Donnerstag, 29. März 2012

Evolution ist Hitler

Manchmal habe ich gute Ideen. Manchmal weniger gute.

Contagion zu gucken, während ich zu Abend gegessen habe, war eine weniger gute. Zumindest empfand ich meine Spagetti Bolognese weniger appetitlich, nachdem man Gwyneth Paltrow bei ihrer Autopsie den Skalp über's Gesicht gestülpt hatte. Nomnomnomnicht.

Den Film aber generell zu gucken, war eine gute Idee. Ich hatte damals Outbreak gesehen und Contagion ist nichts anderes als die realistische und unpathetische Version von Outbreak. Kühl und sachlich, aber nicht emotionslos, zeigt Soderbergh, was passieren kann, wenn wir unsere Patschehändchen nicht oft genug waschen und in Bars herumstehende Erdnüsse schnabulieren.

Nach 106 Minuten ist der Film zu Ende, Millionen fiktiver Menschen dahingerafft und ich fragte mich: "Und nu?" Eine wirkliche Botschaft gibt es nicht. Charaktere, mit denen man sich identifizieren kann, mit denen man mitfiebert (ha!) auch nicht. Es war wie eine BBC-Reportage. Nur mit bekannteren Hollywood-Gesichtern. Unfassbar vielen Hollywood-Gesichtern. Ach, und Armin Rohde.

Eine Stunde später jedoch bemerkte ich, dass ich mir, seit Ende des Films, etwa zum fünften Mal die Hände wusch. Ich weiß, dass ich in wenigen Tagen, vielleicht schon morgen, damit aufhören werde. Aber jetzt gerade wird mir jedesmal mit Überraschung bewusst, wenn ich mir zum wiederholten Mal im Gesicht rumtatsche - etwas, was (wie ich durch den Film lernen durfte) der Mensch zwei- bis dreitausend Mal am Tag macht und so die in der Bahn, im Supermarkt oder Treppenhaus frisch angeeigneten Viren und Bakterien fachgerecht ihrem neuen Lebensraum zuführt.

Ein bisschen unwohl wird einem bei dem Gedanken schon.

Andererseits.

Dass irgendwann eine Pandemie kommen wird, gegen die WHO und CDC und Konsorten nichts tun können, nichts schnell genug tun können, ist mehr als wahrscheinlich. Geradezu unausweichlich. Genauso wie es irgendwann den Ausbruch eines Supervulkans geben wird. Genauso wie die Sonne sich in einen Roten Riesen verwandeln wird. Das ist nun mal so. Die Natur ist kein Ponyhof und Evolution ist Hitler.

Manchmal tut es gut, einen Film wie Contagion zu sehen. In dem der einzelne Mensch, der sich gerne für die unantastbare Krone der Schöpfung hält, plötzlich zu einem unter vielen wird. Klein. Kleiner als eine Ameise. Nicht mehr als eine anonyme Ansammlung von Zellen. Namenlos. Machtlos.

Das Einzige, was einem nach einem solchen Film bleibt, ist für wenige Stunden oder Tage das unangenehme Bewusstsein, dass wir in der Nahrungskette eben doch nicht ganz oben stehen, wir immer noch natürliche Feinde haben, auch wenn diese mit dem bloßen Auge nicht zu sehen sind, auch wenn diese keine Zähne oder Krallen haben. Es bleibt das Bewusstsein, dass wir immer noch Teil der Natur sind und wir jederzeit aus unserer schönen, bunten Welt wieder in die "wirkliche" geschleudert werden können, wir uns ihr nicht entziehen können.

Und so unangenehm dieses Bewusstsein auch sein mag, so nötig ist es hin und wieder auch.

In diesem Sinne: Hände waschen nicht vergessen!