Dienstag, 31. Januar 2012

Irgendwas sibirisches

Liebes Tagebuch,

ich weiß nicht, welchen Tag wir haben. Vermutlich Montag. Oder Donnerstag. Ich bin aber zumindest recht sicher, dass wir Dezember haben. Seitdem sich dieses sibirische Hoch, unerbittlich wie Stalin, über das Land geworfen hat und neben einer zarten, apokalyptischen Schneedecke nur Kälte, Tod und Verderben brachte, fällt es mir schwer mich im Hier und Jetzt zurechtzufinden.

Irgendwie hatte ich mir das ursprünglich anders vorgestellt. Damals als ich Robinson Crusoe las und anschließend beschloss auch eines Tages auszuwandern.

Vor allem hatte ich mir Strand und Palmen und irgendwas tropisches vorgestellt.

Stattdessen Schnee und Eis und irgendwas sibirisches.

Das hier ist nicht Robinson Crusoe, das ist Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch.

Ich kann nur für wenige Minuten am Tag meine aus Menschenhaar geflochtene Hütte verlassen, ohne dass der eisige Wind sich wie Hannibal Lecter in mein Gesicht verbeisst, um jeden Nerv darin zu zerreissen wie ein überspanntes Drahtseil. Die Luft ist so kalt, dass sie sich bis zu den Knochen durchfrisst und jeder schmerzende Atemzug erinnert mich daran, dass es völlig überflüssig war, das Rauchen aufzugeben.

Bei jedem Versuch länger draußen zu bleiben, verliere ich ein weiteres Körperteil und da ich ein sehr eitler Mensch bin, muss ich sagen, dass ich beim Blick in den Spiegel finde, dass ich mit nur sieben Fingern, einem Ohr und ohne Füße doch ein wenig albern aussehe. Wenn ich ein Auge verlieren würde, würde mir das alles zumindest einen stauffenberg'schen Touch verleihen, aber stattdessen mutiere ich zu einer Quasi-Modo-Version mit Brüsten. Wobei mir die sicherlich als nächstes abfrieren werden.

Meine selbstgenähten Umhänge und Mäntel sind nur dürftig ausreichend und da es mir bisher nicht gelang im Müggelsee Seehunde oder ähnliches zu erlegen, bin ich auf Yorkshire-Terrier, Katzen und Eichhörnchen angewiesen. Leider erweist es sich als äußerst langwierig aus Eichhörnchenfell einen Mantel anzufertigen.

Hinzu kommen die täglichen Gefahren. Besonders der Weg zum 100m entfernten REWE gestaltet sich schwierig und kann sich über Tage hinziehen. Ständig muss ich damit rechnen von Eisbären angefallen zu werden. Wenn ich ihren lüsternden, sexuell verwirrten Blick richtig interpretiere, wäre von ihnen gefressen zu werden, die noch wünschenswerteste Todesart.

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Ich möchte nicht, dass meine Familie im warmen, kuscheligen Bonn eines Tages in der Zeitung lesen muss "Aussteigerin von Polarbär zu Tode gefickt". Ich bin sicher, das wäre einer dieser Sonderfälle (neben Suizid) bei denen sich die Kirche weigert, einen auf einem katholischen Friedhof zu beerdigen. Und jeder weiß, ich wünsche mir nichts mehr.
Und seitdem Wilhelm, mein afro-germanischer Rennvogelstrauss das Zeitliche segnete - okay, ich habe ihn gegessen - bin ich darauf angewiesen, mich auf meinen eigenen Stümpfen fortzubewegen. Was eo ipso weder besonders zügig, noch besonders grazil vonstatten geht.

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Ich sehne mich daher nach der wärmenden Sonne Stalingrads zurück. Sicher, viel wärmer war es dort auch nicht, aber zumindest gab es dort die Option auf einen schnelleren Tod. Man musste nur sein behelmtes Köpfchen herausstrecken und munter einem der sowjetischen Scharfschützen winken. Hier, in diesem Gulag Klein-Brandenburgs, bleibt mir selbst diese Möglichkeit verwehrt. Nie ist ein Russe mit einem Mossin-Nagant zur Stelle, wenn man ihn braucht.

Und so bleibt mir am Ende nichts anderes übrig, als dem zwar sicheren, aber dennoch langsamen und qualvollen Tod ins Auge zu blicken.

Sollte ich nicht vorher erfrieren, werde ich mich vermutlich häppchenweise selbst verspeisen. Doch ich befürchte, bei meinem Karma und Glück, wird der Frühling genau dann zurückkehren, wenn ich nur noch ein deformierter Torso bin, der sich gerade selbst verdaut.

HB2Goblin

Andererseits würde ich dann auch endlich optisch eins werden mit den restlichen Bewohnern meines Bezirks. Das mag der ein oder andere positiv sehen - Stichwort: Assimilierung -, in diesem Fall würde ich es jedoch vorziehen, von einem Eisbären ins Jenseits penetriert zu werden.

In diesem Sinne:

Polatbear 

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