Samstag, 14. Januar 2012

Sophie

Erinnert ihr euch, als ihr mit acht oder neun in die Poesiealben eurer Freunde geschrieben und bei Hobbys dann so geistreiche Dinge wie Lesen, Malen, Reiten, Singen, Fußball etc. aufgeführt habt?

Nun, gut zwanzig Jahre später müsste ich wohl folgendes schreiben: Internet und Prokrastinieren. Meistens gleichzeitig.

Wobei es nicht einfach nur ein Hobby ist. Was andere vielleicht nebenbei machen - ich möchte fast sagen: amateurhaft - habe ich, vor allem während der Prüfungsphase im letzten Jahr, zu einer Perfektion getrieben, die andere nur vor Neid erblassen lässt.

Ich bin nicht einfach nur eine Procrastineuse.

Ich bin Proficrastineuse.

Und da liegt der Hase im Pfeffer. Denn hin und wieder, also jetzt gerade, habe ich eigentlich den Arsch voll Arbeit und kriege es nicht gebacken, denselben zu bewegen.

Daher erdachte meine Großhirnrinde im Januar folgendes System: Belohnungen! Very simple. Wie ein Welpe, der nicht mehr auf den Boden pinkelt und dafür ein Leckerli kriegt, kriege ich (von mir selbst) am Ende der Woche, wenn ich alles erledigt habe, etwas schönes.

Eine Zuckerwattemaschine.

Ein Pony.

Oder im Fall der letzten Woche: Einen Farn.

Ich mag Pflanzen. Sie mich jedoch nicht und begehen daher mit größter Vorliebe und in Rekordgeschwindkeit Suizid. Ich denke, hätten Sie die Möglichkeit sich aus dem Fenster oder in ein Starkstromkabel zu stürzen, anstatt sich langsam und erbärmlich in etwas braunes, vertrocknetes oder gar schimmeliges zu verwandeln, sie würden es tun.

Dennoch liebe ich Pflanzen. Vom rein ästhetischen Standpunkt. Das ist nichts versautes, rein platonisch. Eine platobotanische Liebe sozusagen. Wenn halt auch eine einseitige.

Und vor allem liebe ich Farne.

Und daher der Plan: Wenn ich diese Woche alles erledigt haben sollte, gehe ich zu IKEA und kaufe mir einen schönen, großen Farn mit passendem Topf. Hört sich einfach an, ist es natürlich nicht.

Abgesehen davon, dass ich bis dahin meine To-Do-Liste erledigen musste und mir dabei meine beiden größten Feinde (mein Bett und ich selbst) dabei im Weg standen, wohne ich ja bekannterweise in Klein-Brandenburg, im Mordor Berlins, und ich hatte nur wenig Lust den Muli vor den Karren zu spannen und im nächsten Dorf, gefühlte drei Tagesreisen entfernt, zu IKEA zu fahren.

Also klimperte ich ein wenig mit den Wimpern und fragte einen Freund, ob ich sein Auto kriege. Schallendes Gelächter war die Antwort. Ich sollte wirklich aufhören Leuten von meinen Unfällen zu erzählen. Es wirkt offenbar verstörend auf andere Menschen, wenn sie erfahren, wie man nüchtern - im ersten Gang - mit so viel Schmackes in ein anderes Auto reinbrettern kann, das alle beteiligten Fortbewegungsmittel anschließend unter der Rubrik 'Totalschaden' laufen.

Ich persönliche nenne das ja ein Talent.

Aber man hatte dennoch Mitleid mit mir und bot an mich zu fahren, wenn man statt zu IKEA zu einem richtigen Baumarkt führe. Denn es hatten sich nicht nur meine vorwiegend latent existenten Fahrkünste herumgesprochen, sondern auch die durchschnittliche Lebenszeit meiner grünblättrigen Mitbewohner, und man bestand darauf, dass ich mich beraten lassen sollte.

Beraten. Ich. Wegen eines Farns.

Ich hatte nicht vor eine Alligatorfarm aufzumachen oder Kois zu züchten.

Aber ich hatte nunmal kein Auto und nur dünne, schwache Ärmchen, die keine Lust hatten das Ding via öffentliche Verkehrsmittel durch Berlin zu schleppen.

IMG 2619

 

Wir fuhren hin. Gingen rein. Suchten die Abteilung. Suchten eine Fachkraft (ein Begriff, über den ich seit Schwiegertochter gesucht nur schmunzeln kann.. falls jemand fragt, ich bin übrigens Blog- und Twitter-Frachkraft..).

