Donnerstag, 22. März 2012

Janfried

Es ist Sonntag Morgen. Viertel nach sechs. Natürlich könnte ich Sie in dem Glauben lassen, dass ich an jenem Tag schon so früh wach war, weil ich mich auf den Gottesdienst um zehn Uhr vorbereiten wollte, aber wer soll mir das denn glauben? Die Wahrheit ist trauriger. Ich war bis um diese Uhrzeit unterwegs und saß acht Stunden lang in einer Wohnung in Schöneberg mit zwei anderen verhaltensauffälligen Menschen.

Aber darum geht es nicht.

Es geht um den Nachhauseweg. Den Weg nach Klein-Brandenburg.

Ich stehe dönermampfend am S-Bahnhof Schöneweide und warte auf den Bus, der mich von dieser Einöde in die nächst angrenzende Einöde bugsieren soll. Plötzlich bemerke ich etwas großes, blondes, das darauf wartet, dass ich Blickkontakt aufnehme. Irritiert schaue ich es an, es lächelt. Volltrunken. War ja klar. Er fragt, wo die N65 abfährt. Ich zeige stumm mit dem Döner auf das Bushaltestellenschild 27cm rechts von ihm und gehe weiter. Nachdem sein promilledurchfeuchtetes Gehirn diese Information verarbeitet hat, kommt er hinter mir her, fragt, ob ich auch den Bus nehmen muss (Ja, leider), wie ich heisse (Karolin), er sagt, wie er heisst (irgendwas, was wie Janfried klingt) und woher er kommt (Kopenhagen). Ich überlege, ob ich in den letzten Stunden zwischendurch eingeschlafen war und mir einer mit Edding "Talk to me" auf die Stirn gemalt hat.

Jehova sei Dank kommt kurz danach der Bus, ich steige ein und gehe nach hinten durch mit dem festen Vorsatz die nun vor mir liegende Fahrzeit mit dem Herauspuhlen des Rotkrauts aus dem Döner und nicht etwa mit Konversation mit diesem Fremden, der mich auf eine verstörende Art und Weise optisch an Reinhard Heydrich erinnert, zu verbringen.

Janfried hingegen hat einen anderen Vorsatz.

Er setzt sich neben mich.

Und redet.

Von seinem Bruder, der in Australien ist.

Warum er in Berlin ist.

Über die Rente in Deutschland und dass er am liebsten sein ganzes Leben lang reisen möchte und schon in fünf Ländern war. (Mein inneres Alter Ego zuckt angesichts dieser prachtvollen Zahl arrogant mit den Mundwinkeln.)

Dass er jetzt im Wedding wohne und in den Prenzlauer Berg ziehen will, weil's dort ja so hip sei. (Mein inneres Alter Ego verschluckt sich vor Lachen am Dönerfleisch.)

Zwischendurch zeigt er mir ungefragt seine Ray Ban Nerdbrille und sein iPhone 4s und mein inneres Alter Ego zieht in Erwägung ihm alles abzunehmen und ihn anschließend im Köpenicker Wald zu verscharren, verwirft aber im letzten Moment diese Idee, da es sicherlich kein guter Einfall ist, Menschen, die wie Angehörige der Waffen-SS aussehen, in diesem Bezirk zu meucheln.

Zum ersten Mal in meinem Leben beginne ich ein wenig nachzuvollziehen, wieso so viele Berliner im Laufe der Jahrhunderte so verschissen unfreundlich geworden sind. Vor allem zugezogene Rheinländer, mit denen ich sprach, finden das soziale, tägliche Miteinander in der Hauptstadt ja nicht zum Aushalten.

Es ist ja nicht so, als wenn der Kölner nicht auch mal scheisse gelaunt wäre, als ob es den Bonner wirklich interessieren würde, ob du einen guten Tag hast, als ob der Düsseldorfer wirklich dankbar wäre, wenn die Kassiererin ihm die Quittung gibt.

ABER ER KANN ES VORTÄUSCHEN!

Der Berliner will ja noch nicht mal versuchen, so zu tun als ob!!

Und warum? Damit er eine Aura der Unfreundlichkeit um sich herum erschaffen kann, um nicht von irgendwelchen Zugezogenen nachts um sechs zugeplärrt zu werden.

Aber.

Ich bin und bleibe Bonner.

Und so sehr ich die tieferen Motive, die komplexe Psychologie des Berliners nun beginne zu begreifen, so plane ich auch weiterhin trotzig Guten Morgen, Guten Tag, Danke, Bitte, Schönen Feierabend etc. etc. zu sagen.

Sicher. Dieser Janfriedmensch ging mir unfassbar auf die Nerven. Aber ich mag die geheuchelte Freundlichkeit des Rheinländers in diesen Gesichtspunkten.

Der Rheinländer - Der Asiate der Bundesrepublik.

Höflichkeit ist wichtig. Respektvolles Miteinander ist wichtig. Jemandem in die Fresse schlagen zu wollen ist völlig in Ordnung. Aber es nicht zu tun und mit einem Lächeln noch einen schönen Tag zu wünschen, das zeugt von Größe.

Und so sitze ich in diesem Bus. Um halb sieben morgens. Nicke interessiert, während der Döner in meiner Hand kälter und kälter wird. Lächle, wenn er meint, etwas witziges gesagt zu haben. Stelle mir seinen Kopf auf einem Pfahl vor, während er mir Geschichten aus seiner Schulzeit erzählt.

Weil Höflichkeit wichtig ist. Sinnvoll. Weil wir auch gerne von anderen höflich behandelt werden wollen. Das wusste schon Stalin, als er sagte: "Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen!" Vielleicht hat das auch Jesus gesagt. Ich kann die beiden immer so schlecht auseinanderhalten.

Spielt aber auch keine Rolle. Wenn man sich das ins Gedächtnis ruft, sich bewusst macht, dass das da einem gegenüber auch ein Mensch ist, fällt es einem viel leichter, trotz extremer Genervtheit freundlich zu bleiben.

Das und die Tatsache, dass ich inzwischen wusste, dass er die N65 Richtung Hackescher Markt nehmen wollte und wir im Bus in die andere Richtung saßen.