Donnerstag, 8. März 2012

Mitten im Scheissleben

Ich bin kürzlich beim Zappen nach langer Zeit mal wieder beim guten, alten Mitten im Leben gelandet. Sie wissen schon, diese ungemein authentische soziologische Dokumentarstudie über das deutsche Prekariat in Endlosschleife.

Es war eine Folge, die ich irgendwann in geraumer Vorzeit schon einmal gesehen hatte oder bei der ich mir aufgrund der sich stets wiederholenden Thematik zumindest einbildete, schon einmal gesehen zu haben. Es ging natürlich um eine Familie mit regem Fortpflanzungsdrang, die ihren Kindern so malerische Namen wie Robin Dean, Janin, Jaqueline und Tabea gaben und sich trotz Hartz IV einen Kleinzoo inklusive des notwendigen Rottweilers hielten. Sie erfüllten das Klischee der unmotivierten, lethargischen ALG-II-Familie mit einer Hingabe, dass einem beim Zuschauen vor Freude das überhebliche Herz fast aus der Brust hüpfte.

Es ging in dieser Folge vorrangig um zwei der Töchter: Janin, Spitzname Gina, die der Existenz ihrer Eltern nacheiferte und eine Faulheit an den Tag legte, die ihresgleichen suchte, und Jaqueline, die wie ihre Schwester die Hauptschule besuchte und kurz vor ihrem Schulabschluss stand.

(Jetzt hätte ich Schulabschluss fast in Anführungszeichen gesetzt. Manchmal bin ich von meiner eigenen Arroganz selbst ein wenig überrascht.)

Nun, wie auch immer, Jaqueline, die keine Spitznamen brauchte, da sie mit ihrem normalen Namen schon genug gestraft war, sagte hin und wieder ein paar Dinge, die mich nachdenklich stimmten.

Unter anderem sprach sie davon, dass sie nicht das Schicksal ihrer Eltern teilen, also nicht als Hartz-IV-Empfängerin enden wollte und daher gerne Fachkraft in der Gastronomie werden würde. Als anmaßender Mensch, der ich nun mal bin, dachte ich in der Sekunde nur: "Das ist dein Ziel im Leben? Kellnerin werden?" Statt zu denken, wie toll es ist, dass sie versucht auszubrechen aus diesem Sumpf der Lethargie, des sich-in-sein-Schicksal-fügens.

Am Ende der Folge war ihre Schwester Gina natürlich durchgefallen und hatte keinen Abschluss, die Erwartungen der Zuschauer wurden erfüllt, die Quoten ebenfalls. Jaqueline hingegen hatte es geschafft und hoffte nun auf eine Empfehlung für die Realschule. Mit dem Zeugnis in der Hand erzählte sie stolz, dass sie es geschafft hatte, sich noch in zwei Fächern zu verbessern: In Sport von einer sechs auf eine vier und in Mathe von fünf auf eine drei.

Jetzt ignorieren wir alle mal den aufkeimenden Impuls zu fragen, wie man es schaffen kann (außer man liegt im Wachkoma) in Sport eine sechs zu bekommen, sondern stellen uns lieber die Frage, was wohl aus diesem Mädchen geworden wäre, wäre sie in eine andere Familie hineingeboren worden. In ein anderes soziales Umfeld. In einen anderen Stadtbezirk. Und nicht in eine Familie und ein Umfeld, das ohnehin keinerlei Erwartungen an sie stellt.

IMG 2614

Keine Familie ist perfekt. Jeder, den ich kenne, hält seine für die verkorkste und ätzendste, die auf diesem Planeten herumkreucht. Ich bin da keine Ausnahme. Aber ich hätte es wahrlich auch schlechter treffen können. Ich bin in einer Welt voller Bücher aufgewachsen, habe als Kind mit meinem Großvater stundenlang Schach gespielt, nach dem Mittagessen wurde endlos über Politik, Religion und Geschichte diskutiert, ich wurde zum Kunstunterricht geschickt, zum Reiten, zum Chor, zum Klavierunterricht. Meine Ausgangslage war wirklich vergleichsweise privilegiert.

Aber erst jetzt, als ich dieses farblose Mädchen sehe, das sicherlich nicht die Hellste ist, deren größte bisherige Leistung ein mittelmäßiger bis schlechter Hauptschulabschluss ist und die einfach nur hofft, dass sie es irgendwie schafft eine Ausbildung zu machen und nicht wie ihre Eltern zu enden, erfüllen mich die Umstände, unter denen ich aufgewachsen bin, mit Dankbarkeit.

Und wenn RTL es schafft, jemandem wie mir ein wenig Bescheidenheit einzutrichtern - und sei es nur für kurze Zeit -, dann ist selbst ein völlig hirnloses Format wie Mitten im Leben am Ende nicht das Schlechteste.

In diesem Sinne: Erfreuen Sie sich an meinem Zustand, an einer Claudia, die ein klein wenig demütig ist. Wer weiß, wie lange es anhält.

Vermutlich nicht sehr lange.

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