Dienstag, 27. März 2012

Unbeirrbar

Wenn Berlin eines hat, also abgesehen von tonnenweise Hundekot und Menschen mit fragwürdigem Kleidergeschmack, dann sind das Bohemiens. Oder zumindest das, was sich für die aktuelle Boheme hält.

Von nah und fern strömt es nach Berlin. Nicht, weil es woanders nicht Bohemien sein könnte. Weil es in Köln nicht frei schaffen könnte, sich in Bamberg in seinem kreativem Künstlerdasein nicht suhlen könnte.

Nein, einfach nur aus dem Grund, weil es der wahnhaften Idee anheim gefallen ist, dass es nur hier seine Bestimmung finden kann. Das werden wird, was ihm zuhause, in Schwifting in Bayern oder in Krostitz in Sachsen oder irgendeinem anderen Hühnerfickerkaff nicht möglich war. Nämlich mehr zu sein als Metzger. Als Tankstellenfachkraft. Als Wurfmaschine für die kommenden Generationen. Mehr sein, einfach nur mehr. Was auch immer das heisst.

Also kommen sie nach Berlin. Dem scheinbar einzigen Ort in der Republik, an dem sie anders sein können.

Dürfen.

Ja, sogar sollen.

Wo es nicht nur gesellschaftlich akzeptiert ist zu versagen, sondern sogar zum guten Ton gehört. Arm, aber sexy. Erfolglos, aber dabei gut ausschauen.

Sie sind überall.

Und sie sind schlimmer als Hipster.

Sie sind Künstler.

Verkannte Dichter und Schreiberlinge.

Missverstandene Denker und Philosophen.

Unterschätzte Maler und Designer und sonstige Pinselschwinger.

Hier fallen sie nicht auf. Werden eins mit der Hauptstadt. Verschmelzen mit ihr. Hier werden sie geliebt, weil sie anders sind. Obwohl sie anders sind. Obwohl sie auch nichts schaffen. Außer dekorativ in Cafés und S-Bahnen sitzen. Mit Molière, Camus oder Kant auf dem Schoß. Die ersteren vorzugsweise auf französisch. So fahren sie kreuz und quer durch die Stadt, von Café zu Café, mit ihrem MacBook oder ihrem Moleskine-Notizbuch im Ledertäschchen. Treffen auf andere ihrer Art. Diskutieren über Nietzsche und Schopenhauer. Streichen sich stundenlang nachdenklich über ihren Drei-Tage-Bart. Schauen konzentriert ins Nichts, als stünden sie kurz davor ein Werk homerischen Ausmaßes zu erbrechen. Sitzen sich Latte Macchiato schlürfend das kreative Popöchen platt. Abends wird das italienische Bohnenwasser durch etwas Alkohollastiges getauscht. Vorzugsweise etwas, was die Bohemiens der vergangenen Tage in Büchern und Filmen tranken. Single Malt. Absinth.

Dabei würden sie doch so gerne mehr machen. Nun, da sie in Berlin sind. Und nicht mehr in Oer-Erkenschwick. Doch außer Zuspruch von anderen Gleichgesinnten, die wie sie aus Dorflandschaften mit ähnlich blumigen Namen hierher flohen sind, finden sie hier nichts. Der große Erfolg, der sich von alleine doch hätte einstellen müssen, bleibt aus. Kein Mäzen, der ihre verborgene Brillanz erkennt, der ihre Kunst fördert und würdigt. Der sie würdigt.

So ziehen die Tage ins Land.

Wochen.

Monate.

Jahre.

Die Leinwand bleibt weiß. Die Schreibmaschine staubt ein. Die Fahrten in der S-Bahn werden länger. Unbeirrbar klemmt es sein Moleskine-Notizbuch unter den Arm, guckt hin und wieder von Canettis Masse und Macht auf und stattdessen auf die Taschenuhr. Der Roman ist immer noch ungeschrieben, aber die Accessoires sitzen wie am ersten Tag. Damit man sie auch weiterhin als die erkennt, die sie sind. Anders. Besonders. Mehr.

Sie wissen, nicht mehr lange und sie werden es auch schaffen. Werden etwas schaffen. Und während sie Schostakowitschhörend über den Alex laufen, bemerken sie im peripheren Blickwinkel die nächsten, die ankommen aus dem Hinterland, um hier ebenfalls zum nächsten Oscar Wilde heranzureifen. Zum nächsten Jackson Pollock. Edgar Alan Poe. Nadar. Modigliani.

Und bis es soweit ist, kehren sie abends alle in ihr Kämmerlein zurück, das ein Carl Spitzweg nicht besser hätte malen können, und weinen sich in den Schlaf. Mit der Tür fällt auch die Maske. Die Vorstellung des heutigen Tages ist vorbei, man ist wieder allein mit der jungfräulichen Leinwand, dem leeren Word-Dokument und dem fanatisch blinkenden Mauszeiger. Der Kühlschrank ist leer, der Kopf auch.

Und alles, was bleibt, ist die sture Hoffnung auf morgen.