Donnerstag, 1. März 2012

Heimweh

Ich bin kein Typ für Heimweh. Habe auch Menschen nie verstanden, die abends flennend im Bettchen lagen und wie dauerrollige Katzen nach ihrem Zuhause schrien. Während Fernweh ein Konzept war, mit dem ich durchaus gewillt war, mich anzufreunden, blieb Heimweh Zeit meines Lebens immer ein großes Mysterium für mich. Ein Mysterium, das aus erwachsenen Menschen Mimimi-machende Babies machte.

Bis vorgestern.

Denn vorgestern war ich in Hamburg.

Kommt vor.

Jemand, dem die netten Herren in den grünen Uniformen für einen Monat den Führerschein weggenommen hatten, musste dringend da hin und fragte, ob ich ihn fahre. Sie sehen schon, dieser Jemand kennt mich nicht sonderlich gut, denn keiner meiner Freunde würde mich je bitten ihn irgendwo hinzufahren und sei es nur zum Zigarettenautomaten um die Ecke.

Ich selbst würde mich gar nicht als schlechte Autofahrerin bezeichnen. Ich sehe mich vielmehr als eine fleischgewordene Automobilmassenvernichtungswaffe. Ich bin für vieles nützlich und für fast alles zu haben - T-Shirts batiken, Kekse backen, Pferde stehlen, den Nachbarn im Wald verscharren, Polen überfallen - aber niemand, der das BMW-Massaker von 2009 miterlebt hat, würde mich am Steuer eines Autos sehen wollen.

Nun. Wie gesagt, wusste der Jemand das nicht. Und ich dachte, Hamburg, das soll doch 'ne nette Ecke sein. Da leben @Muermel und @Pseudonymphe, das kann ipso facto keine schlechte Stadt sein.

(Um fair zu sein, ich war mit etwa sechs schon mal in Hamburg. Sie werden sicherlich in den Zeitungen davon gelesen haben, ich war das Kind, das während der Cats-Aufführung fast gelyncht worden wäre, weil es alle Texte auswendig konnte und dementsprechend emphatisch während der Vorstellung mitgesungen hat..)

Wir fuhren also nach Hamburg. Nachts. In der Theorie eine gute Idee, weil weniger Autos auf den Straßen = weniger potentielle Opfer. In der Praxis eher weniger gute Idee, denn offenbar bin ich ein wenig nachtblind und es fährt sich so schlecht, wenn man nicht wirklich sehen kann, ob die Straße nun geradeaus weiter geht oder eine Kurve mit einem winkenden Gevatter Tod wartet. Ich versichere Ihnen: Wenn man sich erstmal an den Uringeruch gewöhnt hat, weil der Beifahrer sich vor blanker Panik eingenässt hat, hat man einen Höllenspaß.

Aab tiff

Hamburg an sich ist eine nette Ecke. Das Wetter war so lala, aber da ich gerade den Berliner Winter hinter mir hatte, wäre ich auch glucksend vor Freude durch den Stalingrader Schnee gehüpft. Außerdem hatte ich die bezauberndste Stadtführerin, die man sich nur wünschen kann: Die Nymphe.

IMG 3184

Sie müssen wissen, die Pseudonymphe und mich verbindet sehr viel, da wir für ein paar Jahre Zelle, Liege, Laken und Seife in einem ukrainischen Frauengefängnis  nahe Odessa teilten. Aber das gehört nun wirklich nicht hierhin. Das Nymphchen zeigte mir die Schanze und das Karoviertel und, liebe Hamburger, ich muss euch sagen, ein hübsches Städtchen habt ihr da. Wirklich. Nett. Goldig. Hachenswert. Es ist nur..

..als ich am zweiten Tag am späten Nachmittag beim Asiaten meines Vertrauens saß (Sie kennen das: Essen scheisse, aber freies W-Lan!) und mir die Eppendorfer Schickeria anguckte, in ihren 500 EUR teuren Lederstiefelchen, ihren 500 EUR teuren Jeans, ihren 500 EUR teuren Michelin-Jäckchen, ihrem 500 EUR teuren Make-Up, ihrem - Ich denke, Sie haben verstanden, worauf ich hinauswill.

Wo war der Dreck?

Der Schmutz und die Graffiti?

Der Lärm?

Die Kotze?

Wo der Duft von langsam wieder auftauendem Hundekot?

Der immer wiederkehrende Geruch von Pipi, Bier und Schweiß in der Bahn?

Und warum kam die U-Bahn pünktlich? Und wieso kam sie überhaupt?

Wo war das Prekariat, der Pöbel? Wo die jogginghosentragenden Plebejer?! Wo die polyesteraffinen Mandys, Chayennes, Kevins, Marvins?!

Ich gehörte hier nicht hin. Ich war ein Fremdkörper. Mir war durchaus bewusst, dass nicht alle Ecken Hamburgs so aussehen wie Eppendorf, aber ich wusste auch, dass keine Ecke Hamburgs wie Berlin sein würde. Es ging gar nicht darum, was die Menschen hier trugen, wie sie stolzierten, so frisch geduscht und lecker duftend, es ging nicht darum, dass Hamburg nicht den asozialen Charme der Hauptstadt hat, es ging auch nicht darum, dass mich hier alles frappierend an Bad Godesberg erinnerte, es ging einzig und allein um mein Herz, das schwer wie Blei wurde und in meinem Kopf eine kleine rollige Katze laut zu pöbeln anfing. Zuhause, das ist ein Gefühl. Und in dem Moment wollte ich nur noch eins.

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Ich wollte nach Hause.

 

P.S.: Das letzte Foto stammt von der liebreizenden @tellanya.