Donnerstag, 19. Januar 2012

Nörgler und Schisser

Bekannterweise beschwert sich der Deutsche ja gerne.

Über alles.

Das Wetter.

Die Politik.

RTL.

Das Wetter.

Sein Gewicht.

Das Wetter.

Die Nachbarn.

Der Deutsche nörgelt gerne, suhlt sich in seiner eigenen Unzufriedenheit und reagiert allergisch, ist er mit Menschen konfrontiert, die wirklich Grund haben zu nöhlen.

Manchmal scheint es fast - niemand würde es je zugeben - der Deutsche will es auch nicht anders. Er gefällt sich in der Rolle des griesgrämigen Europäers, in der des Bedenkenträgers, des Zögerers und Zweiflers. Es ist einfach zu nörgeln. Bequem.

Schaue ich in mein privates Umfeld, wird klar, die Ursache liegt tiefer. Denn der Deutsche ist nicht einfach nur ein Nörgler. Der Deutsche ist ein Schisser. Und ich rede hier nicht von irgendwelchen Managern, Bankern und anderen Heinis, ich rede von dem Männlein im Bus, auf der Straße, an der Kasse bei ALDI. Dieses Männlein ist ein Schisser. Und machen wir uns nichts vor: Sie und ich, wir sind es ebenfalls.

Denn worüber nörgeln wir im Laufe unseres Lebens am meisten: Über eben dieses. Vor allem ab einem gewissen Alter, wenn wir erkennen, dass wir nicht ganz die Person Mensch geworden sind, die wir mit acht planten zu werden.

Ich hatte mit acht gerade Robinson Crusoe gelesen und war die nächsten sieben Jahre intensivst damit beschäftigt mein Leben auf einer einsamen Insel zu planen.

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Jetzt sitze ich in Köpenick. Und das kommt dem schon ziemlich nahe. Auch wenn ich mein Mittagessen hier nicht jagen muss, so bin ich doch vermutlich der einzige Homo sapiens im Umkreis mehrerer Tagesreisen.

Dennoch, Hand hoch, wer wirklich seinen Traum lebt und sich nicht plötzlich mit Dreißig, Vierzig Jahren in einem Job wiederfindet, den er nie wollte, an einem Schreibtisch sitzt, von acht bis fünf, umgeben von Kollegen, die man spätestens am Mittwoch in einen Gartenhäxler werfen möchte, einer Wohnung, die viel zu sehr wie die von Mutter aussieht und einem Partner für den dasselbe gilt.

Also was tut man?

Man nörgelt.

Über die Kollegen. Den Chef. Die Mutter. Die Frau. Den Mann. Die Katze, die in den Schuhschrank gekotzt hat. Über das Kind, das auf die Katze gekotzt hat.

Die haben natürlich Schuld, dass das eigene Leben nicht so lief, wie man das mit acht mal wollte. Man selbst natürlich nicht. Wo käme man denn da auch hin, wenn man selbst schuld wäre? Denn das würde ja bedeuten, dass man auch selbst etwas daran ändern könnte, und seien wir ehrlich, dieser Gedanke ist höchst absurd und geradezu lächerlich. Sagen wir es gemeinsam:

LÄCH-ER-LICH!

Daher begegnen wir diesen seltsamen Kreaturen, die hin und wieder innerhalb unseres periphären Blickwinkels aufpoppen, und die tatsächlich versuchen ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, mit Widerwillen, Abscheu und Missgunst.

Wie kann er es wagen, sein Leben verändern zu wollen?!

Wie kann sie es wagen, glücklich(er) sein zu wollen?!

Wo kämen wir denn hin, wenn das jeder machen würde?!

Also machen wir das, was wir am Besten können, also neben dem Nörgeln: Wir streuen Zweifel. Saugen uns alle Bedenken aus unseren Hirnwindungen, die wir nur finden können, während wir verständnisvoll nicken und so tun, als fänden wir den Wunsch nach Veränderung zwar generell gut, dies aber auch mit Bedacht und Sorgfalt in die Tat umgesetzt werden muss.

Frei nach dem Motto: Besser nichts wagen und nichts verlieren, als irgend etwas zu wagen und zu scheitern.
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Vermutlich schaudert es kein Volk so sehr vor dem Scheitern wie es bei den Deutschen der Fall ist - abgesehen von den Japanern vielleicht, aber die sind zumindest so anständig es zu probieren, um sich dann anschließend konsequenterweise in ein Schwert oder von einem Hochhaus zu stürzen, anstatt motzend in ihrer Existenz zu verharren.

Scheitern ist furchtbar. Scheitern muss vermieden werden.

Aber es ist nicht nur das. Wenn wir einem Menschen gegenüber sitzen, der mit Strahlen in den Augen davon berichtet, was er alles ändern will, was er plant, was er vorhat, dann wird uns in diesem Moment bewusst, dass wir selbst das sein müssten.

Wir bemerken in diesen Minuten was uns selbst fehlt und statt sich mit unserer fehlenden Chuzpe auseianderzusetzen und zuhause auf dem Speicher die verlorengegangen Cojones zu suchen, versuchen wir diesen Menschen davon abzubringen, suggerieren ihm, dass es falsch ist, etwas ändern zu wollen.

Dieser Mensch da vor einem muss begreifen, dass sein Plan unvernünftig, nicht durchdacht ist, dass er ein Wagnis eingeht, dass ein Scheitern unvermeidlich sein wird. Gott bewahre, wenn er Erfolg hätte. Also zieht man die Person herunter, so weit es nur geht. Kräuselt bedenklich den Teil zwischen Augenbrauen und Nase und denkt sich Sätze aus, die stets mit "Das hört sich gut an, aber.." beginnen.

Am Ende sind nicht die die Mutigen, die sich entschließen ihr Leben zu ändern, weil sie merken, dass irgendwas schief läuft und sie nicht mit achtzig auf dem Sterbebett liegen und "Das ist jetzt irgendwie scheisse gelaufen*röchel*....." denken wollen.

Am Ende sind es die, die sich über Wochen und Monate der fleischgewordenen Negativität aus ihrem Umkreis stellen. Den Freunden, den Bekannten, den Kollegen, der Familie, die alle im Chor "Das geht nicht!" singen. Die sich davon nicht unterkriegen, nicht entmutigen lassen.

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In diesen Minuten, während ich diese Zeilen tippe, sitzt meine beste Freundin in einem Flieger Richtung Thailand. Sie hat ihre Wohnung gekündigt, ihr Auto verkauft und das, was nicht in den Rucksack packte verschenkt, verkauft und weggeschmissen. Sie wandert aus. Weil sie des Nörgelns überdrüssig geworden ist.

Ich weiß nicht, ob sie mit dem, was sie vorhat, Erfolg haben wird. Sie selbst weiß es nicht. Wie auch?! Aber darum geht es nicht. Es geht darum, es trotzdem zu machen.
Es geht darum etwas zu machen. Etwas zu wagen.

In diesem Sinne:
"Erfolg und Glück sind auf der Seite der Narren."
(James T. Kirk)


Ach, eines vielleicht noch:
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