Donnerstag, 23. Februar 2012

Vabanque

Ich starre seit einer gefühlten Ewigkeit auf die Frau vor mir. Nein. Nicht Frau. Nicht mehr. Nur noch Haut und Knochen. Sie sieht alt aus. Fast mumifiziert. Ich muss bei ihrem Anblick an die Leiche von Ramses II. im Kairoer Museum denken. Wie damals bei ihm ergreift mich bei ihr auch nur blankes Entsetzen.

Ein Teil von mir wünscht sich, sie wäre tot. Aber das ist sie nicht. Zwischendurch bebt ihr Brustkorb und sie stößt einen Laut aus, vielleicht einen Namen, irgendeine wirre Silbe, die nur in ihrem Kopf einen Sinn ergibt. Ihre Augen sind weit aufgerissen, blicken ins Nichts. Ihr Körper seltsam verkrampft. Ihre Haut scheint dünn, fast pergamentartig. Das Gesicht ausgemergelt, die weiße Haare kurz und unfrisiert.

Ein schlagendes Herz ist alles, was sie von einem Toten unterscheidet. Das, was mal Mensch war, scheint schon vor einer Ewigkeit gestorben. Nun ist der Rest von ihr gefangen. In diesen Überresten eines menschlichen Körpers. Irgendwo in den Untiefen ihres Unterbewusstseins. Ich habe keine Ahnung, ob sie Alzheimer hat. Ob sie nur dement ist. Oder sonstwie geisteskrank. Ich vermute aber, dass wenn ihr gesundes, junges Ich sie so sehen würde, es dasselbe Entsetzen packen würde, wie mich.

Das ist kein Leben, das ist nur Leiden. Wäre sie ein Gnu, wäre sie schon längst gefressen worden. Wäre sie ein Vogel, sie wäre schon längst vom Ast geplumpst und im Schnee erfroren. Aber sie ist ein Mensch. Und Menschen sterben nicht so einfach. Bevor wir sterben, vegetieren wir erstmal eine muntere Runde vor uns hin. Jeden Hund schläfern wir ein. Erlösen ihn. Den Menschen nicht. Selbst wenn er wollte. Selbst wenn er es verlangte, darum bettelte und flehte.

Ob sie es geahnt hat? Ob sie es hat kommen sehen? Ob sie sich anders entscheiden würde, wenn sie damals gewusst hätte, dass sie heute in einem Bett auf dem Flur eines Krankenhauses liegen würde, mehr Geist als Mensch?

Aber was hätte sie anders machen können?

Vermutlich nichts.

Früher war das einfacher. Früher wurden die Menschen nicht so alt. Da gab es die gute, alte Pest und andere Nettigkeiten. Und Kriege. Man musste sich keine Gedanken um seinen Freitod machen. Einfach mal durch den Mund atmend durch die Stadt laufen und zack! Spanische Grippe. Man machte sich keine Gedanken darüber, wie man Alzheimer, Depressionen und anderen Gehirnschmonsens abwenden konnte. Man musste nur ein wenig warten und das Problem der eigenen Existenz löste sich durch die einmarschierende französische Armee in Wohlgefallen auf.

Und heute?

Wir führen keine Kriege mehr. Zumindest sind wir in keine mehr involviert, bei denen wir Gefahr laufen, dass die Russen am Ende wieder bei uns vor der Haustür stehen. Und die Krankheiten unserer Zeit entlocken Satan auch nur ein müdes Achselzucken. 30 Menschen sind letztes Jahr an EHEC gestorben. Dreißig. Da kannste Salatgurken fressen, bis der Kot grün wird, aber sterben tut man noch lange nicht. Und all die Darwinisten dieser Welt, die ihre Hoffnung in H1N1 gesetzt hatten - die Spanische Grippe 2.0 -, was wurden sie enttäuscht. Nein, auf die natürliche Selektion ist ja heutzutage weiß Gott kein Verlass mehr.

Und wenn man nicht irgendwo in Afrika haust, sondern im kuschligen Westeuropa, wo Väterchen Staat einem Wohnung, Brot und Schnaps bezahlt, ist das turnusmäßige Erfrieren, Verhungern und Verdursten auch eher selten geworden.

Die Evolution würde sich im Grab umdrehen.

