen kein gescheites Gespräch führen und ihre Vorstellung von Grammatik ist geradezu eine Zumutung.

Über 60% ihrer Körperöffnungen sind undicht und sind sie endlich irgendwann mal halbwegs stubenrein, entpuppen sie sich als das reine Böse unter der Sonne, dem man sein restliches Leben das Konzept von sozialem Miteinander und Ethik einbläuen muss. Am Besten mit einer Nilpferdpeitsche. Ein kurzer Blick in die täglichen Nachrichten lässt erahnen: Klappt nicht so super.

Das und die Tatsache, dass Kinder nichts anderes als Miniatur-Versionen jener Spezies sind, von der es, meiner höchst bescheidenen Meinung nach, ohnehin schon viel zu viele Mitglieder auf diesem schmucken Planeten gibt, führte dazu, dass ich selbst nie Kinder haben wollte.

Ich war eher stets der Typ Mensch, der sich im hohen Alter mit wirrem Haar, irrem Blick und siebzehn Katzen in einem 1-Zimmer-Appartement in Marzahn sah.

Sie kennen den Typ Mensch.

Crazy old lady

Kacken und Kotzen tun Katzen zwar ebenfalls ohne Ende, aber zumindest ist bei ihnen gesichert, dass sie nicht eines Nachts mit Hockeymaske und Motorsäge an deinem Bett stehen, um mit dir ein unsachliches Gespräch über deine Erziehungsmethoden zu führen. Ich bin ehrlich der Ansicht, dass werdende Eltern viel zu selten über diese Möglichkeit nachdenken..

Wie auch immer.

Ich war dementsprechend immer der Ansicht, sollte ich jemals schwanger werden, würde ich rücksichtlos abtreiben.

Dann jedoch wurde meine beste Freundin im knospenhaften Alter von achtzehn Jahren schwanger und plötzlich saß ich emotionaler Eisklotz mit ihr im Cafe, Tränen in den Augen - als wäre ich irgendsoeine Greenpeacetussi, die gerade einen Berg niedergeknüppelter Robbenbabies betrachtet - und starrte auf ihren Unterleib, in dem sich ein Mensch in Form eines verkrüppelten, ausgespuckten Kaugummis befand. Ich wollte immer noch keine Kinder, aber ich wusste in dieser Sekunde, sollte ich jemals schwanger werden, ich würde nicht abtreiben können. Ich würde meinem eigenen verkrüppelten, ausgespucktem Kaugummi nichts antun können.

Irgendwann begannen dann all meine Freundinnen und Cousinen und Bekannten zu werfen, als hätten sie sonst keine Freizeitbeschäftigungen und 2009 hockte ich Weihnachten zwischen meinen beiden Nichten und ca. 17kg Duplo-Steinen und meine biologische Uhr kreischte hysterisch: "Das willst du auch! Sag es! Sag, dass du das auch willst!!"

Jehova sei Dank war das nur eine hormonelle Phase und diesen Sonntag darf ich endlich die erste Katze für meine Sammlung in meiner Wohnung begrüßen. Schön, wenn Sachen sich am Ende doch so entwickeln, wie man es ursprünglich plante.

Vielleicht ist diese Entwicklung der letzten zehn Jahre normal. Ich weiß es nicht. Sie dürfen mir gerne eine Email schreiben, in der Sie mir erzählen, ob es Ihnen im Laufe der Jahre ähnlich ergangen ist. Die drucke ich dann aus und schmeiße sie weg, weil es mir egal ist, welchen hormonellen Affenzirkus Sie durchlaufen haben.

Worauf ich aber eigentlich hinaus möchte:

Der ein oder andere mag sich daran erinnern, dass ich im Oktober einen Monat für meine Nichte, aka der Krümel, in Edinburgh den Bespaßer spielte. Ein Vorhaben, bei dessen Verkündung mein Freundeskreis im Vorfeld in schallendes Gelächter ausgebrochen ist. Ich und Kinder. Eine geradezu abstruse Vorstellung (s.o.).

EDI

Jedoch. Das Unmögliche wurde wahr. Ich entdeckte rudimentäre Anzeichen für etwas, was andere wohl als Liebe bezeichnen würde.

