Donnerstag, 2. Februar 2012

Ich muss los

Ich habe heute keinen Blogpost für dich.

Das müsste ich schreiben. Ich muss nämlich los und meine kleine Schwester vom Flughafen abholen. Ich weiß, was Sie jetzt denken: "Oh Gott, die Eltern haben nach der Tochter ernsthaft gedacht, dass die Welt eine weitere davon braucht?!" Glauben Sie mir, ich selbst war damals mit sieben Jahren von diesem tollkühnen Fortpflanzungsprojekt auch nur wenig begeistert. Aber man hatte wohl die Hoffnung, dass das zweite Kind besser gelingen würde. Nun, nach 22 Jahren kann ich wohl sagen:

Bwahahahahahahaha!

War wohl nix, was Mutti?!

Wie auch immer. Sie landet in Kürze und ich muss schnell nach Tegel und habe keine Zeit, die ich mit Ihnen verplempern könnte.

Sie hat sich übrigens selbst eingeladen. Ich hatte sie nicht gebeten zu kommen. Also alles genauso wie vor 22 Jahren. Mir ist es völlig unverständlich, warum sie kommt. Sie ist des Googelns mächtig und weiß, wo Köpenick liegt. Außerdem schicke ich ihr seit Wochen Informationen über die aktuellen Temperaturen, aber weder das eine noch das andere scheinen sie abzuhalten hierher kommen zu wollen. Gut, ich weiß, ich bin entzückend und man muss mich einfach liebhaben, aber bei diesem Wetter?! Bitte. Das ist doch unglaubwürdig.

Aber ich habe wirklich keine Zeit, das näher auszuführen. Die Tram kommt gleich.

Aber nicht nur, dass sie sich selbst eingeladen hat. Oh, nein. Sie will das volle Programm, während sie hier. Revue im Friedrichsstadtpalast. Abendessen im Fernsehturm. Abgesehen davon, dass ich noch nicht mal rückfahrtsfahrend in der Bahn lesen kann und die Idee in einem sich drehenden Restaurant zu speisen für mich so verlockend wie ein Bauchschuss klingt, ist sie offenbar der lustigen Annahme, ich hätte Geld. Könnte daran liegen, dass ich den Bonnern nicht erzähle, dass ich keines habe. Die Gefahr, dass sie dann am folgenden Wochenende mit einem Umzugswagen vor dem Haus stehen und mich zwangsumsiedeln ist bei diesen Wahnsinnigen nämlich durchaus gegeben. Deswegen bin ich nach den nächsten fünf Tagen vermutlich hoffnungslos verschuldet.

Aber ich kann darauf jetzt nicht näher eingehen, ich habe wirklich keine Zeit.

Wissen Sie, verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich mag meine Familie. Ich liebe sie sogar. Hin und wieder. Vorzugsweise aus der Ferne. Und vor allem, wenn sie mich nicht anrufen oder besuchen. Dann liebe ich meine Familie wirklich auf eine unfassbar intensive Art und Weise. Aber ich wohne ja nicht ohne Grund hier am Ende der bekannten menschlichen Zivilisation, zwischen Menschen, die Lobotomien und zu KIK fahren als ihre Freizeitbeschäftigung ansehen. Das hat einen Grund. Es soll die Menschen abhalten, hierher kommen zu wollen.

Nun, da kann ich ja nur sagen: Das. Hat. Ja. Super. Geklappt.

Aber ich muss jetzt wirklich los, das Kind wartet nicht. Sie meinte zwar, ich müsse sie nicht am Flughafen abholen, aber seien wir ehrlich, ich will das blöde Gesicht nicht verpassen, wenn sie aus dem Terminal kommt und ihr bei minus 16°C die Gesichtsmuskeln festfrieren.

In diesem Sinne: Ich muss jetzt wirklich los.