Da wir kaum darauf bauen können beim Gang zum REWE von einer Wolfsmeute zerfleischt zu werden, oder zumindest von einer Horde tollwütiger Backenhörnchen, sehen wir uns von Mutter Natur jämmerlich im Stich gelassen. Dazu verdammt alt und älter zu werden, während Körper und Geist einen Wettbewerb abhalten, wer als erstes aufgibt. Dummerweise scheint meistens der Geist zu gewinnen.

Also liegen wir mit neunzig auf irgendwelchen Krankenhausfluren und werden von anderen begafft wie bumsende Affen im Zoo.

Ich würde jetzt gerne sagen, ich werde es nie soweit kommen lassen. Aber seien wir ehrlich, wie soll ich das verhindern? Und mit wie meine ich die Methode.

Ich bin kein Japaner aus dem 17. Jahrhundert. Ich habe kein Wakizashi hier rumliegen, mit dem ich mir mal eben flott den Bauch aufschneiden könnte. Und selbst wenn, wo kriegt man heutzutage den Sekundanten her, der einem zeitgleich mit dem Schwert das lebensmüde Köpfchen vom Hals säbelt? Über Craigslist? Wohl kaum.

Und es scheint mir heutzutage ohnehin fast unmöglich zivilisiert aus diesem Leben zu scheiden.

Zyankali ist spätestens mit dem Selbstmord von Göring 1946 völlig aus der Mode gekommen. Sich mit einer Waffe in den Kopf zu schießen halte ich für geradezu wahnsinnig, es sei denn man weiß genau wohin man da zielen muss, ansonsten landet man wieder auf dem Krankenhausflur. Es ist bewundernswert, wie wenig funktionierende Gehirnmasse der menschliche Körper doch braucht, um das System am Laufen zu halten. Man kann sich freilich wie van Gogh auch in Brust oder Bauch schießen, aber herrje, der Mann brauchte zwei Tage um daran zu krepieren, schön ist anders. Aber diese ganze Schießerei macht auch einfach wahnsinnig viel Dreck.

Von einem Strick würde ich auch abraten, in der Regel hat man zu wenig Schwung, wenn man den Stuhl oder ähnliches wegstößt, man bricht sich also nicht das Genick, sondern erstickt. Oder dachten Sie die Falltüren damals waren nichts weiter als ein netter Gimmick? Man braucht wirklich lange um zu ersticken. Und Tabletten, ach machen Sie sich doch nicht lächerlich. Der normale Mensch kommt an die wirklich harten Geschütze nicht dran und das Ende vom Lied ist wieder der Krankenhausflur. Und woher soll Omi wissen, wo sie das gute Koks herkriegt, mit dem sie sich den goldenen Schuss verpassen kann? Natürlich gäbe es noch die Möglichkeit sich vor einen Zug zu schmeißen, aber wer will denn für die ganzen motzenden Tweets bestimmter Herrschaften verantwortlich sein, deren ICE dann nicht weiterfahren kann? Sich einfach in den Park zu setzen und zu erfrieren ist auch ungemütlich, es sei denn man nimmt heißen Kakao und Kekse mit, aber irgendwie wäre das dann ja auch wieder kontraproduktiv. Und bei meinem hübschen Gesicht, das ich plane, mir bis ins hohe Alter zu erhalten, werde ich auch sicher nicht von einem Hochhaus plumpsen.

Seien wir ehrlich. Die Natur lässt uns nicht einfach sterben. Die Ärzte aufgrund einer verschwurbelten, zweitausend Jahre alten Ansicht über die Menschenwürde ohnehin nicht. Und eine Möglichkeit ohne großen Aufwand und einfach nett, zivilisiert und vor allem ohne den Teppich einzusauen, aus dem Leben zu schreiten, scheint es auch nicht zu geben.

Also werde ich auch eines Tages in einem Krankenhaus dieser Welt auf dem Flur in einem Bett liegen. Mit einem dünnen Leibchen, das man hinten zuschnüren kann. Und einer Windel. Falls mein Körper nicht schon angefangen hat, Nahrung und Verdauung einzustellen. Ich werde schnappatmen wie eine beschissene Forelle auf dem Steg und zwischendurch die Namen meiner Verflossenen oder Katzen murmeln oder wahlweise brüllen, während die Überreste meines Gehirns mit meinem Unterbewusstsein Vabanque spielen.

Oh mein Gott. Ich finde kaum Worte dafür, wie sehr ich mich jetzt schon darauf freue.

In diesem Sinne: Möge die nächste EHEC-Epidemie mit euch sein!