Entschuldigung.

Ich musste gerade ein wenig würgen.

Aber auch, wenn ich den Krümel inzwischen lie.. also mag.. und durchaus den Hauch einer Ahnung gewonnen habe, welch grandioses Gefühl das sein muss, von so einem kleinen, kackenden, wuscheligen Zellhaufen geliebt zu werden, ändert das nichts an meiner Einstellung und Meinung.

Ich weiß, ich kann stundenlang Gründe aufführen, warum ich gegen das Kinderkriegen bin. Vorrangig basiert diese Meinung aber auf einem furchtbar simplen Grund, bzw. einer Äußerung meiner Cousine.

Dieselbe meinte nämlich letztes Jahr, sie wollte Kinder haben, weil sie "sehen wollte, wie das so ist." In der Theorie spricht nichts dagegen, dass sie Kinder hat. Sie kommt aus einem Milieu, das man früher vermutlich dem Großbürgertum zusprach, sie ist selbstständig, verdient genug. Ihr Mann noch mehr. Sie ist gebildet und hat summa cum laude ihr Studium abgeschlossen. Gut, andererseits hat sie mich zweimal gefragt, ob ich meine Haustiere auch anfassen würde, daher scheint so ein summa cum laude auch nicht viel wert zu sein. Und ihr Mann ist Franzose. Wo sich mir wiederum die Frage stellt, ob sie den denn anfasst. Kaum führen wir in Europa keine Kriege mehr, scheint das Fraternisierungsverbot mit den Franzosen auch niemandem mehr heilig zu sein.

Aber wie auch immer. In der Theorie spräche dennoch nichts dagegen.

Ich finde nur nicht, dass man Kinder haben sollte, weil man gerne wissen würde, "wie das so ist". Als eines von jenen Kindern, die gebrochen wurden, weiß ich um die Fragilität dieser kleinen Pupsmaschinen, weiß, wie schnell man etwas falsch machen, wie schnell man so viel falsch machen kann, dass es irreversibel ist.

Wir reden hier von einer Verantwortung, der die meisten Menschen völlig blauäugig entgegen sehen.
"Das wird schon." 

"Hat ja immer geklappt. Irgendwie."

So. Ein. Verfluchter. Schwachsinn.

Etwas machen zu wollen, nur um es mal zu machen, ist die bescheuertste, hinrissigste Argumentation seitdem Nero diese Packung Streichhölzer fand. Freilich. Es gibt Dinge, die kann man machen, einfach nur, um es mal zu machen. Haschkekse backen zum Beispiel. Oder Oralsex. Aber es gibt Dinge, die Konsequenzen haben, die man besser nicht machen sollte, nur weil man die Erfahrung mal gemacht haben wollte. Sex mit einem tollwütigen Polarbär gehört zum Beispiel dazu. Ein Beispiel von vielen.

Es gibt einfach Dinge, Ideen und Vorhaben, die sich auf den ersten Blick total toll und sinnig anhören, aber doch durchdacht sein sollten. Sex mit tollwütigen Polarbären gehört da genauso zu, wie Kinder kriegen.

Wir reden hier von Menschen. Kindern. Keinem Hobby, keiner Anschaffung. Sondern einer Verpflichtung. Einer Verantwortung, die größer kaum sein kann und der sich die meisten nicht bewusst sind.

Halten Sie mich bitte nicht für naiv. Ich weiß, dass man nie alles bedenken kann. Nie wissen kann, ob man für die nächsten Jahrzehnte finanziell abgesichert ist. Nie wissen kann, ob die Partnerschaft hält. Ob etwas passiert, was einen aus der Bahn wirft. Etc. etc. bla bla bla.

Eine derartige Sicherheit gibt es nie.

Bei nichts.

Und dennoch.

Ich bin nicht bereit diese Verantwortung für ein anderes Leben, für einen anderen Menschen zu schultern. Ich kann dieser Verantwortung nicht gerecht werden. Und ich möchte es auch nicht.

Ich liebe mein eigenes, niemals existierendes Kind viel zu sehr, als dass ich es jemals zur Welt bringen möchte.

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