Natürlich war die Farn-Fachkraft eine Frau in den Vierzigern mit rausgewachsener Dauerwelle und einem Make-Up-Verhalten, das ich bestenfalls als Gesichtsvergewaltigung bezeichnen würde. Ich schilderte ihr, was ich suchte, zeigte ihr meinen kleinen Waffenschein, durch den ich berechtigt war den schwarzen Daumen zu tragen und gelobte ihr durch das rituelle Opfern einiger Kanarienvögeln in der praktischerweise angrenzenden Tierabteilung, dass ich von nun an immer gut auf Pflanzen aufpassen wollte.

Sie war von derlei natürlich völlig unbeeindruckt. Wir befanden uns schließlich in Berlin-Adlershorst, einem Ort, den selbst die Russen im Frühjahr '45 gemieden hatten. Hier lebte das Grauen, man hatte alles gesehen und sich dennoch ohne wirklich rational nachvollziehbare Gründe zum Weiterleben entschieden.

Man fragte, in welche Himmelsrichtung mein Fenster zeige bzw. wann die Sonne da reinschiene und ich outete mich durch die Antwort: "Den ganzen Tag."  als völligen Fachidioten. Nachdem wir herausgefunden hatten, dass ich seit vier Monaten in die falsche Himmelsrichtung gebetet hatte und Stalins Grab eigentlich durch mein Küchenfenster gepriesen werden musste, erfuhr ich außerdem, dass der Farn nicht weiter als einen Meter vom Fenster entfernt stehen dürfe, weil wegen Tod und so.

Als ich charmant durchblicken ließ, dass ich mir ja sonst in einem Monat einfach einen neuen kaufen könnte, verstarb das zarte Pflänzchen der Freundschaft, das ich mit diesem Uruk-Hai der Baumarktwelt in den letzten gefühlten drei Stunden genährt hatte, augenblicklich und offenbar flanierte ich die restliche Unterhaltung bei ihr nur noch unter der Rubrik: "Massenmord."

Ich finde das arg verletzend, denn schließlich verfolge ich keinesfalls genozidale Absichten, wenn ich Pflanzen anschaffe. Es ist mit viel Fantasie vielleicht Totschlag, unterlassene Hilfeleistung und dergleichen, aber die Frau war von ihrer Meinung kaum abzubringen. Einmal über meine mangelnden botanischen Fähigkeiten - inklusive der Wohnverhältnisse, die in ihren Augen mehr einem GuLag glichen - informiert, tat sie alles dafür um mich mittels Mimik, Gestik und abfallendem Tonfall davon abzuhalten eine Pflanze zu kaufen.

Und was soll ich sagen? Da ich mich nicht gerne als der Pol Pot der Flora verurteilen lasse, zogen wir pflanzenlos wieder von dannen. Mein, beim herausgehen getätigter Vermerk ich könnte mir ja auch ein Chinchilla anschaffen, wurde lediglich mit Zerren meines Ärmels gewürdigt.

Nun sitze ich hier. Mit einem duften Belohnungssystem. Ohne Farn. Und überlege fieberhaft, was ich mir stattdessen gönnen soll.

Und dann ist da zwischendurch dieser Gedanke, vielmehr Bilder, die blitzartig vor meinem inneren Auge auftauchen und mich nur quieckend frohlocken lassen..

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Ich sag mal so: Im Berliner Tierheim gibt es zur Zeit eine entzückend hässliche Bordeaux-Dogge, die sich sicherlich über ein neues Zuhause freuen würde. Bei der muss ich mir auch keine Sorgen machen, dass die verdurstet oder verhungert. Notfalls frisst sie einfach mich. Ich persönlich halte das geradezu für einen glorreichen und unfehlbaren Plan.

Und ich kann die blanke Panik meiner Familie, wenn sie diese Zeilen liest, schon jetzt vor meinem inneren Augen sehen. Vermutlich sind sie schon auf dem Weg zum Baumarkt, um mir einen Farn zu kaufen und ihn mir persönlich nach Berlin zu bringen. Alles, hauptsache, das Kind macht die seit zwanzig Jahren wiederholte Drohung sich ein derartiges Monster anzuschaffen nicht wahr. Soll die scheiss Pflanze doch dran glauben.

Ihr denkt, ich spaße.

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Ich sag mal so: Ihr Name ist Sophie, sie ist vier Jahre alt und das Berliner Tierheim hat auch am Wochenende geöffnet. Ihr wisst, was zu tun ist. XOXO